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Donnerstag, 26. März 2020

Charakterisierung durchs Setting




Quelle: Pexels
Eine Figur charakterisiert man am besten über das Setting.
Geschichten bestehen ja bekanntlich aus 3 Bausteinen: Plot, Charaktere und Setting. Alle drei sind miteinander verbunden und bedingen einander. Und deshalb kann man eine Figur nicht nur über den Plot (wie reagiert sie auf Eriegnisse?), sondern auch über das Setting charakterisieren.





Das klingt vielleicht erstmal counter-intuitiv, dass man Charaktere durchs Setting lebendig werden lässt, aber wenn man genauer drüber nachdenkt, ist es doch so, dass wir alle von unser Umgebung beeinflusst werden. Die Stadt, in der wir aufwachsen, die Kultur, das Land, die Leute: Alles prägt uns. Charaktere existieren nicht in einem Vakuum, und das Setting ist all das, was die Figur umgibt und sie prägt. So kann man Charaktere über ein außergewöhnliches Setting entwerfen, z.B. auf einem Raumschiff oder in einem Fantasy-Land, als Bewohner einer exotischen Insel oder Mitarbeiter einer großen Anwaltskanzlei. Außergewöhnliche Settings bringen außergewöhnliche Charaktere hervor: Wir blicken als Leser gerne hinter die Kulissen einer Theaterproduktion oder eines geschlossenen Flughafens, wir schauen gerne einem Anwalt für Menschenrechte über die Schulter oder einem Jedi-Ritter. Das Setting hat großen Einfluss auf unsere Figuren.
Und die Figur wiederum reagiert auf das Setting. Der Tsunami, der im Inciting Incident auf die Stadt zurollt, ist genauso Setting, wie der Börsencrash, der dafür sorgt, dass der Top-Börsen-Makler seinen Job verliert und auf der Straße landet. Dass Romeo & Julia sich auf der Party im Hause Capulet begegnen, ist eine Frage des Settings, denn auch, dass die Liebenden aus zwei verfeindeten Häusern stammen, ist Setting. Hier bildet das Setting sogar den Hauptkonflikt: Er ist ein Montague, sie eine Capulet.

Charaktere werden nicht auf Seite 1 geboren, sie kommen mit einer Meinung und Erfahrungen über das Setting in die Geschichte, sie kennen die Straßen der Stadt oder hassen ihre Bewohner, sie haben Freunde und Feinde und noch Schulden beim Barkeeper.
Deshalb charakterisiert man Figuren am besten über das Setting:
Man beschreibt man alles was sie sehen und alles was geschieht, durch die Augen der Hauptfigur. Und dabei benutzt man am besten alle 5 Sinne (Hören, Riechen, Sehen, Tasten, Schmecken), gefärbt durch die persönliche Meinung der Hauptfigur.
(Das gilt natürlich ganz besonders für Ich-Erzähler, aber auch für den personalen. Sogar der auktoriale Erzähler sollte eine Meinung haben —eben die des Erzählers.)
Nicht der Autor ist es, der uns beschreibt, wie etwas aussieht, sondern die Hauptfigur als Perspektivträger.

Mag die Hauptfigur den Geruch seines Arbeitsplatzes, ist es ihm vertraut oder abstoßend? Erinnert ihn der Anblick der aufgehenden Sonne an eine verflossene Liebe, oder hasst er den Nieselregen seiner Heimat, sehnt sich nach einer wärmeren Jacke und seiner verstorbenen Mutter?
Alles, was die Figur denkt, riecht und fühlt charakterisiert sie.
Anfänger-Autoren denken oft, sie müssten dem Leser beschreiben, wer die Hauptfigur ist. Aber das ist gar nicht nötig. Die Hauptfigur (bzw. der jeweilige Perspektivträger) charakterisiert sich selbst, mit allem, was er sieht und wie er reagiert.

