Freitag, 14. Dezember 2012

"Save the Cat!"- Story Structure



Noch immer verloren in der Mitte, keine Ahnung wie Du den 2. Akt deines Romanes gestalten sollst? Auf der Suche nach einer Formel und Struktur?
Keine Sorge, Hilfe ist unterwegs: “Save the Cat!“ - Blakes Snyders Beat Sheet.

Auf der Suche nach einem Schreibratgeber, der eine Geschichte etwas feiner unterteilt, als bloß in zwei Wendepunkte und „etwas dazwischen“, wurde mir von drehbuchschreibenden Kollegen das Buch „Save the Cat!“ von Blake Snyder ans Herz gelegt.
Drehbuchschreiber haben eine ganz andere, erfrischende Herangehensweise an Geschichten, als Romanschreiber. Sie reden von Stoffen, Sequenzen, Pitch und Settings … und die Eingeweihten unter ihnen auch von Beats.

Was sind Beats?

Blake Snyder hat eine Formel für das Drehbuchschreiben aufgestellt, indem er die einzelnen Akte in weitere kleine Einheiten zerlegt und diese mit ihrer Aufgabe und Position innerhalb des Textes benennt.
Deiner Einer mag eine solche Formel zu steif und zu einengend vorkommen; mir nicht. Die Beats sind allgemein gehalten, wie man den Inhalt ausführt, wie man die geforderte Aufgabe eines Beats umsetzt, darin liegt ja die Kreativität. Was für Blake Snyder allerdings unveränderlich ist, ist die Position. Er gibt sogar exakte Seitenangaben, wann ein Beat zu erscheinen hat, also zum Beispiel der
1. Wendepunkt auf Seite 25 (wohlgemerkt eines Drehbuches).

Nur da und nirgendwo anders.
Das sind Anforderungen, wie sie das Blockbuster-Kino Hollywoods tatsächlich stellt und ein Schreiber, der an die großen Studios verkaufen will, tut gut, sich daran zu halten.
Wir Romanschreiber aber haben mehr Freiheiten.
Dennoch macht es Sinn, sich mit der Gewichtung der einzelnen Teile seiner Geschichte Mühe zu geben.

So sollte der 1. Akt 25%, der 2.Akt 50% und der 3.Akt wiederum 25% einer Geschichte ausmachen.
Weicht man allzusehr von dieser Daumenregel ab, läuft man Gefahr, dass sein Manuskript offBalance ist, man also Teile hat, die zu lang sind und den Leser mitunter langweilen.
Andere Autoren haben sich die Mühe gemacht, die Seitenangaben von Blake Snyder von Drehbuchangabe auf Normseiten eines Romanmanuskriptes umzurechnen, das geht am besten mit diesem praktischen Beat-Sheet-Rechner.

Aber was genau sind denn nun die einzelnen Beats aus Save the Cat?

Man findet dort im 1. Akt so altbekannte Sachen wie den „Catalyst“ = den auslösenden Moment, der bei Blake Snyder aber nicht mit dem ersten großen Wendepunkt identisch ist.
Das war die erste Erleuchtung für mich:

Es gibt einen auslösenden Moment, ein Ereignis (eine Katastrophe, ein Angebot, einen Call-to-action) doch dieses führt nicht unmittelbar zu einer Reaktion, sondern ist gefolgt von einem Moment des Zögerns und des Nachdenkens („Debate“) bevor der „Break in Act II“ erfolgt, dem großen Wendepunkt I also.
Dieser Wendepunkt sollte aus einer freiwilligen Entscheidung des Protagonisten heraus entstehen, keinesfalls sollte der Protagonist gezwungen werden oder keine andere Wahl haben. Es gibt immer eine andere Wahl (auch wenn diese unangenehm ist.) Ohne diese Entscheidung des Protagonisten gäbe es keine Geschichte. Er entscheidet sich für die Handlung.
Dann kommt der zweite Akt und auch dort wartet eine Überraschung auf mich: Blake Snyder findet in Geschichten einen „Midpoint“: der zweite Akt ist noch einmal sauber in zwei Hälften unterteilt.
Das macht Sinn!
Dieser Midpoint sorgt für einen Umbruch in der Geschichte, der nicht nur in den meißten Filmen visuell sichtbar ist, weil er z.b. von einer hellen Stimmung in eine düstere wechselt, sondern auch emotional spürbar. Von hier an wird für den Protagonisten alles schlimmer.
Man könnte also beinahe von einem dritten Wendepunkt in der Mitte der
Geschichte sprechen.
 Gerne würde ich hier näher auf die einzelnen Beats eingehen und sie euch in einer Kurzzusammenfassung vorstellen, aber das wäre nicht fair.
Diese Beats und die Theorie dahinter machen den Kern von Blake Snyders Werk aus, und wer sich dafür interessiert, sollte seinen Ratgeber kaufen. Der Autor (der inzwischen verstorben ist) hat mit seinen „Beat
Sheets“ Generationen an Hollywoodautoren beeinflußt und sein Ansatz
wird noch immer von den Großen gelehrt. Das Buch „Save the Cat!“ ist ein Klassiker unter den How-to-Drehbuch-Ratgebern und mit seinen günstigen 11,- Euro in der Ebook-Version die Anschaffung allemal wert. Nicht nur wegen der darin detailliert erklärten „Beats“, sondern auch wegen seiner unkonventionellen und genialen Klassifizierung von Genres.
Der launige Ton und Blakes augenzwinkernde Anekdoten über Hollywood haben das Buch insgesamt sofort zu einem meiner Lieblingsratgeber werden lassen.
Aber sowas von!

(Auch wenn Meiner Einer der Meinung ist, dass die blöde Katze auf dem Titelbild sich selbst in diese mißliche Lage versetzt hat und daher keine Rettung verdient. Katzen sind sowieso Mistviecher.)

Für alle, die sich aber dennoch einen genaueren Eindruck verschaffen möchten, setze ich hier einen Link zu einem Beatsheet mit Erklärungen. 

Und nachdem wir uns das nun sorgfältig durchgelesen haben und eine Weile darüber nachgegrübelt, kommen wir zu einer neuen, etwas feineren Grafik, was den Aufbau einer Geschichte in drei Akte angeht:





Wenn man dieser Struktur folgt und die einzelnen Punkte stichwortartig für sich festhält, kommt man schon auf ein ziemlich gutes Skelett. Oder man stellt fest, dass man instinktiv sich in seinem ersten Entwurf bereits daran gehalten hat.
Auch zum Überprüfen und Redigieren eines fertigen Textes ist die Blake Snyder Methode sehr hilfreich.

