Mittwoch, 19. Juni 2019



Ich wurde eingeladen, für den  Selfpublisher-Verband ein Live- Webinar mit dem Thema "Figurenentwicklung" zu geben!

Eine Interessante Hauptfigur ist unzweifelhaft das Wichtigste an einer unvergesslichen Geschichte.

Wie aber erschafft man lebendige Figuren, an die Leser sich noch lange erinnern werden?
In diesem Webinar erfährt  man:

-  wie Hauptfigur, Plot + Setting zusammengehören
- was der Unterschied zw. charakter-driven und plot-driven ist
-  wie die Wandlung der Hauptfigur den Kern der Geschichte ausmacht
- we das want & need (das Ziel und das Bedürfnis) einer Hauptfigur die Handlung formen
-  wie man Figuren durch das Setting charakterisiert
- was einen Protagonisten ausmacht und warum er nicht passiv sein sollte

Selfpublishing-Autorin Jana von Bergner moderiert das Webinar und führt mit mir am Ende eine Fragen & Antwort-Runde, aber auch während des webinars können Fragen gestellt und über das Thema live diskutiert werden.

Das Webinar steht allen Mitgliedern des Verbandes kostenlos zur Verfügung. Wer zu dem Termin nicht live dabei sein kann, kann sich später eine Aufzeichnung ansehen.

Ich freue mich auf zahlreiche Teilnehmer und eine anregende Diskussionsrunde!

Wann: 27.6.2019
Uhrzeit: 19:00 Uhr


Hier geht´s zu Anmeldung:
https://www.selfpublisher-verband.de/weiterbildung/

P.S.: Leider steht das Webinar nur Mitgliedern des Verbandes offen. Vielleicht ein guter Grund, Mitglied zu werden und auch von den vielen anderen Vorteilen und Weiterbildungsmöglichkeiten des Verbandes zu profitieren ...

Freitag, 29. März 2019

Autorenwelt- Shop: Fair Trade für Autoren




Kennt ihr schon den Shop der Autorenwelt?


Gestern war Meiner Einer im Writers Room – dem einzigen Co-Working Space  für Autoren in Europa. Der raum liegt etwas versteckt in einer Dachkammer der ehemaligen Dosenfabrik in Hamburg. Man muss erst einmal an einem Box-Club vorbei, wo Martial Arts trainiert und auf Sandsäcke eingehauen wird, dann gelangt man ganz oben in die Räume des Writers Room, wo an diesem Abend Sandra Uschtrin zu Gast war. Außer den Mitgliedern des Writers Room waren noch einige Mitglieder des BVJA (Bundesverbands junger Autoren) sowie des Selfpublisher-Verbands im Publikum und andere Interessierte Autoren und Autorinnen.
Die sympathische Sandra Uschtrin, Herausgeberin der Federwelt und des Selfpublishers, war extra nach Hamburg angereist, um ihre Autorenwelt (eine Website mit nützlichen Links, News und Forum für Autoren) vorzustellen, sowie das Autorenprogramm für den angeschlossenen Buch-Shop. Hier können Bücher (die bei LIBRI gelistet sind) online bestellt werden, sie werden versandkostenfrei nach Hause geliefert — doch es kommt noch besser!
Die Online-Buchhandlung der Autorenwelt beteiligt Autorinnen und Autoren, die am sogenannten Autorenprogramm teilnehmen, mit 7 % vom Ladenverkaufspreis an den Verkaufserlösen. Das ist deutschlandweit einmalig, wenn nicht sogar weltweit.
Für Autorinnen und Autoren wird es leider immer schwerer, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Mehr und mehr Buchtitel von Verlagen und Selfpublishern konkurrieren um die Gunst der Käufer; gleichzeitig sinken die Auflagenhöhen bei stagnierenden Buchpreisen. Die sogenannte Midlist bricht immer mehr weg und nur Bestseller können vom Schreiben leben.
Umso wichtiger ist jeder Cent aus den Einnahmen für Autoren, auch um eine Vielfalt an Büchern am Markt erhalten zu können. Der Autorenshop beteiligt erstmalig Autoren an den Verkäufen ihrer Bücher, indem er 7% vom Ladenverkaufspreis weiterreicht. 