Es ist doch so, dass jeder anders auf ein Ereignis reagiert und dass jeder etwas anderes wahrnimmt.
Beispiel: Wenn der Privatdetektiv das erste Mal einen Tatort betritt, wird er anders reagieren, wenn er ein Amateur ist oder ein Profi. Was sieht er, was fällt ihm auf? Ist es Routine für ihn, Blutflecken auf dem Boden zusehen, oder dreht ihm der Geruch den Magen um? Interessiert er sich nur für die Wunden an der Leiche oder deduziert er anhand von dessen Kleidungstil und den Regenspritzern an den Absätzen, dass das Opfer den Frühzug aus Paddington genommen hat?
 Wir alle leben in unser eigenen Filterblase, wir nehmen andere Dinge war, als die Menschen unter uns. Ein Musiker hört die Melodie im Spiel des Windes, ein Geheimagent achtet auf das nervöse Zucken am Auge seines Gegenübers und eine alleinerziehende Mutter sieht die schmutzigen Fußabdrücke auf den Fliesen, die der Junggeselle ignoriert. Durch die Auswahl der Details, die eine Figur wahrnimmt, beschreiben wir nicht nur die Umgebung, und lassen lebendige Bilder im Auge des Lesers entstehen, sondern sagen auch etwas über die Figur aus, die sie bemerkt.
Wir erfahren die Welt durch die Augen des Betrachters, also unser Hauptfigur.

Gehen 3 Leute aus einem Treffen in einem Café miteinander heraus, so wird jeder verschiedenes in Erinnerung behalten: Der eine hatte nur Augen für die Kuchenauslage, der andere war beleidigt, dass er nicht als erstes begrüßt wurde, der dritte rollte innerlich mit den Augen, weil ihm das Geplapper der beiden anderen auf die Nerven ging.
Jede Figur kommt mit einem Paket an eigenen Meinungen, Wünschen, Vorurteilen und Unsicherheiten in eine Szene. Man kann dieselbe Szene aus der Sicht von drei verschiedenen Figuren schreiben und bekommt drei verschiedene Szenen heraus. Genau das würde ich vorschlagen, macht das mal, schreibt eine Szene, in der zunächst Judy, dann Jack, dann Jill sich in einem Café treffen.

Schreibaufgabe:

Wie denkt ihr jetzt, ich weiß doch gar nichts über Judy, Jack und Jill.
Genau darum geht es ja. Damit eine spannende, dynamische Szene entsteht, müsst ihr euch was über die Figuren ausdenken. Sie müssen eine Beziehung zueinander haben — gut oder schlecht — müssen einen Grund haben, sich zu treffen — oder sich zufällig zu begegnen — und müssen aufeinander reagieren. Vergesst auch das Setting nicht, was ist das für ein Café, in dem sie sich treffen, ist es Tag oder spät am Abend, regnet es, in welcher Stadt befinden sie sich (oder in welchem Jahrhundert). Und was denken die Figuren über diese Stadt und dieses Café, ist es ihnen vertraut oder sind sie fremd hier, fühlen sie sich wohl oder lehnen sie die Inneneinrichtung ab? 
Alles hat Einfluss auf die Figur und das, was die Figur über ihre Umgebung und andere Menschen denkt, charakterisiert sie.
Jetzt versucht in dieser kurzen Szene (ca. 1-2 Seiten) so viel wie möglich über den Hintergrund der Figur einzubringen (wer sind sie, was arbeiten sie, wie sehen sie aus, welche Lebensereignisse haben sie schon durchgemacht). Vergesst nicht, jedesmal durch die Augen des Perspektivträgers zu schreiben und alles durch seine persönliche Stimme zu färben.

Charakter Voice

 

Hier kommen wir zum letzten Werkzeug, mit dem man eine Figur lebendig werden lässt: Durch Charakter Voice.
Charakter Voice ist natürlich, wie eine Figur spricht, ihre Syntax und sprachlichen Eigenarten. Nicht nur Dialoge sollten von der ganz persönlichen Art des Figur eingefärbt sein, sondern auch alle Beschreibungen der Umgebung, denn wir beschreiben immer alles durch die Augen der Hauptfigur bzw. des jeweiligen Perspektivträgers bei Geschichten mit multiplen Perspektiven.). Wir haben ja schon gelernt, dass man alles durch die Augen der Perspektiv-Figur beschreiben sollte, also mit ihren Meinung, Vorurteile, Abneigungen und Vorlieben. Es gibt Bonus-Punkte, wenn man auch alles andere mit der ganz persönlichen Stimmlage und Wortwahl des Hauptcharakters beschreibt. Ganz besonders der Ich-Erzähler lebt nun einmal davon, dass eine Figur uns ihre eigene Sicht der Dinge mit eigenen Worten erzählt. Häufig ist es genau diese Stimme, die es ausmacht, dass uns ein Buch so gut gefällt.
(Der Autor kann auch selber eine ganz persönliche Stimme haben, in der Auktorialen Erzählform darf er mit seinen eigenen Ansichten und Meinungen glänzen.)
Viele Leser sind von der Erzählstimme eines Buches angezogen, selbst wenn der eigentliche Inhalt ihnen vielleicht gar nicht gefällt. Figuren können also auch auf ganz andere Art glänzen.

