Freitag, 5. Mai 2017

Prologe und Epiloge in Romanen



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Was ist ein Prolog, und was ein Epilog und wie setze ich ihn wirksam ein?
Brauche ich überhaupt einen Prolog oder ist dieser nicht eher hinderlich, weil der (ungeduldige) Leser direkt zur Handlung kommen möchte?
Und welche Arten von Prologen gibt es überhaupt?
Meiner Einer hat sich das mal angesehen und fasst im Folgenden die verschiedenen Arten von Prologen und Epilogen für euch zusammen.

Zunächst einmal bedeutet Prolog so viel wie „Vorwort“(entsprechend bezeichnet der Epilog das Nachwort). Ein Prolog ist also eine Einleitung, Vorrede oder auch ein Vorwort für ein Drama oder einen Roman. Man kennt das aus der Sach- und Fachliteratur, dort gibt es auf den ersten Seiten sehr häufig ein Vorwort des Verfassers, der Zweck und Ziel seiner Ausführungen darlegen will, also grob, worum es in dem Sachbuch geht, welche Themen behandelt werden. Feste Regeln zu Form und Inhalt gelten dabei nicht. Im Drama dagegen wird der Prolog auf andere Weise eingesetzt. Aristoteles definiert den Prolog formal als den „ganzen Teil der Tragödie vor dem Einzug des Chors“; es werden Personen, Ort und Zeit der Handlung fixiert. Der Prolog dient also auch hier manchmal, ähnlich wie im Sachbuch, der Erläuterung der Intention des Stücks.
Beispiel aus Shakespeares „Romeo und Julia“:
Auftritt Chor
CHOR
Seht zwei Familien hier von gleichem Stand —
Verona sei der Ort für unser Stück,
wo alter Hass setzt neue Wut in Brand,
wo Bürgerkrieg ist höchstes Bürgerglück.
Zwei Elternpaare, Feinde voller Wut,
stoßen die Tochter und den Sohn zur Welt,
doch Kinderliebe stirbt in Kinderblut,
das ihren Eltern ihren Krieg vergällt.
Wie solche Liebe kommt und solcher Hass
so lange dauert, bis die Liebe geht,
wenn die Kinder tot sind: Das ist das,
was ihr auf unsrer Bühne heute seht.
Wenn ihr zwei Stunden zuseht unserm Spiel,
kann sein: Dann wisst ihr mehr; kann sein: Nicht viel.

Hier ist interessant zu sehen, dass der Chor (häufig ein einzelner Mann gekleidet als Herold) den Zuschauern eine Kurzzusammenfassung des Stückes gibt, wie ein Klappentext oder Teaser. Er nennt nicht nur den Hauptkonflikt und ihre Akteure (zwei verfeindete Familien, dessen Kinder sich ineinander verlieben), sondern nimmt sogar das Ende vorweg (die Kinder werden sterben.)
Lustig ist auch zu sehen, wie der Chor versucht, die Zuschauer zum Bleiben zu überreden (Wenn ihr zwei Stunden zuseht unserm Spiel), denn zu Shakespeares Zeiten war es nicht ungewöhnlich, dass die Zuschauer mitten während der Vorstellung das Theater verließen, wenn es ihnen nicht gefiel, und er gleichzeitig aber nicht verspricht, dass sie unbedingt etwas dabei lernen (kann sein: Dann wisst ihr mehr; kann sein: Nicht viel.). Hier zeigt sich ein leichtes Augenzwinkern des Meisters.

Ein Prolog kann also eine von der eigentlichen Handlung losgelöste Einleitung, wie ein Vorwort sein.

Er kann aber auch eine eigenständige Szene sein, die dem Stück vorangestellt ist, wie in GoethesFaust I“: dort geht der Teufel (Mephistopheles) eine Wette mit Gott ein, dass er es schafft, Faust vom rechten Weg abzuführen. Dies ist sowohl eine Vorwegnahme der Handlung als auch ein Rahmen, denn nun weiß der Zuschauer mehr, als die Hauptfigur Faust, und was es bedeutet, wenn Mephistopheles ihn besucht.
Ein Prolog ist also eine Einleitung, und schon früh haben Autoren unterschiedliche Verwendungen, um durch kluge Vorwegnahmen den Leser auf die Handlung vorzubereiten und den Spannungsbogen zu konstruieren. Im modernen Unterhaltungsroman haben findige Autoren diese Technik längst übernommen und es lohnt sich, sich einmal mit den verschiedenen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Es gibt dabei vier Arten von möglichen Prologen:

1)      Auszug aus einer Chronik, einer Legende, einem Zeitungsartikel, einer Prophezeiung ect. (Häufig bei High Fantasy, aber auch bei Krimis/Thriller.)
2)      Eine Rahmenhandlung, die dann in einem Epilog wieder geschlossen werden muss. ( Im Rückblick aus der Sicht der Hauptfigur oder aus der Sicht einer ganz anderen Figur, die evtl. nicht einmal Teil der Haupthandlung ist).
3)      Teaser: ein Flashforward auf kommende Ereignisse, in Form einer Szene, die so später in der Handlung wieder vorkommt.
4)      Einstieg durch eine Vorgeschichte in Form einer Szene (häufig einer Actionszene), d.h. ein Stück Handlung, das vor der eigentlichen Romangeschichte spielt (und nicht unbedingt den Hauptcharakter enthält) oder eine Rückblende (auf die Hintergrundgeschichte des Helden)
5)      Eine Zusammenfassung der Ereignisse, die in den Vorgängerbänden geschehen sind (bei einer Serie oder einem Mehrteiler), bzw. eine Vorwegnahme der kommenden Ereignisse durch einen Allwissenden Erzähler oder einer Allwissenden Figur (wie des Chors im antiken Drama)

Sehen wir uns diese vier Arten von Prologen genauer an: 
 1.     Prolog in Form eines Auszuges, der dem Leser zusätzliche Informationen mitgeben soll. Dies kann z.B. bei Fantasyromanen eine Chronik des Landes sein, eine Prophezeiung, ein Zitat oder eine Legende.
Der Herr der Ringe beginnt z.B. mit dem berühmten vorangestellten Gedicht:

… ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben, sie ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn

Welchen Zweck erfüllt dieses Gedicht, was macht es mit dem Leser?
Der Leser weiß nun, dass der Ring etwas Böses ist, lange bevor der Zauberer Gandalf auftaucht und den Ring sehen will. Der Leser weiß mehr, als die Hauptfigur (Frodo) und somit erhöht sich die Spannung.
(Der Herr der Ringe hat zusätzlich noch ein tatsächliches Vorwort, in dem der Autor etwas zur Entstehung und Absicht des Buches erzählt, aber das lassen wir hier mal außen vor.)

Das Fantasyepos Der Drachenbeinthron“ von Tad Williams beginnt mit einem Prolog, in dem uns der fiktive Morgenes Ercestres etwas über ein geheimnissvolles Buch, das von einem wahnsinnigen Priester geschrieben wurde, erzählt; und der Leser ahnt natürlich, dass dieses Buch wichtig für die Handlung sein wird, während die Hauptfigur, der Küchenjunge Simon, nicht einmal Ahnung von dessen Existenz hat. 
Im Prolog des SF-Romans „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert erfahren wir etwas über den Herrscher der Planeten, den Muad`dib, und dass dieser lange Jahre auf dem Wüstenplaneten gelebt hat, sowie weitere Daten und Fakten. Solche Prologe sollen den Leser in die komplexen Welten einführen und dem Leser einen Überblick verschaffen, damit er zu Beginn der Handlung (also im 1. Kapitel) bereits die wichtigsten Eckdaten zur Orientierung hat (das Jahr, in dem die Handlung spielt, evtl. vorangegangene Kriege oder Herrschaftsformen, Namen der Herrschenden Rasse oder Einführung wichtiger Kreaturen, Planeten, Technologien ect.) Diese Form der Einführung kann manche Leser langweilen und wird bisweilen von ihnen übersprungen; in jedem Fall sollte man zu viele geschichtliche Daten meiden und sich nur auf das Wichtigste beschränken und alles andere nach und nach in die Handlung einbringen.
In Krimis und Thrillern klärt oft ein Zeitungsbericht über die (bereits geschehenen) Verbrechen, die seit Wochen eine Stadt in Atem halten und im Liebesroman kann eine Einladung zu einer besonderen Veranstaltung oder ein Wettbewerb der Auslöser und der Rahmen für die Handlung sein, und in einem Prolog vorangestellt werden.