Aristoteles hätte es gefallen.
Oder, Ari?

Denn es ist ebenso wie bei der Malerei. Denn wenn einer die schönsten Farben ohne Plan auftrüge, so würde er weniger angenehmen Effekt machen, als wenn er ein Bild mit der Kreide zeichnete.“ - Aristoteles

Genau.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Akt mit den drei Akten – Teil II



Bildquelle: gettyimages.com


Wie versprochen sehen wir uns nun die drei Akte einmal genauer an.
Steigt ein in eine Achterbahnfahrt durch drei Akte.

Akt I

Am Anfang der Geschichte wird die Hauptfigur in ihrem normalen Alltag gezeigt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: entweder (a) die Hauptfigur ist mit ihrem Leben und den äußeren Umständen komplett zufrieden und glücklich und es gibt keinen Grund für sie, etwas zu ändern (dennoch gibt es einen „inner need“/ einen Wunsch/ eine geheime Angst oder Sehnsucht, die die Figur in sich trägt).
Oder (b) die Figur lebt in unschönen Umständen und wünscht sich nichts sehnlicher, als aus ihrem unerträglichen Dasein auszubrechen.
Wendepunkt I:
Bringt dann ein Ereignis, das alles bisherige über den Haufen wirft. Nichts ist von nun an mehr wie es war. Dem Protagonisten tut sich eine einmalige Chance auf, sein Leben zu ändern (b) oder eine Katastrophe nimmt ihm alles was er liebt und wofür er steht (a).
Dieses Ereignis sollte als totale Überraschung kommen und zwingt den Hauptcharakter zum Handeln. Er muss eine Entscheidung treffen, die den ganzen weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen wird.
Am emotional stärksten sind solche Ereignisse, die den Charakter zwingen, sich seinem „inner need“ zu stellen: etwas, dem er unter normalen Umständen auf Teufel komm raus ausweichen würde.

Akt II

Die Hauptfigur hat also eine Entscheidung getroffen und macht sich auf den Weg.
Doch der Weg zum Ziel ist mit Hindernissen gepflastert. Die Mitte einer Geschichte beschäftigt sich mit diesen Hindernissen. Wie viele Hindernisse und welcher Art sie sind, hängt von der Geschichte ab. Wichtig ist dabei, dass die Hauptfigur bei all diesen Zwischenstationen etwas lernt und dass die Messlatte zum Erreichen seines Zieles immer höher gelegt wird. Der Charakter sollte eine emotionale Achterbahnfahrt durchlaufen, es kann überraschende Wendungen geben, unerwartete Gegner und Helfer, sowie neu entdeckte Fähigkeiten oder Waffen – aber bei allem darf das Ziel nicht aus den Augen verloren werden und die Handlung muss unweigerlich auf die große Konfrontation zuführen.
Wendepunkt II:
Der zweite Wendepunkt markiert das Ende des 2. Aktes und bringt den Charakter noch einmal aus dem Gleichgewicht – und gibt der Geschichte eine neue (unerwartete) Richtung.
Wendepunkt II passiert an der Stelle an der der Hauptcharakter an seinem tiefsten Punkt angelangt ist. Er ist besiegt oder geschlagen, alles scheint verloren, er ist verzweifelt, sieht keinen Ausweg und das Ziel scheint unerreichbar. Doch dann passiert etwas, dass die Situation komplett verändert. Das Ziel scheint auf einmal doch wieder erreichbar, Hoffnung keimt auf.
(Je tiefer gesunken und je verzweifelter die Lage war, desto emotional stärker wird der folgende Höhepunkt. Von ganz unten nach ganz oben. In hundert Sekunden. Jippieh, Achterbahn!)
Der Wendepunkt II ruft dem Charakter das Erlernte ins Gedächtnis, nun ist es Zeit seine Erfahrungen aus dem 2. Akt (die Fähigkeiten und „Waffen“, die er errungen hat) einzusetzen und sich nun vorbereitet der Gefahr entgegenzustellen.

Akt III
Im dritten Akt kommt es dann endlich zur finalen Konfrontation, die Hauptfigur erreicht ihr Ziel, besiegt alle Feinde oder überwindet ihren inneren Konflikt. Sie geht gestärkt oder zumindest verändert aus der Geschichte heraus, hat also eine innere Wandlung vollzogen, die auch äußerlich gezeigt werden sollte.
Am Schluss werden dann nur noch lose Enden aufgesammelt, Nebenhandlungen abgeschlossen und die Hauptfigur in ihrem neuen, besseren Leben mit ihrem neuen besseren Selbst gezeigt- der Leser sollte die innere Wandlung der Hauptfigur (und evtl. der Nebenfiguren) gezeigt bekommen, den Erfolg über den Sieg gemeinsam mit ihm genießen (und sei es nur für einen kurzen Moment).
Der Mönch kommt verändert aus der Achterbahn. Guckt mal, wie er grinst.
Sein Grinsen soll dein Grinsen werden.



Die ist natürlich noch immer nur eine recht allgemeine Formel, die nicht immer ausschließlich auf alle Geschichten zutreffen kann. Aber sie hilft, sich Gedanken über den Aufbau und die Struktur seiner Geschichte zu machen, bevor man sie schreibt, oder – wenn sie schon geschrieben ist – um sich Gedanken für das Überarbeiten zu machen. Was sollen die einzelnen Bauteile einer Geschichte leisten, ist alles drin und an der richtigen Stelle oder fehlt vielleicht gar etwas?
Und wenn dein Entwurf sehr grob von dieser Struktur abweicht, könnte es Zeit sein für den Scriptdoktor.

Hier geht es weiter mit dem Aufbau von Storys: Save the Cat!

 

Mittwoch, 28. November 2012

Der Akt mit den Drei Akten - Teil I

Eines der ersten Dinge, die man übers Geschichtenerzählen lernt, ist, dass eine Story (egal, ob kurz oder lang, Roman oder Witz) aus drei Teilen besteht.

Anfang
Mittelteil
Schluss

Diese Erkenntnis hatten schon die alten Griechen, lange vor der Weltwirtschaftskrise. So sprach schon Aristoteles in seiner “Poetik” : “Ganz aber ist das, was Anfang, Mitte und Ende hat.”
Ja, ja, der war ein schlauer Fuchs, der Aristoteles.