Hier ein Beispiel: Mickey Spillane „Regen in der Nacht“

*Klicken um zu Vergrößern *
Ich habe dieses Beispiel ausgewählt, weil es ein sehr gute Beispiel dafür ist, dass alles durch die Augen der Hauptfigur erzählt werden sollte. Alles in diesem Absatz ist von der Wahrnehmung und der persönlichen Meinung der Figur geprägt. Bis hin zur einzelnen Wortwahl.
Zunächst einmal fällt auf, dass die Figur, die da einsam durch die Nacht wandert, den Regen und die Kälte liebt. Das ist natürlich eine Charakterisierung. Was sagt es über eine Figur aus, wenn sie nachts einsam und allein im Regen durch die Stadt wandert? Sehr viel!

Schaut mal, wie oft der Regen und die Kälte erwähnt werden. Was schließen wir daraus?

-              Die Figur liebt Regen
-              die Figur bemitleidet sich selbst

Was noch?

-              Die Figur wird uns kaum äußerlich beschrieben.
-              einfaches Detail (hochgeschlagener Mantelkragen) reicht aus, um ein Bild im Kopf des Lesers entstehen zu lassen
-              Der Mann ist ein Privatdetektiv. Wie kommen wir darauf? Das wird nirgendwo explizit gesagt, und doch wissen wir es anhand seines Verhaltens. Er ist entweder ein Schnüffler oder ein Krimineller.
-              Das Wort „Fluppe“ wird oft wiederholt. Es ist ein charakterisierendes Detail,  wenn eine Figur Umgangssprache benutzt (und deutet auf ihren sozialen und kulturellen Hintergrund hin).
-              Wortwahl wie „Asphaltpfade“ / „Häuserschluchten“: Die Figur sieht die Stadt als Wildnis
-              Der Privatdetektiv sieht in der Stadt „Ein Dschungel aus Verbrechen und Gewalt“
-              Diese Figur fühlt sich von den anderen Menschen isoliert — beachtet das Wort „eingesperrt“: Er beneidet die Autofahrer nicht über ihren trockenen, beheizten Innenraum, er findet sie eingesperrt. Ist dies ein Hinweis darauf, dass die Figur ein Problem mit geschlossenen Räumen hat? Warum? Hat die Figur früher vielleicht schon einmal im Knast gesessen?

Solche kleinen Beschreibungen sind nicht willkürlich, die Worte sind wohlgewählt und präzise auf ihre Wirkung ausgesucht.
Der Leser denkt nicht bewusst darüber nach, warum der Autor ein bestimmtes Wort ausgewählt hat, oder warum die Autofahrer als eingesperrt beschrieben werden, er nimmt es als atmosphärische Beschreibung hin. Und das ist gut so. Wir als Autoren aber haben die Möglichkeit, dem Leser ins Unterbewusstsein zu telegraphieren, was wir meinen, ohne es direkt sagen zu müssen.

Es gibt eine Andeutung des (inneren) Konflikts (Dem Bedürfnis).

-              Ahnung, dass etwas nicht stimmt
-              Vielleicht ist jemand gestorben, Hinweise auf den Tod
-              ist die Figur suizifgefährdet und geht deswegen auf die Brücke?

Ihr findet bestimmt noch mehr.

