Samstag, 15. September 2012

Letzte Worte

Beim letzten Mal haben wir uns über gute erste Sätze unterhalten.
Nun habe ich mich gefragt, wie sieht es mit ihren Brüdern am anderen Ende des Spektrums aus?
Wird dem letzten Satz genauso eine Bedeutung beigemessen, wie dem ersten?
Soll ja immerhin Leute geben, die bis nach hinten blättern und schauen, wie alles endet, ts.
Gibt es gute letzte Sätze, und wenn ja, was kennzeichnet sie?
Hat sich Meiner Einer gefragt und auf die Suche gemacht.
Und Erstaunliches gefunden.

Nun ist es aber so: Um zu beurteilen, ob das Ende eines Buches gelungen ist, muß man das ganze Buch gelesen haben. (logisch)
Daher ist es schwer, hier einfach so Beispiele zu nennen.
Ob einem ein Anfang gefällt, kann jeder beurteilen. Der letzte Satz dagegen, ist oft schwer verständlich, ohne Kenntnis des vorherigen Inhalts. (Deswegen blättert doch nicht auf die letzte Seite, Leute, tststs …)
Hab` aber etwas herausgefunden.

Obwohl die Enden von Büchern so vielfältig anders sind, wie die darin erzählten Geschichten, konnte ich dennoch so etwas wie Kategorien ausmachen.

Die meißten letzten Sätze lassen sich wie folgt einsortieren:

1) Das versöhnliche Ende. (Im Stile von „Und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage“.)

2 )Der Ausblick. (Wie es nach dem Ende weitergehen könnte; positiv wie negativ.)

3 )Offenes Ende. (Der letzte Satz legt den Ausgang der Geschichte nicht eindeutig fest.)

4) Philosophisches Ende / Moral / Letzte Gedanken. (Entweder kommentiert der Protagonist die Ereignisse oder der Erzähler zieht seine Schlüsse.)

5) Held reitet in den Sonnenuntergang. (Erstaunlich viele Bücher enden so. Sogar mein pelziger Kumpel Hazel aus „Unten am Fluß“ wählt dieses Ende. Helden im Sonnenuntergang können zu einem Happy End gehören haben aber häufig einen melancholischen Touch.)

Für welche Art von allerletzten Worten der Autor sich auch entscheidet: es ist nicht einfach. Der letzte Satz soll abschließen und nachklingen gleichzeitig. Er soll abrunden, versöhnen, dem Leser einen Seufzer entlocken oder eine Gänsehaut verursachen. Eine Träne oder ein Aha-Erlebnis bringen. Es kann das letzte Puzzleteil in einem Rätsel sein. Oder ein Augenzwinkern.
Und natürlich hat Meiner Einer euch ein paar zusammen gesucht:

"... from that day forward she lived happily ever after. Except for the dying at the end. And the heartbreak in between."
Lucius Shepard - The Scalehunter`s Daughter

"Tomorrow, I`ll think of some way to get him back. After all, tomorow is another day."
Margaret Mitchell - Gone with the Wind

"He loved Big Brother." George Orwell - 1984

„Und dann begreife ich.“ Scarlett Thomas – Troposphere

Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.“ Die Gebrüder Grimm – Schneewittchen

"Hazel folgte, und zusammen glitten sie davon, liefen leichtfüßig durch den Wald hinunter, wo die ersten Primeln zu blühen begannen."
Richard Adams - Unten am Fluß 

"And darkness and decay and the Red Death held illimitable dominion over all."
E.A. Poe - The Mask of the Red Death

Aber ich muß auch sagen, zum soundsovielten Mal, das Leben ist nicht gerecht. Es ist bloß gerechter als der Tod.“ William Goldmann – Die Brautprinzessin

Ihr aber, o meine Brüder, gedenket manchmal eures kleinen Alex, wie er einst gewesen. Amen. Und all so Zeugs.“ Anthony Burgess – Uhrwerk Orange

A glooming peace this morning with it brings;
The sun for sorrow will not show his head.
Go hence, to have more talk of these sad things.
Some shall be pardoned, and some punished;
For never was a story of more woe,
Than this of Juliet and her Romeo.” 
- Shakespeare

 Und wenn du jetzt wissen willst, wo das Buch ist, das der GuRie geschrieben hat, dann ist die Antwort ganz einfach: Hier ist es! Du hast es gerade ausgelesen.“ Roald Dahl – Sophiechen und der Riese
„Er reibt sich die Hände, und die Augen blitzen, als er es ausspricht: Zum Krieg!
Patrick Ness – Das Dunkle Paradies (New World Trilogie Band II )

Aber das ist, wie die allerbesten Schriftsteller sagen, eine andere Geschichte. Ende – Jedenfalls erst mal.“ Phillip Ardagh – Schlimmes Ende

Es wäre dann daraus zu schließen, dass Klara das ruhige häusliche Glück noch fand, das ihrem heiterem lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Inneren zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.“ E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Dies ist in Wahrheit meine Todesstunde, und was nachher kommt, betrifft einen anderen als mich. Und indem ich die Feder niederlege und mein Bekenntnis versiegele, beschließe ich das Leben dieses unglückseligen Henry Jeckyll.“ R. L. Stevenson – Dr Jekyll & Mr Hyde

Gehen wir?“
„Gehen wir.“ Alessandro Barricco – City

Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel. Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein, und auf ihrem Rücken, für niemanden mehr sichtbar als nur für den, der diese Geschichte gelesen hat, erschienen langsam die Buchstaben … „
Michael Ende - Momo


 Frage:

Schon einmal ENDE unter eine Geschichte geschrieben?
Wie hat es sich angefühlt?
Was waren deine letzten Worte und fielen sie dir schwer, sie zu formulieren, oder war dir von Anfang an klar, was der letzte Satz werden würde?
Berichte mir von deinen Erfahrungen im Kommentar.

Kommentare:

  1. Ich hoffe ich werde eines Tages so schöne Ende schreiben können wie Michael Ende :)

    Es kommt mir falsch vor, wenn mann weißt wie die letzte Satz aussehen soll. Es ist für mich wie eine Belohnung, die mann erst verdienen soll :)

    Ich mag besonders die letzte Worte von Der kleinen Prinz von Antoine de Saint-Exupéry:

    "Schaut den Himmel an. Fragt euch: Hat das Schaf die Blume gefressen oder nicht? Ja oder nein? Und ihr werdet sehen, wie sich
    alles verwandelt ... Aber keiner von den großen Leuten wird jemals verstehn, daß das eine so große Bedeutung hat!"

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    1. Hat das Schaf nun die Blume gefressen oder nicht?!?
      Die Frage macht mich fertig ...
      Ich würde sagen, das fällt in die Kategorie "Offenes Ende" ;)

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