Mir persönlich bereitet ja immer die Mitte besondere Probleme. Deswegen habe ich mir das Ganze noch einmal genauer angesehen und mich intensiver mit Aufbau und Struktur einer Geschichte beschäftigt. Mit dem, was die einzelnen Akte leisten müssen, wie sie aufgebaut sein sollten, wo die Trennung ist und wie sie ineinander übergehen. Und dabei hat Meiner Einer wieder einmal erstaunliches (und hilfreiches) gelernt.
Bevor wir uns aber nun meinen Erkenntnissen über die Graue-Haare-verursachende-Mitte zuwenden, gibt es jetzt vorher noch einen Crashkurs in Sachen:
Grundlagen zum Aufbau einer Story

Der Grundaufbau in 3 Akten sieht aus wie folgt (es gibt auch 5-Akter, aber die lassen wir für den Moment außen vor):
Jede simple Story folgt diesem Basisaufbau. Zwischen den Akten liegen die Wendepunkte (Plotpoints), von denen es also mindestens zwei große geben muss.

 
Der Anfang
Anfang ist, was selbst notwendigerweise nicht nach etwas anderem ist, nach dem aber ein anderes ist oder entsteht.“ - Aristoteles
Äh, ja.
Der Anfang muss eine Menge leisten. Er führt den Leser in Zeit, Ort und Personen ein, soll Atmosphäre schaffen, Spannung erzeugen und setzt Maßstäbe für Tempo und Stil. Die Hauptfigur wird eingeführt, der Hauptkonflikt genannt und das Ziel des Protagonisten gesetzt. Wendepunkt 1 ist der Auslöser. Hier geschieht etwas, dass die Hauptfigur aus ihrem normalen Alltag heraus reißt und zum Handeln zwingt.
Von da an ist die Welt nicht mehr, wie sie war.


Die Mitte
Mitte ist, was selbst nach einem anderen folgt und nach ihm ein anderes.“ - Aristoteles
Achso.
Die Mitte verbindet Anfang und Ende und treibt die Geschichte voran; der Hauptfigur wird bis zur Erreichung ihres Zieles viele kleine und größere Konflikte und Hindernisse in den Weg gelegt. Auch wenn diese Mini-Konflikte alle gelöst werden, die Hindernisse überwunden, führt die Handlung trotzdem unweigerlich auf den Showdown zu, dem Höhepunkt – der Klimax. Die Spannung kann steigen und sinken während der Mitte, der Protagonist kann immer wieder Ruhephasen erleben und kleinere Triumphe, aber der Gesamtspannungsbogen zum Höhepunkt hin darf nicht abfallen – und tut er auch nicht, denn der Hauptkonflikt ist noch immer nicht gelöst.


Das Ende
Ende aber ist im Gegenteil das, was selbst nach einem anderen ist, und zwar durch Notwendigkeit; nach ihm aber folgt nichts anderes.“ - Aristoteles
Genau.
Das Ende wird von der Klimax, dem Höhepunkt, der Hauptkonfrontation oder auch Showdown bestimmt. Hier kommt alles zu einem Ende, der Hauptkonflikt wird gelöst.
Zum Schluss bleibt nur noch, alle Fäden aufzusammeln und schnell die Geschichte abzuschließen – denn nach dem Höhepunkt fällt die Spannung rasch ab und der Leser verliert schnell das Interesse.




Viele schürzen den Knoten vortrefflich und lösen ihn schlecht wieder auf; man muss jedoch beides {Anfang und Ende} miteinander in Übereinstimmung bringen.” - Aristoteles


So viel zum Groben.
Das war ja nu für die meißten von euch nicht viel Neues. Aber es geht ja noch weiter.
Nächste Woche werden wir dann mal die einzelnen Akte noch genauer unter die Lupe nehmen, schauen uns die beiden großen Wendepunkte an und arbeiten einen detaillierten Plan für eine Plotstruktur aus.
Denn dies ist ja bisher nur das grobe Gerüst.

Zum Abschluss möchte ich mich dann nur noch bei meinem Gastredner Aristrotteles bedanken.





Donnerstag, 15. November 2012

Flashbacks und Flashforwards



 

                                                                                                                                             (Bildquelle: http://imgfave.com/)



Das Ding mit dem Leben ist nun einmal dieses: Alles passiert uns in chronologischer Reihenfolge.
Wäre es nicht interessanter, wenn es das nicht täte?
Manchmal lehnen wir uns zurück und malen uns aus, wie die Zukunft sein wird. Und ein andermal schwelgen wir in Erinnerungen an vergangene Zeiten.
Das Feine ist: du als Autor kannst genau das auch in deiner Geschichte tun.
Einen Sprung in die Zukunft nennt der Herr Autor Flashforward.
Einen Rückblick in die Vergangenheit nennt er Flashback.
Aber nur, wenn diese Sprünge richtige ausgearbeitete Szenen sind, die den Leser alles live miterleben lassen, so als würde es gerade vor ihren Augen geschehen.

Ein Beispiel: „Die Kabine sah der Flugzeugkabine eines gewöhnlichen kommerziellen Passagierflugzeuges verblüffend ähnlich – mit der einzigen Ausnahme, dass es keine Fenster gab, sehr zu Langdons Beunruhigung. Er hatte sein Leben lang unter einer schwach ausgeprägten Klaustrophobie gelitten – die Folge eines Kindheitserlebnisses, das er niemals ganz überwunden hatte.“ – aus Dan Brown „Illuminati“
Dies ist kein Flashback. Denn der Autor zeigt uns dieses Kindheitserlebnis nicht, er erwähnt es nur. Der Autor Dan Brown hätte an dieser Stelle einen Flashback einfügen können, indem er den Leser detailliert und genau an jenem Kindheitserlebnis teilnehmen lässt, und dann zu der Szene in dem Flugzeug zurück schneidet.
Tut er aber nicht.
Warum?
Hätte es nicht eine stärkere Wirkung auf den Leser gehabt? Würde er an dieser Stelle, wenn er die Angst und die Bedrohung in der Kindheit Langdons mitdurchlebt hätte, nicht viel besser nachvollziehen können, wie die Figur Langdon sich jetzt in dieser engen Flugzeugkabine fühlt?
Ja, würde er.
Und damit haben wir schon einen der Hauptfunktionen eines Flashbacks entdeckt: Er deckt Motivationen und Hintergründe auf und bindet damit den Leser emotional stärker an die Figuren.
Aber Dan Brown hat sich an dieser Stelle dagegen entschieden, denn Flashbacks haben auch einen Nachteil: sie unterbrechen den Haupterzählstrang und verlangsamen somit die Vorwärtsbewegung einer Geschichte.
Deswegen will gut überlegt sein, ob man mit dem Flashforward - oder Flashbackwardbutton spielt.