Aber nicht der Autor ist es, der dem Leser den Tod als Motiv andeutet; die Figur ist es, die an den Tod denkt und daher ihre Umgebung mit Worten wie „gottverlassen“ beschreibt.
Wir erfahren in dem kurzen Absatz hier also schon viel über die Figur, wir kriegen ein ziemlich klares Bild von ihr, und doch wurde eigentlich nur das Setting beschrieben: Eine Straße bei Nacht in Manhattan im Regen. Ohne Infodump, ohne dem Leser direkt zu erklären, wer die Figur ist, wo sie herkommt, welchen Beruf sie ausübt und was ihre Vergangenheit ist.
Das ist Charakterisierung durch Setting.
Der Leser will die Figur Mike Hammer näher kennenlernen.
Mike Hammer beschreibt Manhattan und durch die Details, die er benutzt, kapieren wir, dass Hammer die Stadt und ihre Bewohner gut kennt, dass er Straßenwissen hat und dass man ihn kennt. Es ist keine sichere Gegend, Gestalten lauern in den Hauseingängen, und doch lässt man Mike Hammer in Ruhe.
Was will er nachts auf der Brücke nach Manhattan? Will er sich selbst gar das Leben nehmen? Wir wissen es nicht, aber wir bekommen in diesem kurzen Absatz ein Gespür für sein Innenleben und das alles durch Beschreibungen des Settings durch die Augen der Figur! Achtet mal darauf, wenn ihr das nächste Mal ein Buch liest, wie das Setting beschrieben wird und gleichzeitig durch die Wahl der Worte die Hauptfigur beschrieben wird.
Das ist ein kleiner Trick, den ich euch heute beibringen wollte. Das ist nichts, was man in einer halben Stunde lernt, dafür braucht es viel Übung. Aber wenn man das kann, wenn man es schafft, seine Beschreibungen so zu verfassen, dass sie durch die Augen, Gedanken und Gefühle der Hauptfigur gefiltert werden, dann schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man lässt die Szene für den Leser bildhaft entstehen und zusätzlich die Figuren lebendig werden.

Und das ist ein Trick, wie man Figuren voneinander unterscheidbar macht: 
Wenn ihr mehrere Perspektivträger habt, dann sind es ihre Meinungen und ihre Sicht auf die Dinge, die Details, die sie im Setting hervorhebt und wie sie die Umgebung sieht, was diese Figur unterscheidbar macht von allen anderen Figuren.

Freitag, 1. Februar 2019

Motivation und das Problem mit passiven Protagonisten


Quelle: Pexels

Wenn wir uns an unsere Lieblingsgeschichten erinnern, sind es meistens die schillernden Charaktere, die uns in Erinnerung geblieben sind, mehr noch als die Handlung. Unvergesslich sind Figuren wie Miss Marple, Prof Dumbledore oder Hannibal Lector. Wir Leser sind emotionale Wesen, wir lesen, um auf eine gefühlsbetonte Reise mitgenommen zu werden, um mitzuleiden und mitzufiebern. Großartige Charaktere halten uns den Spiegel vor Augen oder zeigen uns das Spektrum menschlicher Erfahrungen.

„Characterization is about a writer`s grasp of what a human being is“ - Andrew Miller


Wer unvergessliche Figuren schreiben will, muss sich für die Psyche des Menschen interessieren. Warum handelt jemand so wie er es tut, wieso reagiert jeder anders auf dasselbe Ereignis, was treibt einen an und wie wurde man von Ereignissen im eigenen Leben geprägt?
Seit der Erfindung der Psychologie durch Sigmund Freud beschäftigt man sich ausführlich mit der Frage, wie eine Person tickt, und es schadet nicht, sich mit den Theorien und Grundlagen der modernen Psychologie zu beschäftigen. 

Jeder Mensch sieht die Welt durch andere Augen. Geprägt durch seine Erfahrungen, Vorurteile, Weltanschauung, Temperament, Ängste und Ziele. Du kannst nur wissen, wie deine Figur auf Ereignisse reagieren wird, wenn du ihre Einstellung kennst. Zwei Figuren, die dasselbe Ziel verfolgen, würden komplett unterschiedlich auf dasselbe Ereignis reagieren. Nehmen wir z.B. eine Kassiererin im Supermarkt, die Feierabend machen will und die Kasse bereits geschlossen hat, als noch ein Kunde kommt. Wird sie freundlich lächeln und die Kasse noch einmal eröffnen oder wird sie den Kunden schroff abweisen? Das hängt nicht nur davon ab, ob sie ein freundlicher oder ungeduldiger Mensch ist, sondern auch von ihren persönlichen Umständen. Vielleicht wartet ein hungriges Kind auf sie zuhause oder sie hat einen strengen Chef im Nacken … Charaktere existieren nicht in einem Vakuum.