In jedem dieser Fälle dient der Prolog der Einführung und Orientierung in die Welt, baut Atmosphäre auf und gibt dem Leser Informationen an die Hand.

2.     Prolog in Form einer Rahmenhandlung: Manchmal blickt die Hauptfigur im Prolog in einer Rahmenhandlung als Rückblick auf seine eigene Geschichte zurück. Im Epilog kehrt man dann zu dieser Rahmenhandlung zurück. Stephen Kings Novelle „Die Leiche“ beginnt mit einem Prolog in dem die Gedanken der Hauptfigur dem Leser verraten: „ Ich war fast dreizehn, als ich zum ersten Mal einen Toten sah.“  Ein solcher Prolog kann durch die Vorwegname dessen, was geschehen wird, die Spannung erhöhen. Das klingt zunächst paradox, ist aber ein häufiges Stilmittel. Die Rahmenhandlung kann aber auch eine Figur enthalten, die nicht die Hauptfigur ist, (siehe auch Artikel über Rahmenhandlungen). In jedem Fall dient diese Form des Prologs dazu, den Erzählton, die Atmosphäre und eine Andeutung, um was es bei dem Hauptkonflikt geht, zu etablieren. Der Leser soll in die Haupthandlung gelockt werden und wird durch den Rahmen neugierig gemacht.

3.   Prolog in Form eines Teasers: in einem Flashforward (einer Vorwegnahme) auf kommende Ereignisse wird der Leser mitten in die Handlung geworfen und stellt somit das Gegenteil des üblichen Prologes dar, der den Leser Informationen über Zeit, Ort und Handlung geben soll, denn hier wird der Leser ohne Vorkenntnisse direkt mitten in die Handlung hineingeworfen. Besonders häufig findet man diese Form des Prologs in Thrillern und Spannungsromanen, aber auch im Jugendbuch wird der Handlung häufig ein Kapitel als Prolog vorangestellt, das eine Szene darstellt, die später im Buch wortwörtlich genauso geschehen wird (oder ein wenig mehr ausgearbeitet genauso passieren wird). Mary HigginsClark benutzt diese Technik oft, aber auch in Stephanie Meyers „Twilight“ kommt dieses zum Einsatz. Die Szene stellt immer einen Höhepunkt dar und zeigt die Hauptfigur in großer Bedrängnis, häufig ist dies der  Showdown oder der 2. große Wendepunkt. Dabei wird die Szene nicht in komplett zu Ende erzählt, sondern ein Geheimnis daraus gemacht, wie der Held aus dieser unmöglichen Situation entkommen kann. Die Spannung entsteht aber vor allem daraus, dass der Leser sich fragt, wie um Himmels Willen der Held überhaupt in diese missliche Lage geraten konnte und wird diese Frage die ganze Zeit im Hinterkopf behalten, deswegen ist diese Art von Prolog sehr gut geeignet, um Spannungsromane aufzupeppen, die ansonsten einen eher ruhigen Einstieg in die Handlung hätten oder die viel Vorgeschichte aufbauen müssen, bis es zur Action kommt.

4.   Prolog als Einstieg durch eine Vorgeschichte: Dies ist ebenfalls ein Stück Handlung, ausgearbeitet wie eine Szene, die aber zeitlich vor der eigentlichen Romanhandlung spielt. Diese kann die Hauptfigur enthalten, wie z.B. in Harlen Cobens „Kein Sterbenswort“, die den Tag vor achtzehn Jahren beschreibt, an dem die Ehefrau der Hauptfigur spurlos an einem See verschwand. Die Szene kann aber auch aus der Sicht von jemand ganz anderem sein, z.B. wie in vielen Thrillern aus der Sicht des Opfers, das vor dem Mörder davon läuft (und am Ende des Prologes grausam ermordet wird), wie z.B. in Dean Koontz„Mitternacht“.
Manchmal enthalten Prologe Szenen, die zeitlich nicht vor der Romanhandlung liegen, aber an einem anderen Ort geschehen, die Figuren enthalten, die der Leser noch nicht kennt, und z.B. in Form von Dialogen stattfinden, in denen eine folgenschwere Entscheidung oder Abmachung getroffen wird. Z.B. beginnt „HarryPotter und der Halbblutprinz“ mit dem folgenschweren Unbrechbaren Schwur zwischen Snape und Narcissa Malfoy, bei dem Harry Potter nicht anwesend ist und von dem er nichts weiß.
In jedem Fall erfüllt diese Art von Prolog einen Zweck: Sie gibt dem Leser eine Information mit, so dass dieser mehr weiß als die Hauptfigur (manchmal) oder mehr weiß, als die aktuelle Handlung preisgibt, und erhöht somit die Spannung, denn der Leser ist nun ganz wild darauf, herauszufinden, wie diese Szene in die Gesamthandlung hineinpasst und welche Auswirkungen es auf die Hauptfigur hat. Es ist ein Werkzeug, das dem Leser ermöglicht, Fäden in der Hand zu halten und diese später miteinander zu verknüpfen. In Krimis oder Thrillern erfährt man meist schon etwas über den Täter (wenn auch nicht immer gleich seine Identität) und in Fantasyromanen erfährt man häufig vom Auserwähltsein und Aufgabe des Helden und somit über das Schicksal des Protagonisten. 