Beispiel 2: „Nicht viele Kinder konnten von sich sagen, dass sie sich an den Tag erinnerten, an dem sie ihren Vater kennengelernt hatten.
Anders Vittoria Vetra.
Sie war acht Jahre alt gewesen und hatte gewohnt, wo sie immer gewohnt hatte: im Orfanotrofio die Siena, einem katholischen Waisenhaus in der Nähe von Florenz, ausgesetzt von Eltern, die sie niemals gekannt hatte. Es hatte geregnet an dem Tag. Die Nonnen hatten sie zweimal zum Abendessen gerufen, doch wie stets hatte sie getan, als höre sie nichts. Sie lag draußen im Hof und starrte die Regentropfen an … spürte, wie sie von ihnen getroffen wurde … versuchte zu raten, wo der nächste treffen würde. Die Nonnen riefen erneut und drohten, dass eine Lungenentzündung einem halsstarrigen Kind wie ihr die Neugier auf die Natur schon austreiben würde. Ich kann nichts hören, hatte Vittoria gedacht. Sie war durchnässt bis auf die Haut, als ein junger Priester kam, um sie zu holen. Sie kannte ihn nicht, er mußte neu sein. […] Der Priester heißt Leonardo und die beiden kommen ins Gespräch. Nach einer Weile fragt er:[…] „Möchtest du, das ich dich adoptiere?“, fragte Leonardo.
„Was bedeutet adoptieren?“
Vater Leonardo erklärte es ihr.
Vittoria drückte sich volle fünf Minuten vor Freude weinend an ihn. „Ja! Oh ja!“
Leonardo sagte ihr, dass er für eine Weile fort sein würde, um in der Schweiz ein neues Heim für sie beide einzurichten, doch er versprach, sie in spätesten sechs Monaten zu holen. Es war die längste Zeit in Vittorias Leben, doch Leonardo hielt Wort. Fünf Tage vor ihrem neunten Geburtstag zog sie nach Genf.“-  aus Dan Brown „Illuminati“
Habt ihr es gemerkt?
Die Szene, wie sie ihren Adoptivvater das erste Mal getroffen hat, ist ausführlich beschrieben, mit fallenden Regentropfen und allem, so als erlebe man sie direkt mit. Inklusive ausgearbeitetem Dialog. (Auch wenn ich ihn nicht in seiner ganzen Länge wiedergegeben habe).
Das ist ein Flashback.

Flashbacks können unterschiedliche Längen haben, von einer einzigen Szene in nur vier oder fünf Zeilen, bis hin zu ganzen Kapiteln.
 Markiert werden sie durch einen Wechsel in der Erzählzeit.
Wer also seine Geschichte im Präsens schreibt, muss in die Vergangenheitsform wechseln, und wer in der Vergangenheitsform schreibt, muss in die Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) wechseln. Da sich das Plusquamperfekt über längere Zeilen sehr sperrig liest (all die „hatte gesagt“ und „hätte gemacht gehabt gewollt“ will ja keiner) mogelt sich Herr Autor nach wenigen Sätzen in die einfache Vergangenheitsform zurück und nur zum Ausstieg wieder in das Plusquamperfekt.
Guckt euch das ruhig mal an, wie der Dan Brown das macht. Der Schummler.

So, und was hat er nun davon, dass er uns das Mädchen im Regen und ihre erste Begegnung mit ihrem Adoptivvater zeigt? Hätte er das nicht auch zusammenfassen können, anstatt fünf Seiten dafür zu opfern?
Ja, hätte er.
Aber er hat sich bewusst dafür entschieden, uns - dem Leser - das ausführlich und live zu zeigen.
Denn jetzt ist der Leser mit einem guten Stück Informationen über die Figur der Vittoria ausgestattet und kann sich viel besser in sie hineinversetzen und somit Empathie für sie empfinden. Denn rate mal, was gleich in der Haupthandlung geschehen wird, wen der Leser treffen wird und wem als nächstes etwas ganz übles (oder gar tödliches) geschieht?
Genau.
Dem Leser musste diese Szene gezeigt werden, damit er emotional genug mit der Handlung verstrickt ist, um Anteilnahme an dieser neu eingeführten Figur zu empfinden.

Wenn du Schwierigkeiten hast, dich zu entscheiden, ob ein Flashback überflüssig oder angebracht ist, dann hilft es dir vielleicht, dir deine Geschichte als Film vorzustellen.
Denn da kommt die Technik schließlich ursprünglich auch her.
Im Film wurden Szenen, die in die Erinnerung oder Vergangenheit einer Figur führen früher oft mit einem hellen Aufblitzen eingeleitet (Daher das Wort „Flash“-back). Später bediente man sich anderer visueller Hinweise. (Wechsel zu schwarz-weiß, blurred/ verschwommen, in Sepia-Tönen, mit wackeliger Handkamera gedreht ect.)
Heutzutage verzichtet man häufig auf solche visuellen Zeichen und erwartet, dass der Zuschauer aus dem Zusammenhang versteht, wo die Szene zeitlich einzuordnen ist.
Ja, Deiner Einer hört richtig.
In modernen Filmen werden Szenen häufig ohne einleitende Erklärung oder Überleitung aneinander geschnitten, die zeitlich nicht zusammengehören, und der Zuschauer darf dann raten, wo im Erzählstrang er sich befindet.
Das ist ein beliebtes Mittel zur Spannungserzeugung.
Gerade gesehen: Die Folgen der Zombie-Shocker-Apokalypsen-Serie „Walking Dead“ beginnen oft mit einem Flashback oder einem Flashforward.
Auch „How I met your mother“ springt fröhlich in den Zeiten.
Die Autoren von „How I met your mother“ spielen sogar sehr viel mit ihren „Stop“ und „Forward“ und „Fastbackward“-Buttons.
Genau genommen ist alles in How I met you mother Erzählte ein Flashback, denn die Handlung beginnt jedes Mal damit, dass ein Mann seinen Kindern erzählen will, wie er ihrer Mutter das erste Mal begegnet ist. Sämtliche darauf gezeigte Handlung spielt also in der Vergangenheit, wobei es innerhalb dieses Flashbacks weitere Flashbacks innerhalb von Flashbacks geben kann, sowie Flashforwards mit Blicken in die Zukunft.
Cool?
Ein Allwissender Erzähler kann sowas.