Einen unvergesslichen Charakter zu erschaffen, bei dem der Leser mitfiebert, bedeutet nicht unbedingt, ihn „sympathisch“ zu machen. „Sympathisch“ wird in diesem Zusammenhang oft missverstanden, steht es doch im Sprachgebrauch dafür, dass wir jemanden „nett“ finden. „Er ist nett“, sagen wir häufig über Leute, wenn uns nichts zu ihnen einfällt und wir sie langweilig finden. „Sympathisch“ bedeutet, dass der Leser sich in die Figur hineinversetzen kann, aber nicht unbedingt, dass diese „nett“ ist. Im Gegenteil, viele große Romane der Literatur drehen sich um Hauptfiguren, die ganz und gar nicht nett sind: Um Diebe, Lügner, Betrüger, Fanatiker und Mörder. Wir als Leser mögen es, uns in eine Figur hineinzuversetzen, die ganz anders ist als wir selbst. Wir lesen solche Geschichten, um mehr über die menschliche Psyche zu erfahren, um in die Abgründe menschlichen Verhaltens und Denkens zu blicken. Damit man weiterliest, ist es außerordentlich wichtig, dass der Leser sich in die Hauptfigur hineinversetzen kann. Für manche bedeutet das, dass sie am liebsten Geschichten über Figuren lesen, die ihnen selbst am ähnlichsten sind. Sobald eine Figur anders handelt oder reagiert, als sie es tun würden, werden diese Leser wütend und steigen aus der Geschichte aus. Diesem Leser kann man es nicht recht machen, kein Autor kennt sein Publikum im Vorhinein und kann Geschichten schreiben, die allen gerecht werden.
Dafür werden Geschichten nicht erzählt.
Geschichten sind eine Metapher über das Leben und lehren uns Leid und Freud der menschlichen Existenz. Großartige Charaktere, jene an die wir uns noch Jahre oder Jahrzehnte erinnern werden, sind Helden mit Makeln. Es sind eben jene Frauen oder Männer, die weder perfekt noch heillos chaotisch sind, sondern eine faszinierende Mischung aus Stärken und Schwächen, voller Potential uns und sich zu überraschen. Vielschichtige Charaktere sollten mit sich selbst im Konflikt stehen.
Wie erreicht man also, dass die Leser sich in Figuren hineinversetzen, auch wenn diese nicht sympathisch sind und ganz anders als wir?

Wir haben uns ja schon das Want & Need einer Figur angeschaut (das äußere Ziel und das innere Bedürfnis, die häufig im Gegensatz zueinander stehen), also dem Zwiespalt zwischen das, was sie wirklich sind, und der Fassade, die sie versuchen aufrechtzuerhalten. Zusätzlich können Charaktere eine ganze Reihe anderer Eigenschaften zeigen, die sie in Schwierigkeiten bringen oder ihnen das Leben schwer machen. Sie können gleichzeitig liebende Familienväter aber grausame Schlägertypen sein, ambitionierte Geschäftsleute und schlecht im Umgang mit Finanzen, geniale Wissenschaftler und tief religiös. Je mehr sie mit sich selbst im Konflikt stehen (und mit anderen) desto interessanter sind sie. Je mehr solcher widersprüchlicher Gegensätze wir einer Figur andichten, desto mehr Dimensionen hat diese. Das ist gemeint, wenn wir von mehrdimensionalen Figuren reden. 

Nebenfiguren


Nebenfiguren haben häufig weniger oder sogar gar keine Dimensionen, wenn sie nur dem Zweck dienen, die Handlung voranzutreiben, so werden sie häufig als Archetyp dargestellt, und basieren auf Klischees. Das ist in Ordnung für Nebenfiguren, wie z.B. dem Barkeeper, der auch unter dem Tresen mit Drogen handelt und in der Geschichte nur die Information liefern soll. Für Nebenfiguren, die eine Rolle im Leben der Hauptfigur spielen, die wichtig für die Handlung sind oder gar einen eigenen Erzählstrang bekommen, braucht es natürlich dieselbe Sorgfalt beim Ausarbeiten wie bei der Hauptfigur. Das bedeutet, dass auch die Nebenfiguren ein eigenes Want & Need (Ziel und Bedürfnis) bekommen, und dass ihnen weitere (widersprüchliche) Dimensionen hinzugefügt werden.
Achtung: Jede weitere Dimension führt zu Konflikten in der Welt oder mit den anderen Figuren, was zu eigenen Erzählsträngen führen kann. Um zu verhindern, dass Nebenfiguren interessanter werden, als die Hauptfigur oder sogar den Plot übernehmen, sollte man unbedingt darauf achten, dass ihr want & need mit dem Hauptplot verbunden ist (wenn man sich nicht auf eine Nebengeschichte einlassen will). Grundsätzlich sollten Nebenhandlungen dazu da sein, das Thema von einer anderen Seite zu beleuchten. (siehe: Die B-Story offenbart das Thema)