Diese Prologe sind klug ausgewählte Bestandteile des Spannungsbogens und können nicht gestrichen oder übersprungen werden.
5. Prolog als eine Zusammenfassung der Ereignisse, gibt es manchmal bei Büchern, die zu einer Reihe oder Serie gehören, um den Leser davon in Kenntnis zu setzen, was in den Vorgängerbänden geschehen ist (siehe auch die Artikel über das Schreiben von Serien). Oder der Prolog enthält eine Vorwegnahme der kommenden Ereignisse durch einen Allwissenden Erzähler oder einer Allwissenden Figur, wie z.B. in der „Reihe betrüblicher Ereignisse“ bei denen uns der Erzähler Lemony Snicket mitteilt: „Wenn du gern Geschichten mit einem Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen. In diesem gibt es kein Happy End, auch keinen glücklichen Anfang und nur wenig Erfreuliches mittendrin (…) Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber so war es nun einmal.“ Oder Prof H. Alcofrisbas, der Erzähler in „Hugo Cabret“ (der in der Handlung nicht wieder vorkommt): „Die Geschichte, die ich euch gleich erzählen werde, spielt im Jahr 1931 unter den Dächern von Paris. Dort werdet ihr einem Jungen mit dem Namen Hugo Cabret begegnen, der einmal, vor langer Zeit, eine geheimnisvolle Zeichnung entdeckte, die sein Leben für immer veränderte.“ Diese Form der Vorwegnahmen erinnern an den Chor im antiken Drama (erinnert euch an Romeo & Julia), er erfüllt dieselbe Funktion und erzielt damals wie heute dieselbe Wirkung.

Dies soll nur ein Überblick sein, was mit einem Prolog alles möglich ist, es gibt bestimmt noch viele weitere Beispiele von Autoren, die Prologe clever eingesetzt haben, um den Leser zu manipulieren und den Spannungsbogen zu erhöhen.

Der Epilog

Wenn der Prolog die Vorgeschichte eines Romans darstellt, so ist der Epilog eine Nachgeschichte, die nach dem eigentlichen Schluss angehängt wird.
Eigentlich sollten alle Handlungsstränge spätestens im letzten Kapitel aufgelöst worden sein, und die Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss gefunden haben.  Aber manchmal gibt es eben doch noch etwas zu erzählen, manchmal braucht es ein wenig länger, um alle Nebenhandlungen zu Ende zu führen und die ganze emotionale Wandlung der Hauptfigur zu vollenden. So spielen Epiloge häufig Monate oder gar Jahre später und geben einen Ausblick, was in der Zukunft aus den Charakteren geworden ist, oder es zeigt, wie der Held gar wieder zu neuen Ufern aufbricht (und deutet somit einen Nachfolgeband an).
Im Epilog kann auch alles, was im letzten Kapitel erreicht wurde, noch einmal in Frage gestellt werden, und das eigentliche Happy End kann in ein offenes oder zumindest ambivalentes Ende umgewandelt werden, z.B. taucht der totgeglaubte Gegenspieler doch wieder auf.
Wenn im Prolog eine Rahmenhandlung eröffnet wurde, so wird natürlich zu dieser im Epilog zurückgekehrt und ein Abschluss gefunden.
Manchmal lässt man im Epilog auch nochmal eine Figur zu Wort kommen, die über das Geschehene reflektiert und sich über das Thema äußert, sozusagen die „Moral von der Geschicht`“.