7 % vom Ladenverkaufspreis für Autoren


7 Prozent vom Ladenverkaufspreis eines Buches – das ist ja nicht viel, mag manch einer denken. Aber das ist eine ganze Menge. Wenn man bedenkt (und was viele vielleicht nicht wissen) liegen die Autorenhonorare üblicherweise bei 5–10 Prozent vom (Netto) Ladenverkaufspreis je verkauftes Buch. Ein Autor verdient also in der Regel nicht mehr als ca. 0,70 € aus dem Verkauf eines Buches. Mit dem Geld vom Autorenwelt-Shop kann ein Autor also seine Einnahmen in etwa verdoppeln!
Das Thema Autoren-Vergütung und Verlagsverträge hatten wir ja schon einmal hier in meinem Blog, alles darüber kann hier ausführlich nachgelesen werden, aber auf der Seite der Autorenwelt hat Sandra Uschtrin noch einmal eine sehr informative Beispiel-Rechnung aufgemacht, was vom Verkaufspreis eines Buches eigentlich alles abgeht, wer wie viel daran verdient und was dann für den Autor übrigbleibt. Weil das etwas ist, das eigentlich jeder Autor wissen sollte, gebe ich diese Rechnung hier einmal wieder (den original Post findet ihr hier):

Wer bekommt wie viel beim Verkauf eines Buches?


Hier ein Rechenbeispiel: Von einem Buch, das im Laden 10,70 Euro kostet, erhalten Verlag und Buchhandel (Groß- und Einzelhandel) jeweils rund 5,00 Euro. Oder genauer:
10,70-Euro-Buch (Bruttoladenverkaufspreis)
./. Staat: 0,70 EUR (7 Prozent MwSt.)
= 10,00 Euro Nettoladenverkaufspreis (NLVP)
A) Verlag: ca. 5,00 Euro = 50 %
  • ./. Autorin: 0,80 Euro (hier: 8 % vom NLVP)
  •  ./. Lektorin, Korrektor, Grafikerin, Setzer (intern/extern)
  • ./. Druckerei
  • ./. Vertrieb (Verlagsvertreter, Auslieferung; Werbung)
  • ./. Gemeinkosten (Miete, Personal etc.) etc.
B) Großhandel: ca. 2,00 Euro = 20 %
(Der Großhandel kauft das Buch zum Preis von ca. 5,00 Euro vom Verlag [= ca. 50 % Rabatt] und verkauft es an die einzelnen Buchhandlungen für ca. 7,00 Euro). Von den 2,00 Euro Differenz bestreitet der Großhandel die Kosten für:
  • ./. Personal
  • ./. Lagerräume
  • ./. Maschinen
  • ./. Material (Verpackung)
  • ./. Logistik, Gemeinkosten etc.
C) Buchhandlung, stationär oder online: ca. 3,00 Euro = 30 %
(Die Buchhandlung kauft das Buch für ca. 7,00 Euro vom Großhandel [oder direkt beim Verlag] und verkauft es an den Endkunden/Leser für 10,70 Euro brutto). Von diesen 3,00 Euro bestreitet die Buchhandlung die Kosten für:
  • ./. Personal (Verkaufspersonal; IT-Spezialisten)
  • ./. Miete für Räume
  • ./. Marketing, Werbung
  • ./. Online-Shop (Server, Hosting, Hardware- und Software) etc.
Der Verlag verdient also 5,00 €, der Großhandel 2,00 €, der Buchhändler 3,00 € und der Autor etwa 0,70 €. Mit dem Zuschuss des Shops der Autorenwelt kann der Autor seine Einnahmen auf etwa 1,40 € erhöhen.
Na, das ist doch was :)

Was bleibt beim Autorenwelt-Shop hängen?