Das bedeutet, dass wenn die Hauptfigur rachsüchtig ist, die Nebenfigur Vergebung predigt, oder die Hauptfigur auf der Suche nach der wahren Liebe, die Nebenfigur eine Vernunftehe eingegangen hat, und glücklich damit ist. Die Nebenhandlung ist essentiell für die Wandlung der Hauptfigur und stößt die Handlung am Ende in den 3. Akt, wie wir am Plotmodell nach Blake Snyder gesehen haben (Wendepunkt II das Herz deiner Geschichte). Deshalb ist es wichtig, den Wandlungsbogen, den die Hauptfigur durchmachen wird im Auge zu behalten. Martha Alderson,  „The Plotwhisperer“ bezeichnet dies als „Character emotional development plot“ und hat ausführliche Anleitungen in ihrem Buch "Secrets of Story Structure any Writer can master"* dazu. Wird die Hauptfigur ihr Ziel am Ende erreichen oder fallen lassen? Werden sich ihre Wünsche erfüllen oder ihre Ängste wahr werden? Wie auch immer es ausgeht, die Hauptfigur ist am Ende nicht mehr dieselbe, die sie am Anfang war, und die Leser gehen mit neuer Erfahrung aus der Geschichte heraus. Erfahrungen, die sie im echten Leben evtl. nicht machen würden, was das Lesen so wertvoll macht. Nicht umsonst wurde wissenschaftlich belegt, dass Romanelesen die Empathie fördert.

Motivation


Wachstum und innere Wandlung sind nicht ohne Reibung möglich, in Fakt sperren wir uns sogar gegen jegliche Änderungen, weil wir unsere Komfort-Zonen nicht verlassen und keine Risiken eingehen wollen. Dies ist sogar ein genetisch von der Evolution verankertes Verhalten, denn um das Überleben zu sichern, wollen wir möglichst den Status Quo aufrechterhalten (wenn dieser bedeutet, dass wir wohl umsorgt sind), Energie sparen (man weiß ja nie, wann es wieder was zu futtern gibt) und uns keiner Gefahr aussetzen (in der sicheren Höhle bleiben, denn draußen lauern Raubtiere.) Es braucht also oft etwas mehr als ein bloßes Ziel, die Hauptfigur braucht einen Anschub (Inciting Incident) und Motivation.

Es ist ja schön, wenn deine Hauptfigur davon träumt, eine berühmte Sängerin zu werden, aber wenn sie dann den Aufruf zu einem Casting sieht und sich nicht traut hinzugehen, wird das Abenteuer im Keim erstickt.

Leser lieben aktive Protagonisten. 

Wir lieben Figuren, die einen Traum haben und ein Ziel verfolgen — egal, was es ist. Vielleicht, weil wir selbst im wahren Leben nur allzu oft einen Wunsch nicht verfolgen und unsere Träume aus den Augen verlieren, lieben wir es, von Figuren zu lesen, die ihr Ziel um jeden Preis verfolgen.
Dabei ist es beinahe egal, was das Ziel ist. 