Wenn du das auch können willst, dann leg die Pfoten auf den Button, schneide deine Geschichte in viele kleine Häppchen und frage dich, welche Szenen du in deinem Roman drin haben willst, welche unbedingt ausführlich gezeigt werden müssen, und welche als Nacherzählung kurz zusammengefasst werden können.
Welche gar nicht gezeigt werden brauchen.
Welche man vorverlegen kann und welche mitten in der Action einschieben.
Das nennt man dann „Nicht-Lineares Erzählen“.

Nicht-Lineares Erzählen ist wie das Zusammenstellen eines Mixtapes.
Vorspulen bis zum Lieblingslied.
Auf Seite B wechseln, zu dem anderen Lied, das so schön dazu passt und Erinnerungen an einen heißen Sommer wachruft.
Zurückspulen zum Anfang.

Stories can be perfect, when you know how to play them well.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Hintergrundgeschichten, die dir das Leben schwer machen



So, deine Hauptfigur hat also eine lange und reiche Hintergrundgeschichte, Tragödien und schwere Schicksalsschläge, verlorene Lieben und Leichen im Keller?
Fein.
Und diese Hintergrundgeschichte ist unbedingt wichtig für das Verständnis deiner Geschichte, außerdem hast du als Autor auch noch die Aufgabe, dem Leser das besondere Setting, die Völker und Kreaturen, Gesellschaftsschichten und Aufbau deiner Welt zu beschreiben, denn du schreibst SF/ Fantasy?
Achtung, hier lauern Gefahren.
Gefahren eines Infodumps.

Was ist ein Infodump, wie kann ich ihn erkennen und wie wieder auflösen?

Infodump bedeutet, dass der Leser mit zu viel Hintergrundinformationen überschüttet wird. Die meißten (modernen) Geschichten werden aus der Perspektive eines personalen Erzählers oder eines Ich-Erzählers geschrieben, d.h. der Leser befindet sich dicht an der Hauptfigur und kann ihre Gedanken und Gefühle nah miterleben.
Wenn nun aber aus der Sicht der Hauptfigur herausgesprungen wird und der Erzähler sich einmischt, um dem Leser etwas zu erklären oder mitzugeben, dann handelt es sich häufig um einen Infodump, vor allem, wenn die Erklärungen länger als drei Zeilen in Anspruch nehmen.
Was tun?

Man nehme einen Textmarker und gehe sein Manuskript nach solchen Stellen durch. Streiche jede Stelle an, an der der Erzähler sich einmischt oder an der die Figur in einem Flashback etwas über sich selbst erzählt. Überlege, wie du die Information, die in diesen Abschnitten gegeben wurde, anders transportieren kannst.
Wenn man sehr viele solcher Stellen in seinem Text findet, und ganz viel markiert hat, dann kann es sein, dass man die falsche Erzählperspektive gewählt hat oder die falsche Figur als Hauptperson. Ehrlich. Überlege genau, wer es ist, der deine Geschichte dem Leser am besten erzählen könnte. Das muß nicht immer der Held der Geschichte sein.

Wenn man aber die richtige Perspektive und den richtigen Perspektivträger für seine Geschichte gewählt hat, dann muß man sich dran machen und diese Blöcke an reiner Hintergrundinformation auflösen, indem man sich überlegt, ob diese Informationen wirklich wichtig sind, für das Verständnis und das Vorantreiben der Geschichte.
Infos verlangsamen den Erzählfluss.
Indodumps sind wie Hubbel auf einer Schnellstrasse, wie diese ärgerlichen Beulen zur Verkehrsberuhigung in einer Seitenstraße, durch die man doch mal eben schnell durchhuschen wollte.
Stelle dich dem Hubbel in dem du analysierst: Welche Frage sollte mit diesem Infodump beantwortet werden? Ist sie wirklich wichtig? Habe ich diese Frage vielleicht schon einmal an anderer Stelle beantwortet?
Und vor allem: Ist es nicht besser, den Leser über diese Sache im Dunkeln zu lassen?
Denn bedenke: Spannung kommt auf, weil der Leser unbeantwortete Fragen hat.

Viele Anfänger - Autoren (vor allem von Fantasy und SF, aber auch andere Genres sind davor nicht sicher) begehen den Fehler ihre Geschichte mit einer reinen Exposition zu beginnen und das ist NIE gut. Werfe dem Leser kleine Häppchen hin, mache Andeutungen. Aber erkläre nicht.
Show, don`t tell.

Wenn deine Welt fortgeschrittene Technik, andere physikalische Gesetze oder Magie enthält, dann erkläre uns nicht, wie sie funktioniert, zeige es uns.
Das gleiche gilt für die seelischen Narben und bereits erlebten Abenteuer deines Helden. Vermeide Flashbacks und absätzelanges Sinnieren über die Vergangenheit. Ein einziger Satz, oder eine Geste reicht oft. Indiana Jones bekommt in der ersten Szene bei der ersten Begegnung mit der weiblichen Nebenfigur von ihr eine Ohrfeige. Das reicht, um dem Leser alles zu sagen. Die beiden kennen sich. Sie ist eine Frau. Sie ohrfeigt ihn. Sie hatten was miteinander.
Weitere Erklärungen unnötig.
Indis lässiges Lächeln als Antwort ist uns ebenfalls Charakterisierung genug.

Und wenn du alle überflüssigen Informationen rausgestrichen hast, und nur noch das drin ist, was für die Story wirklich wichtig ist, dann bleibt dir noch eines: Gebe es einem Testleser und frage, ob er die Geschichte versteht.
Ob alle wichtigen Informationen drin sind und an der richtigen Stelle kommen.
Beim Kürzen kommt der Herr Autor dann immer wieder unweigerlich auf die Frage: “Was will Meiner Einer eigentlich erzählen?“
Was ist der Kern meiner Geschichte?

Und wenn du dich wirklich, wirklich nicht von den Heldentaten in der Vergangenheit deines Charakters lösen kannst, weil die so cool und aufregend und spannend sind, das sie unbedingt gezeigt werden müssen, dann hast du dort vielleicht die wahre Geschichte.
Die Hintergrundgeschichte, die deinem Charakter und dir das Leben schwer macht, und deinen Anfang unnötig aufbläst, und dich zu einer Exposition zwingt, wo du doch den Leser in die Handlung hineinziehen solltest, kann der Grund sein, weswegen du überhaupt zum Stift greifst.
Dein wahres Herzblut.
Wenn das so ist, beginne neu: Beginne die Geschichte diesesmal früher und höre früher auf. 

Mache die Vergangenheit deines Charakters nicht zu einem Prequel.
Mache sie zu deiner Geschichte. 