Bestellt eine Kundin ein 10,70-Euro-Buch (Ladenverkaufspreis) im Autorenwelt-Shop, kauft die Autorenwelt es für ca. 7,00 Euro beim Buchgroßhändler Libri ein.
Von den 3,00 Euro, die nach dem Verkauf übrig sind, zahlt die Autorenwelt:
  •  ./. Versandkosten (Libri verschickt das Buch im Auftrag der Autorenwelt an die Kundin. Hierfür berechnet Libri Versandkosten, die je nach Gewicht des Buches unterschiedlich hoch sind.)
  • ./. 0,75 Euro (= 7 % vom Bruttoladenverkaufspreis) an den Autor.
Diesen Zuschuss kann der Autorenwelt-Shop nur zahlen, weil sie als Online-Händler wenig Kosten haben (Keine Raummiete, Personal ect.), und weil sie auf Einnahmen verzichten und wirklich, wirklich selbstlos Autoren unterstützen wollen. Bei einem 10,70-Euro-Buch bleiben der Autorenwelt nur ca. 0,50 Euro übrig. Davon hat die Autorenwelt alle weiteren Kosten zu bestreiten, zum Beispiel für die Entwicklung und den Betrieb der Plattform/des Shops oder für das Personal. Reich wird man als Buchhändler damit nicht. Mit dem Autorenwelt-Shop macht die Autorenwelt noch keinen Gewinn. Derzeit werden etwa acht Bücher pro Tag für insgesamt 120,00 Euro im Shop bestellt. Das sind täglich ungefähr 8,40 Euro, die direkt oder indirekt an die AutorInnen fließen. Multipliziert mit 365 Tagen sind das im Jahr etwa 3.066,00 Euro.
Sandra Uschtrin stellet dieses Konzept also gestern Abend vor einem sehr interessierten Publikum aus Autoren im Writers Room vor und ihre Vision und Ideen für eine gemeinschaftliche Zukunft des Shops (bis hin zur Genossenschaft um Autoren noch mehr an den Einnahmen zu beteiligen) gefallen mir sehr. Ich bin wirklich überzeugt, dass dies Zukunft hat, und Frau Uschtrin mit der Autorenwelt ein ambitioniertes und ideologisches Projekt geschaffen hat, dass allen Beteiligten helfen kann. Frau Uschtrin handelt dabei wirklich rein altruistisch.
Dafür spricht auch, dass die bisherigen Überschüsse aus dem Autorenwelt-Shop (Einnahmen aus Verkäufen, die nicht einem Autoren zugeordnet werden konnten, weil dieser nicht am Autorenprogramm beteiligt ist oder gemeinfreie Bücher wie z.B. Goethe) an das Netzwerk Autorenrechte gespendet wurden. 3,000 € wurden auf der Leipziger Buchmesse #lbm19 übergeben: „Stellen Sie sich vor, der Autorenwelt-Shop würde täglich 800 Bücher verkaufen. Große Buchhandlungen machen das. Dann kämen den Autoren und ihren Verbänden über 300.000,00 Euro zugute“, sagt Sandra Uschtrin.

Ein tolles Ziel!

Auch Übersetzer und Illustratoren sollen in Zukunft am 7 5 - Programm teilnehmen können. Der Shop wächst zur Zeit immer weiter und auch eine „Blick-ins-Buch“- Funktion wie bei Amazon ist geplant. Doch all dies braucht Zeit und Kosten für die Umsetzung.
Selfpublisher können übrigens genau wie Verlagsautoren am Autorenprogramm teilnehmen — wenn ihre Bücher bei LIBRI gelistet sind, so z.B. Bücher über BOD. Bücher von Epubli sind leider nicht vertreten, da diese über KNV geliefert werden. Ebooks sind zur Zeit aus technischen und rechtlichen Gründen noch nicht vertreten, sollen aber in Zukunft ebenfalls im Autorenshop verkauft werden.
Unterstützt den Autorenwelt-Shop indem ihr nicht nur euch für das (kostenlose) Autorenprogramm anmeldet (Hier), sondern auch, indem ihr eure Bücher dorthin verlinkt und Leser darauf aufmerksam macht, wo man Fair Trade-Bücher erwirbt.
 
https://shop.autorenwelt.de/

Wie kann ich am Autorenprogramm teilnehmen?


Das ist ganz einfach: Auf https://autorenprogramm.autorenwelt.de/users/sign_in gehen und sich registrieren. (Achtung: Für das Autorenprogramm müssen Sie sich gesondert anmelden. Das Anmelden und Sich-Einloggen auf der Autorenwelt reicht hierfür nicht aus.)
Zur Teilnahme benötigen wir von Ihnen einige Daten und Unterlagen. Insbesondere wird im Verlauf des Anmeldeprozesses gebraucht:
  • Bankverbindung, damit wir Ihnen Ihren Anteil an Ihren Buchverkäufen überweisen können.
  • Einen Identitätsnachweis, damit wir sichergehen können, dass Sie auch wirklich Sie sind.
  • Die Bücher, mit denen Sie am Autorenprogramm teilnehmen wollen. Diese können Sie auf dieser Seite nach dem Anmeldeprozess komfortabel auswählen.
Auch Bücher, die unter Pseudonym geschrieben wurden, können angemeldet werden. Dafür muss kein weiterer Account erstellt werden. Nachdem der Account bestätigt wurde, kommt man zu einem Dashboard, in dem man seine Verkäufe einsehen kann. Eine Ausschüttung erfolgt ab 10,00 € Guthaben.

Und wie erfahren jetzt die Leser von diesem tollen Shop?