Sicher, eine Figur, die die gleichen oder ähnliche Träume verfolgt wie wir selbst, mag zu einer höheren Identifikation bei uns führen. Aber eine Figur, die vielleicht ein Ziel hat, dass unmoralisch oder sogar bösartig ist, mag uns genauso faszinieren. Wir fiebern fast automatisch mit, wenn ein Charakter in einem Film oder Buch etwas will und wünschen ihm von Anfang an gutes Gelingen. Erst recht, wenn diese Figur aus einer Außenseiter- oder Verliererposition heraus startet und Fehler und Schwächen zeigt. In der Serie „Breaking Bad“ begegnen wir z. B. einem High-School-Lehrer, der in seinem Chemie-Labor Meth kocht. Können wir das gutheißen und mit dieser Figur mitfiebern? Interessanterweise schon, denn Walter White wird uns am Anfang als Außenseiter präsentiert, der von seinen Schülern und Mitmenschen ausgelacht und nicht ernstgenommen wird, und der die tödliche Diagnose Krebs bekommt. Alles, was er will, ist genügend Geld mit den Drogen zusammenzubekommen, um seiner Frau und seinem behinderten Sohn ein schuldenfreies Leben nach seinem Tod zu ermöglichen. 

Ein Trick also ist es, die Hauptfigur sowohl als guten Menschen zu präsentieren oder zumindest als eine Person, die Gutes will (die Familie versorgen). Blake Snyder nennt dies „Save the Cat“ und meint, dass man seine Figur ganz am Anfang eine Katze aus einem Baum retten lassen soll, damit die Zuschauer ihn mögen (also bei einer guten Tat zeigen soll.)
Oder man kann stattdessen seine Hauptfigur in einer Situation zeigen, die Mitleid beim Zuschauer erzeugt (ausgelacht, gedemütigt oder vom Pech verfolgt z. B.). Hat man die Leser ersteinmal emotional am Haken, wird er mitfiebern, auch wenn die Figur unmoralisch, egoistisch, kriminell oder verwerflich handelt. Wir wollen, dass die Figur Erfolg hat.  Wir gönnen Walter White die Millionen, die er mit seinem Drogengeschäft scheffelt.

Allzu oft lese ich in Manuskripten von passiven Protagonisten, die in ihrer Haltung verharren, innere Monologe führen, aber die Handlung nicht vorantreiben. Z. B. bei der (von Verlagen abgelehnten) Liebesgeschichte, bei der die Hauptfigur in einer missbräuchlichen Beziehung mit ihrer Mutter feststeckte, bei der es auch um körperliche Gewalt ging, die ihrer Mutter im Alltag aber hauptsächlich auswich und nichts unternahm, bis ein Fremder sie rettete.
Eigentlich waren alle Zutaten für eine gute Geschichte da: der Hauptkonflikt um einen Missbrauch, eine starke Antagonistin, viel Platz für Charakterwachstum und Ziel & Bedürfnis der Hauptfigur (der Mutter zu entkommen und das zerstörte Selbstwertgefühl zu heilen). Woran es der Figur aber mangelte, war der Wille, auch zu handeln.

Wie also baut man funktionierende, handelnde Hauptfiguren?


Handlung braucht einen Charakter, der willentlich und aktiv ein Ziel gegen alle Hürden und Hindernisse verfolgt. Das gilt für alle Genres.
Das Wort Protagonist stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet nicht umsonst "Der Erste" und "ich handle, bewege, führe". Der Protagonist ist also jene Figur in einer Geschichte, die am meisten handelt und die Ereignisse vorantreibt. 
Vielleicht ist es realistisch, dass ein von der Mutter misshandeltes, minderjähriges Mädchen nicht einfach wegläuft oder die Behörden einschaltet. Vielleicht braucht es, wie in meinem oben genannten Beispiel, den Beistand eines Fremden, um das Mädchen zu retten. In dem Fall aber würde ich sagen, dass ihr Zusammentreffen mit dem Fremden der Inciting Incident ist, der das Mädchen zum Handeln bewegt und die Handlung ins Rollen bringt. Wie genau sie dann den Klauen ihrer Mutter entkommt und wie sie es schafft, sich emotional von dem Missbrauch zu lösen, das ist die wahre Geschichte. Die ersten hundert Seiten könnten also weggekürzt werden und die Handlung da beginnen, wo das Manuskript aufgehört hat.
Oft scheuen Autoren davor zurück, ihre Figuren leiden zu lassen oder in schwierige Situationen zu bringen. Dabei braucht es aber Herausforderungen und Widerstände, um dramatische Handlung zu erschaffen. Nur unter Druck und in schwierigen Situationen zeigt sich der Charakter der Figur.

Scheut euch nicht, sie diesen auszusetzen!