(Aber bitte verschone mich in der Version ebenfalls mit der Vorgeschichte des Lebens der Schwiegermutter, den Liebesverwirrungen der ersten Thronfolger des Königreiches von Kazoo, der Geschichte der Magie und ihrer Entstehung, sowie den langen Kindheitserinnerungen des Helden in der Pfalz.)

Und was ein Flashback ist, wie man ihn nutzt und wo man ihn lieber meidet, darüber macht sich Meiner Einer dann Gedanken beim nächsten Mal.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Schuster, bleib bei deinen Leisten nicht

Schreib über das, was du kennst“, hat Meiner Einer nun schon in vielen Schreibratgebern gelesen.
Und sich darüber gewundert.
Zunächst einmal erscheint das wie ein guter Tipp. Denn nur über das, was ich wirklich kenne und erlebt habe, die Orte, an denen ich gewesen bin, die Personen, die ich kennengelernt habe und die Tragödien, die ich durchlebt habe, kann ich aufrichtig, detailliert und emotional schreiben.
Autor wird hier also aufgefordert, über sich selbst, seine eigenen Erlebnisse, Gedanken und Umgebung zu schreiben und dabei sich selbst zu erforschen und seine Beobachtungsgabe zu schulen (Innen wie Außen, sagt mein Freund Buddah.)

Nun fragt sich Meiner Einer aber, was es denn ist, das er kennt.
Möhrchen kenne ich, die kann ich gut beschreiben, die sind lecker, meinen gemütlichen Kaninchenbau mit der Bibliothek und Weiber.
Außerdem kenne ich mich in der Fellpflege aus, da könnte ich einige Tipps geben.
Wie wäre es also mit einem Ratgeber für Pelzträger: „Fussel, Plüsch & Filzknoten - 1000 Tipps für mehr Flauschigkeit„ ?
Zugegeben, das hat Potential. Ich seh` schon den Megaseller vor mir, das Buch wird alle Rekorde auf dem Sachbuchmarkt brechen. Aber sowas von.
Ich werde reich werden, und das nur, weil ich mich auf das besonnen habe, was ich kann und womit ich mich auskenne.
Danke also, an diesen unbekannten Ratgeber-Verfasser.

Aber was ist, wenn ich kein Sachbuchautor werden will?
Wenn ich (trotz der Millionen, die da winken) keine Lust habe, ein Pelzbuch zu schreiben?
Wenn ich doch eigentlich lieber einen Agenten-Spionage-Action-Thriller mit Zombie-Grusel-Schocker-Elementen verfassen will, der die Weiber zum Kreischen bringt?
Leider sind das aber alles Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Meine Bewerbung für das Ausbildungstraining beim CIA wurde abgelehnt und in meinem Freundeskreis ist nicht ein einziger Zombie, keiner einer nicht.
Heißt das dann, ich darf meinen Roman nicht schreiben, weil ich all das nicht persönlich kenne?
Pah!
Ich habe genug Action-Agenten-Spionage-Thriller geguckt, um mir was zusammenzureimen, und obendrauf werde ich jetzt noch ein paar mehr lesen und mir Notizen machen und Details klauen. So!
Außerdem lade ich demnächst mal einen Zombie auf ein Bierchen ein, und befrag` ihn so zu seinen Befindlichkeiten, was er heute gegessen hat und wie sein Leben als Zombie ganz allgemein so ist.
Mit anderen Worten: Das, was ich nicht kenne, lerne ich kennen.
(Manche Leute nennen das auch „Recherche“.)

Und jetzt kommt`s: Während ich mich also in die Materie, über die ich schreiben will, einarbeite und an meiner Romanhandlung meines Demnächst- Bestsellers puzzele, lasse ich hier und da etwas aus meinem eigenen Leben einfließen. Eine Begegnung, eine Person, ein Ereignis.
Ich mache meinen Protagonisten zum Pelzhändler.
Ich lasse ihn in vielen Szenen sich der Fellpflege widmen und streue auch gleich ein paar Tips für den geneigten Leser ein. (Schwefel und Talkum im Sandbad läßt Chinchillafell schön glänzen.)
Der Antagonist knabbert Möhrchen und eine Liebesgeschichte kommt auch dazu, denn schließlich kenne ich mich ja aus mit den Weibern.
Mit anderen Worten: Das Genie, das ich bin, schreibt über das, was er kennt (über sich) und über das, was er schreiben möchte. Er recherchiert, wo er Wissenslücken hat und füllt den Rest mit Phantasie.
Jawohl.
Phantasie hat der Herr Autor nämlich auch.
Und bei meiner Sauftour mit dem Zombie ist der Herr Autor nebenbei an ganz viele interessante neue Orte gekommen und hat Dinge gesehen und erlebt, die seine Phantasie beflügelt haben. Aber sowas von.

Daher sage ich euch:
Schreibt ruhig über das, was ihr kennt, aber bitte lernt auch was Neues kennen. Kommt mal raus aus eurem Kaninchenbau und stürzt euch ins Abenteuer.
Schlagt eine Wunde und empfangt eine.

Denn: „Man muß verwundet und verstört sein, damit einem die wirklich guten, röntgenstrahlengleich durchdringenden Worte einfallen.
Aldous Huxley – Schöne neue Welt

In diesem Sinne eine schöne neue Woche wünscht euch der Sedamens. 


Samstag, 15. September 2012

Letzte Worte

Beim letzten Mal haben wir uns über gute erste Sätze unterhalten.
Nun habe ich mich gefragt, wie sieht es mit ihren Brüdern am anderen Ende des Spektrums aus?
Wird dem letzten Satz genauso eine Bedeutung beigemessen, wie dem ersten?
Soll ja immerhin Leute geben, die bis nach hinten blättern und schauen, wie alles endet, ts.
Gibt es gute letzte Sätze, und wenn ja, was kennzeichnet sie?
Hat sich Meiner Einer gefragt und auf die Suche gemacht.
Und Erstaunliches gefunden.

Nun ist es aber so: Um zu beurteilen, ob das Ende eines Buches gelungen ist, muß man das ganze Buch gelesen haben. (logisch)
Daher ist es schwer, hier einfach so Beispiele zu nennen.
Ob einem ein Anfang gefällt, kann jeder beurteilen. Der letzte Satz dagegen, ist oft schwer verständlich, ohne Kenntnis des vorherigen Inhalts. (Deswegen blättert doch nicht auf die letzte Seite, Leute, tststs …)
Hab` aber etwas herausgefunden.

Obwohl die Enden von Büchern so vielfältig anders sind, wie die darin erzählten Geschichten, konnte ich dennoch so etwas wie Kategorien ausmachen.