Ob man einen Prolog oder einen Epilog in seiner Geschichte haben will, ist Geschmackssache und hängt von der Geschichte und dem Genre ab.

In jedem Fall sind es aber wirkungsvolle Instrumente, die, wenn sie gut eingesetzt werden, den Spannungsbogen erhöhen oder der ganzen Geschichte ihre Würze geben können.
Es soll zwar Leser (und angeblich auch Lektoren) geben, die keine Prologe oder Epiloge mögen — letztendlich ist das aber Geschmackssache und es gibt in der Literatur sehr viele Beispiele von gut gemachten und wirkungsvollen Prologen und Epilogen.
Alles ist, wie immer, eine Frage der Umsetzung.
Und nun habt ihr ja ein gutes neues Werkzeug an der Hand, um euch einmal an dieser Technik auszuprobieren.

Kennt ihr ein Buch, das einen Prolog enthält und dass ihr euch ohne nicht vorstellen könnt?

Das Literaturkaninchen freut sich über tolle Beispiele in den Kommentaren!

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der Cliffhanger als wichtiges Spannungselement





Das Gesetz der Serie Teil 6: Cliffhanger

Ein großartiges Stilmittel, um Spannung zu erzeugen, ist der sog. Cliffhanger.

Der Begriff wurde in amerikanischen Filmen geprägt und meint wortwörtlich, einen Protagonisten, der von einer Klippe hängt und sich nur noch mit letzter Mühe festhalten kann und droht, in der nächsten Sekunde abzustürzen. In dieser (scheinbar) ausweglosen Lage wird der Zuschauer hängen gelassen, denn die Handlung schneidet zu einer anderen Figur über, so dass man zunächst im Unklaren gelassen wird, ob und wie die Hauptfigur diese lebensbedrohliche Lage überlebt.

Der allererste Cliffhanger der Geschichte war aber kein Filmheld, sondern die Romanfigur Henry Knight aus Thomas Hardys „Blaue Augen“: Über weite Teile des Buches lässt Hardy seinen Helden in Lebensgefahr über dem Abgrund schweben und die Leser mit Spannung verfolgen, wie seine Retter auf dem Weg zu ihm sind, ohne zu wissen, ob diese es rechtzeitig schaffen oder nicht.

Diese Art von Cliffhanger wurde wieder und wieder kopiert und funktioniert nicht nur mit Abstürzen über meterhohen Klippen, sondern mit jeder Art von Lebensgefahr: Auf den Protagonisten gerichtete Schusswaffen, sich nahende Züge, abstürzende Flugzeuge, zu entschärfende Bomben, sich herabsenkende Fallbeile … der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie man seinen Protagonisten in eine lebensbedrohliche Lage versetzen kann. Auf dem Höhepunkt einer Szene mitten in der größten Gefahr lässt man den Leser im Unklaren über den Ausgang und widmet sich - oft über mehrere Kapitel - einem anderen Handlungsstrang oder einer anderen Figur. Dies hat den nervenaufreibenden Effekt, dass der Leser vor Spannung auf seiner Sesselkante hibbelt und auch während der neue Handlungsstrang einem eigenen Höhepunkt zustrebt und eventuell auch diese Figur in eine lebensbedrohliche Lage führt, wird der Leser immer im Hinterkopf das Schicksal der Hauptfigur behalten, und ungeduldig darauf warten, dass der Haupthandlungsstrang weiterläuft und man ihn von der Ungewissheit um das Leben des Helden erlöst.

Auf diese Art und Weise kreiert man das, was als Pageturner bezeichnet wird: Eine Handlung, die vor Spannung den Leser in Atem hält.

Cliffhanger am Ende - Spannung garantiert

Cliffhanger können auch am Ende eines Romans oder Films gesetzt werden, um sicherzustellen, dass die Leser/Zuschauer wiederkommen. Dies ist ein häufiges Stilmittel von Serien. Unzählige US-amerikanische Kinoserien (Serials) der 1930er Jahre (z.B. Flash Gordon, Buck Rogers) setzten diese Form plakativer Zuspitzung ein. Diese Filme waren üblicherweise etwa 30 Minuten lang und wurden wöchentlich wechselnd vor dem eigentlichen Hauptfilm gezeigt. Wollte der Zuschauer die Handlung der Serie mitbekommen, musste er jede Woche ins Kino gehen, egal welcher Hauptfilm folgte.