Die meißten letzten Sätze lassen sich wie folgt einsortieren:

1) Das versöhnliche Ende. (Im Stile von „Und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage“.)

2 )Der Ausblick. (Wie es nach dem Ende weitergehen könnte; positiv wie negativ.)

3 )Offenes Ende. (Der letzte Satz legt den Ausgang der Geschichte nicht eindeutig fest.)

4) Philosophisches Ende / Moral / Letzte Gedanken. (Entweder kommentiert der Protagonist die Ereignisse oder der Erzähler zieht seine Schlüsse.)

5) Held reitet in den Sonnenuntergang. (Erstaunlich viele Bücher enden so. Sogar mein pelziger Kumpel Hazel aus „Unten am Fluß“ wählt dieses Ende. Helden im Sonnenuntergang können zu einem Happy End gehören haben aber häufig einen melancholischen Touch.)

Für welche Art von allerletzten Worten der Autor sich auch entscheidet: es ist nicht einfach. Der letzte Satz soll abschließen und nachklingen gleichzeitig. Er soll abrunden, versöhnen, dem Leser einen Seufzer entlocken oder eine Gänsehaut verursachen. Eine Träne oder ein Aha-Erlebnis bringen. Es kann das letzte Puzzleteil in einem Rätsel sein. Oder ein Augenzwinkern.
Und natürlich hat Meiner Einer euch ein paar zusammen gesucht:

"... from that day forward she lived happily ever after. Except for the dying at the end. And the heartbreak in between."
Lucius Shepard - The Scalehunter`s Daughter

"Tomorrow, I`ll think of some way to get him back. After all, tomorow is another day."
Margaret Mitchell - Gone with the Wind

"He loved Big Brother." George Orwell - 1984

„Und dann begreife ich.“ Scarlett Thomas – Troposphere

Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.“ Die Gebrüder Grimm – Schneewittchen

"Hazel folgte, und zusammen glitten sie davon, liefen leichtfüßig durch den Wald hinunter, wo die ersten Primeln zu blühen begannen."
Richard Adams - Unten am Fluß 

"And darkness and decay and the Red Death held illimitable dominion over all."
E.A. Poe - The Mask of the Red Death

Aber ich muß auch sagen, zum soundsovielten Mal, das Leben ist nicht gerecht. Es ist bloß gerechter als der Tod.“ William Goldmann – Die Brautprinzessin

Ihr aber, o meine Brüder, gedenket manchmal eures kleinen Alex, wie er einst gewesen. Amen. Und all so Zeugs.“ Anthony Burgess – Uhrwerk Orange

A glooming peace this morning with it brings;
The sun for sorrow will not show his head.
Go hence, to have more talk of these sad things.
Some shall be pardoned, and some punished;
For never was a story of more woe,
Than this of Juliet and her Romeo.” 
- Shakespeare

 Und wenn du jetzt wissen willst, wo das Buch ist, das der GuRie geschrieben hat, dann ist die Antwort ganz einfach: Hier ist es! Du hast es gerade ausgelesen.“ Roald Dahl – Sophiechen und der Riese
„Er reibt sich die Hände, und die Augen blitzen, als er es ausspricht: Zum Krieg!
Patrick Ness – Das Dunkle Paradies (New World Trilogie Band II )

Aber das ist, wie die allerbesten Schriftsteller sagen, eine andere Geschichte. Ende – Jedenfalls erst mal.“ Phillip Ardagh – Schlimmes Ende

Es wäre dann daraus zu schließen, dass Klara das ruhige häusliche Glück noch fand, das ihrem heiterem lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Inneren zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.“ E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Dies ist in Wahrheit meine Todesstunde, und was nachher kommt, betrifft einen anderen als mich. Und indem ich die Feder niederlege und mein Bekenntnis versiegele, beschließe ich das Leben dieses unglückseligen Henry Jeckyll.“ R. L. Stevenson – Dr Jekyll & Mr Hyde

Gehen wir?“
„Gehen wir.“ Alessandro Barricco – City

Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel. Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein, und auf ihrem Rücken, für niemanden mehr sichtbar als nur für den, der diese Geschichte gelesen hat, erschienen langsam die Buchstaben … „
Michael Ende - Momo


 Frage:

Schon einmal ENDE unter eine Geschichte geschrieben?
Wie hat es sich angefühlt?
Was waren deine letzten Worte und fielen sie dir schwer, sie zu formulieren, oder war dir von Anfang an klar, was der letzte Satz werden würde?
Berichte mir von deinen Erfahrungen im Kommentar.

Freitag, 31. August 2012

Liebe auf den ersten Blick gibt es nur im Film …

… und in Büchern.

Denn manchmal, manchmal ist der erste Satz eines neuen Buches so stark, dass man sofort weiterlesen will. Die ganze Geschichte erfahren. Das Buch kaufen.
So solls sein, Liebe auf den ersten Blick.

Das is`natürlich nicht leicht zu kreieren, denn erste Sätze müssen viele Funktionen erfüllen.
Der Leser soll im ersten Absatz in Zeit, Ort, Hauptkonflikt und Hauptfigur eingeführt werden, heißt es in Schreibschulen. Dabei soll die Erzählperspektive festgelegt, die Erzählstimme transportiert, die Atmosphäre des Buches eingefangen und ganz allgemein auf das, was folgt, eingestimmt werden … Uff.
Und das ganze dann bitte noch schön kurz, ja keine Bandwurmsätze.
Is`doch gar nicht möglich, sagt Deiner Einer.
Is`wohl möglich, sagt Meiner Einer. 
Hier kommen ein paar Beispiele von ersten Sätzen, die reinhauen.
Aber sowas von.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorüber, sagen sie, aber bei mir war es nicht so.“
Lauren Oliver  - Wenn du stirbst …

When I was little, my dad used to tell me, ”Will, you can pick your friends, and you can pick your nose, but you can`t pick your friend`s nose.”
John Green - “Will & Will”

An dem Tag, als ich, knietief in der Schande, nach Templeton zurückkehrte, tauchte im Flimmerspiegelsee der über fünfzehn Meter lange Kadaver eines Ungeheuers auf.“
Lauren Groff – Die Monster von Templeton

All children, except one, grow up.“
J. M. Barrie - Peter Pan

Als er viel später in einem Motel am nördlichen Stadtrand von Phoenix mit dem Rücken an die Zimmerwand gelehnt dasaß und beobachtete, wie die Blutlache sich ihm langsam näherte, fragte sich Driver, ob er einen schrecklichen Fehler begangen hatte.“
James Sallis – Driver
Tyler besorgt mir einen Job als Kellner, und dann scheibt mir Tyler eine Pistole in den Mund und sagt, als ersten Schritt zum ewigen Leben musst du sterben.“
Chuck Palahniuk - Fight Club

Mr. and Mrs. Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say they were normal, thank you very much.”
J.K. Rowling  – Harry Potter and the Philosphers Stone
„Ich bin also auf dem Weg zur Arbeit und bleibe stehen, um einer Taube zuzuschauen, die im Schnee mit einer Ratte kämpft, und irgend so ein Dödel will mich ausrauben!“
Josh Bazell - Schneller als der Tod
Wenn du gerne Geschichten mit einem Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen.“
Lemony Snicket – Eine Reihe betrüblicher Ereignisse

Hausaufgabe:

Wo war es bei dir Liebe auf den ersten Blick?
Geh durch dein Buchregal und schau nach. Was sind schwache Anfänge, wo findest du starke?
Schick`mir die coolen als Kommentar.


Montag, 13. August 2012

Klappentexte, Erwartungshaltung und Vorshadowing

Das Literaturkaninchen (also Meiner Einer) hat sich Gedanken gemacht über Klappentexte und die Erwartungshaltung eines Lesers.
Es is` doch so: Verlag und Autor siedeln ein Buch in einem bestimmten Genre an und unterwerfen sich damit bestimmten Konventionen, die der Leser beim Kauf des Buches auch erwartet, erfüllt zu bekommen.
Das ist ein Korsett und schnürt meine Geschichten und meine Kreativität ein!, schreit da so mancher Schreiberling.
Meinst du?
Bist du einmal in einen Film gegangen, über den du gar nichts wußtest, weil Freunde gesagt haben „Komm mit!“ und die Einladung war in letzter Sekunde und du mußtest dich beeilen, und jetzt sitzt du mit deiner Jumbotüte Popcorn und deiner Cola im Saal und das Licht geht aus und gespannt fragst du dich „Was für einen Film haben meine Kumpels da eigentlich rausgesucht?“. Liebeskomödie oder Zombiegruselschocker? Beides ist im Prinzip in Ordnung für dich, nur du willst es vorher wissen. Wenn dich Blut und Brutalität erwarten, dann willst du das vorher wissen. Wenn dich heiße Sexszenen und wilde Autoverfolgungsjagden erwarten, so willst du das ebenso vorher wissen, damit du dich anschnallen kannst.

 Genauso geht es auch dem Leser deines Buches.
Er kauft nicht irgendetwas (genauso wie du nicht in irgendeinen Film gehst. Wenn deine dusseligen Kumpels nur nicht immer so verpeilt wären und alles auf den letzten Drücker machten), er kauft etwas, weil er über heiße Sexszenen oder wilde Verfolgungsjagden oder explodierende Hochhäuser lesen will.
Um dem Leser also klar zu machen, was ihn erwartet, gibt es dann da ja den Klappentext.
Viele Autoren (vor allem von Krimi, Mystery und Thriller) haben Angst, zu viel zu verraten und belassen es dann bei einer nebulösen Beschreibung á la „Ein Killer setzt eine Kleinstadt in Angst und Schrecken.“ Könnt ihr euch darunter etwas vorstellen?
Naja, es gibt zumindest eine Richtung vor.

Als Autor solltet ihr euch aber bereits beim Schreiben darüber bewußt sein, dass ein Leser nie (niemals) unbeleckt in euren Text gehen wird. Er liest den Titel und findet das Buch in dem Regal mit der Genrebeschreibung. Er kennt den Klappentext. Er hat Rezensionen gelesen (vielleicht).
Auf jeden Fall will er in einer kurzen Form vorher wissen, worum es geht.
Zwar werden Klappentexte von der Marketingabteilung der Verlage verfasst, aber es macht Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, mit welchem Vorwissen (welcher Erwartungshaltung) der Leser an die Geschichte herangehen wird.
Und welche Erwartungshaltung ihr bei eurem Leser gerne hättet.
Denn die kann man ja steuern.


Einen der besten Klappentexte aller Zeiten finden wir bei Shakespeare.
Wie?
Der Typ mit den Pumphosen, der Theaterstücke schrieb?
Ja, genau der.
Da gab es doch noch gar keine Klappentexte.
Stimmt.
Aber es gab einen Prolog.
Und den besten aller Zeiten, den finden wir bei Romeo & Julia.
Zu Beginn des Stückes, wenn alle Elizabethaner sich in ihre roten Samtsessel gefläzt haben und ihr Popcorn in sich reinmampfen, trat ein Chor auf und erzählte dem pumphosentragenden Publikum einmal kurz, was in dem Stück alles passieren würde und was die Elizabethaner da so alles erwartete.
Das sah dann so aus:



 Chorus

Two households, both alike in dignity,
in fair Verona, where we lay our scene,
From ancient grudge break to new mutiny,
Where civil blood makes civil hands unclean,
From forth the fatal loins of these two foes
A pair of star-crossed lovers take their life;
Whose misadventured piteous overthrows
Doth with their death bury their parent`s strife.
The fearful passage of their death-marked love,
And the continuance of their parents` rage,
Which, but their children`s end, nought could remove,
Is now the two hours` traffic of our stage;
The which, if you with patient ears attend,
What here shall miss, our toil shall strive to mend.
Na, wenn einen das man nicht auf das Stück einstimmt ...

Shakespeare gibt hier nicht nur eine Einleitung in Zeit und Ort und Ausgangssituation, sondern sagt uns auch ganz klar, worauf alles hinauslaufen wird: Romeo und Julia werden sterben.
Das Stück wird mit ihrem Tod enden.
Alles in allem, kommt der Chorus am Anfang daher, wie heutzutage ein moderner Klappentext. (Naja, er ist in Reimform. Und er ist ziemlich lang.) Aber er gibt uns alles, was wir wissen wollen, nennt die Hauptfiguren (a pair of starcrossed lovers), das Setting (fair Verona, where we lay our scene), Hintergrund (Bürgerkrieg:Civil blood makes civil hands unclean) und den Hauptkonflikt (zwei verfeindete Familien, deren Kinder sich ineinander verlieben) und natürlich das Genre: Tragödie. Denn nur der Tod der beiden Liebenden kann ihre verfeindeten Häuser versöhnen.  
Hatte Shakespeare Angst zu viel zu verraten?  
Wohl kaum.
„To the heck with suspense!“  
Vielleicht war es das, was Vonnegut meinte.