Es gab sogar eine ganze Serie, die nur auf diesem Prinzip basierte: In „The Perils of Pauline“ geriet die Heldin Pauline jedesmal in eine lebensbedrohliche Lage, z.B. lag sie gefesselt auf den Schienen und ein Zug kam. Die Endcredits liefen vor der Auflösung, und man musste nächste Woche wiederkommen, um Pauline gerettet zu sehen.

Pearl White als Pauline in "The Perils of Pauline"



Nicht umsonst nahm der Cliffhanger seinen Anfang bei Thomas Hardy, einem Autor von Fortsetzungsromanen (Serials), die in Magazinen oder Zeitschriften erschienen, vor allem im Bereich der Trivialliteratur wie z.B. bei Charles Dickens, Sir Arthur Conan Doyle und Mark Twain. Die Cliffhanger-Szene am Ende einer Folge garantierte, dass die Leser die Fortsetzung in der nächsten Ausgabe von "Tinsels Magazine" kauften, und übernächsten und über-übernächsten ...

Noch heute ist dies ein beliebter Trick, um Zuschauer und Leser bei der Stange zu halten. 

Aber Vorsicht: Schon so manche Serie wurden abgesetzt, bevor es zur Auflösung des Cliffhangers kam, so dass Fans nie erfahren haben, was aus ihrem Held geworden ist, wie z.B. bei dem Film Charlie staubt Millionen ab (The Italian Job, 1969), weil sein Ende ein „Cliffhanger“ im wörtlichen Sinne ist, eine zunächst geplante Fortsetzung aber nie gedreht wurde.
Oft arbeiten die Autoren mit extremen Überraschungen in der Handlung und mit brenzligen Situationen, in denen das Leben eines oder mehrerer der Hauptcharaktere in Gefahr ist. (So ist es für die Produzenten auch möglich, Darsteller wegen überhöhter Honorarforderungen in der Staffelpause ausscheiden zu lassen.)
Auch moderne Fernsehserien wie „Walking Dead“, „Breaking Bad“ oder „Lost“ arbeiten sehr viel mit Cliffhangern.

Natürlich weiß man, dass die Hauptfigur (höchstwahrscheinlich) überleben wird. Was wäre die Serie ohne ihren Hauptdarsteller? Pauline in The Perils of Pauline wird in jedem Fall überleben, ist doch klar. Die Spannung kann aber auch daraus generiert werden, dass man wissen will, wie sich der Held dieses Mal wieder rettet.

Cliffhanger von Kapitel zu Kapitel und von Szene zu Szene

Es muss aber nicht immer gleich das Leben auf dem Spiel stehen.
Cliffhanger funktionieren nicht nur als ganz großes Spannungselement am Ende eines Romans/ einer Folge, sondern auch am Ende eines Kapitels oder einer Szene. Der Held muss nicht jedes Mal in Lebensgefahr schweben, um einen Cliffhanger-Moment zu erschaffen, es reicht eine Verzögerung, die den Leser im Unklaren lässt. So kann eine Szene oder ein Kapitel mit einer unbeantworteten Frage enden oder mit einer mysteriösen Dialogzeile, die im Raum stehen gelassen wird. Man lässt einfach eine Handlung unbeantwortet, indem man die Reaktion der Hauptfigur dem Leser vorenthält. Wie wird er darauf antworten? Was wird er tun? Die Reaktion darauf kann in der nächsten Zeile/ im nächsten Kapitel erfolgen (sie kann  aber auch ganz weggelassen werden und erst viele Kapitel später dem Leser enthüllt werden, während man sich bis dahin einem anderen Handlungsstrang widmet).


Kapitel 1


(…)Wie betäubt sank er in einen Sessel, wo er für ein paar Augenblicke in völliger Bestürzung verharrte. Nach und nach wurde sein Blick vom blinkenden roten Licht des Faxgeräts angezogen. Wer auch immer dieses Fax geschickt hatte, er war noch in der Leitung … wartete darauf, mit ihm zu sprechen. Lange Zeit starrte Langdon reglos auf das blinkende Licht. Dann, mit zitternden Fingern, nahm er den Hörer ab.


Kapitel 2

„Schenken Sie mir jetzt Ihre Aufmerksamkeit?“, fragte die Stimme des Anrufers.(..)


Eine Szene wird normalerweise anhand der Einheit von Figur, Zeit und Ort definiert. Hier wurde aber innerhalb einer Szene einfach ein Kapitelumbruch gesetzt. Der Leser will unbedingt wissen, wer der Anrufer am anderen Ende der Leitung ist, also liest er weiter.

Billiger Trick?

Kann sein, aber einer der funktioniert. Nicht umsonst fanden Millionen von Lesern, dass sie dieses Buch nicht aus der Hand legen konnten, obwohl sie vielleicht nicht genau sagen konnten warum. (Weil sie keinen Kapitelabschluss fanden, der ihnen Ruhe lies, jedes Kapitel, jede Szene, endet mit einer offen gebliebenen Handlung oder Frage; und sei es nur die Frage: Wer ist hinter der Tür oder Wer ist am Telefon?). Auf diese Weise erschafft man einen Pageturner.

Anstatt mit einer offenen Frage kann ein Kapitel/ eine Szene aber auch einen Cliffhanger schaffen, der mit der Lüftung eines Geheimnisses oder mit der Verkündung einer großen Entscheidung des Protagonisten/ mit einem Schwur oder einer überraschenden Wende der Ereignisse endet. Bei dieser Art des Cliffhangers wird die Spannung dadurch erzeugt, dass der Leser wissen will, wie die Reaktion des Helden auf diese neue Wendung ausfällt.


Kapitel 1
(…) Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Effie Trinket sagt, was sie immer sagt: “Ladies first!“, und geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. Sie greift hinein, taucht ihre Hand tief in die Kugel und zieht einen Zettel heraus. Die Menge hält den Atem an, man könnte eine Stecknadel fallen hören, und ich fühle mich elend und hoffe inbrünstig, dass es nicht mein Name ist, nicht mein Name, nicht mein Name.
Effie Trinket geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. Es ist nicht mein Name.
Es ist Primose Everdeen.

Kapitel 2

Einmal, als ich reglos in einem Baumversteck darauf wartete, dass das Wild vorbeikam, bin ich eingenickt. Ich fiel drei Meter tief und landete auf dem Rücken. Es war, als hätte der Aufprall das letzte bisschen Luft aus meiner Lunge gepresst, und ich lag dort und kämpfte verzweifelt darum, einzuatmen, auszuatmen, irgendwas zu tun.
Genauso ergeht es mir jetzt. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie man atmet, bin unfähig zu sprechen, vollkommen fassungslos, während der Name in meinem Schädel herumspringt. 


Hier endet Kapitel 1 mit der Verkündung des Namens derjenigen, die an den gefährlichen Hungerspielen teilnehmen muss - und es ist nicht der Name der Hauptfigur, der gezogen wird, sondern der ihrer Schwester. Das kommt einem Todesurteil gleich. Der Leser brennt darauf, zu erfahren, wie die Hauptfigur (emotional) auf diese Verkündung reagiert. Doch die Reaktion wird dem Leser vorenthalten, zunächst einmal mit einem Kapitelumbruch und dann mit einer Mini-Rückblende. Erst dann erleben wir, wie die Hauptfigur sich fühlt. Diese Szene ist deshalb ein Cliffhanger, weil hier zwar nicht die Hauptfigur über dem Abgrund schwebt, aber dafür eine ihr nahestehende Figur und weil es die Hauptfigur zum Handeln zwingt (sie wird sich selbst freiwillig zu der Teilnahme an den Hungerspielen melden, anstelle ihrer Schwester.)

Solche Mini-Clifhanger können, wenn sie geschickt eingesetzt werden, enorme Spannung erzeugen und garantieren den Leser bei der Stange zu halten, während er emotional von einer Szene in die nächste rutscht.

Ein Trick aus der Spannungsliteratur - der funktioniert.

Möglichkeiten für einen Cliffhanger:

Bedrohung/Lebensgefahr
Drohende Katastrophe
Gefährliche Emotionen/ Gefühlsausbruch
Omen/Vorzeichen
Mysteriöse Dialogzeile
Geheimnis enthüllt
Große Entscheidung / Gelübde
Ankündigung eines erschütternden Ereignisses
Wendung/ Überraschung
Offene Frage/ ungelöstes Rätsel

Vielleicht willst Du in einer Deiner nächsten Geschichten einmal etwas davon ausprobieren?