Da sind wir Autoren gefragt: Damit die Bücher nun auch fleißig im Autorenshop und nicht bei einem der vielen anderen (Online-)Händler gekauft werden, muss der Shop erst einmal bekannt werden und sich erst herumsprechen. Noch nehmen erst 800 AutorInnen am kostenlosen Autorenprogramm teil, und nicht viele Leser wissen von dieser Möglichkeit, ihre Lieblingsautoren zu unterstützen. Daher ist es hilfreich, wenn ihr auf euren Homepages und Social-Media- Plattformen auf den Shop aufmerksam macht und eure Bücher dorthin verlinkt (anstatt zum großen A.)
Unter https://www.autorenwelt.de/materialien-lesermarketing gibt es Banner, Schriftzüge und Logos zum runterladen und einbinden auf websites. Es können auch Postkarten und Sticker angefordert werden, die ihr dann fleißig verteilt. Einfach eine E-Mail an autorenprogramm@autorenwelt.de dann werden diese per Post zugeschickt.

Auf das der Autorenwelt-Shop wächst und gedeiht.

Was meint ihr? 

Kanntet ihr den Autorenshop bereits oder hört ihr zum ersten Mal davon?
Wird Deiner Einer sich am Autorenprogramm beteiligen und den Shop seinen Lesern empfehlen?
 
Schreibt mir doch von euren Erfahrungen!

Mehr über Autorentantiemen und Verlagsverträge Hier: Ich schreibe ein Buch und werde reich! 

Freitag, 1. Februar 2019

Motivation und das Problem mit passiven Protagonisten


Quelle: Pexels

Wenn wir uns an unsere Lieblingsgeschichten erinnern, sind es meistens die schillernden Charaktere, die uns in Erinnerung geblieben sind, mehr noch als die Handlung. Unvergesslich sind Figuren wie Miss Marple, Prof Dumbledore oder Hannibal Lector. Wir Leser sind emotionale Wesen, wir lesen, um auf eine gefühlsbetonte Reise mitgenommen zu werden, um mitzuleiden und mitzufiebern. Großartige Charaktere halten uns den Spiegel vor Augen oder zeigen uns das Spektrum menschlicher Erfahrungen.

„Characterization is about a writer`s grasp of what a human being is“ - Andrew Miller


Wer unvergessliche Figuren schreiben will, muss sich für die Psyche des Menschen interessieren. Warum handelt jemand so wie er es tut, wieso reagiert jeder anders auf dasselbe Ereignis, was treibt einen an und wie wurde man von Ereignissen im eigenen Leben geprägt?
Seit der Erfindung der Psychologie durch Sigmund Freud beschäftigt man sich ausführlich mit der Frage, wie eine Person tickt, und es schadet nicht, sich mit den Theorien und Grundlagen der modernen Psychologie zu beschäftigen. 

Jeder Mensch sieht die Welt durch andere Augen. Geprägt durch seine Erfahrungen, Vorurteile, Weltanschauung, Temperament, Ängste und Ziele. Du kannst nur wissen, wie deine Figur auf Ereignisse reagieren wird, wenn du ihre Einstellung kennst. Zwei Figuren, die dasselbe Ziel verfolgen, würden komplett unterschiedlich auf dasselbe Ereignis reagieren. Nehmen wir z.B. eine Kassiererin im Supermarkt, die Feierabend machen will und die Kasse bereits geschlossen hat, als noch ein Kunde kommt. Wird sie freundlich lächeln und die Kasse noch einmal eröffnen oder wird sie den Kunden schroff abweisen? Das hängt nicht nur davon ab, ob sie ein freundlicher oder ungeduldiger Mensch ist, sondern auch von ihren persönlichen Umständen. Vielleicht wartet ein hungriges Kind auf sie zuhause oder sie hat einen strengen Chef im Nacken … Charaktere existieren nicht in einem Vakuum.

Einen unvergesslichen Charakter zu erschaffen, bei dem der Leser mitfiebert, bedeutet nicht unbedingt, ihn „sympathisch“ zu machen. „Sympathisch“ wird in diesem Zusammenhang oft missverstanden, steht es doch im Sprachgebrauch dafür, dass wir jemanden „nett“ finden. „Er ist nett“, sagen wir häufig über Leute, wenn uns nichts zu ihnen einfällt und wir sie langweilig finden. „Sympathisch“ bedeutet, dass der Leser sich in die Figur hineinversetzen kann, aber nicht unbedingt, dass diese „nett“ ist. Im Gegenteil, viele große Romane der Literatur drehen sich um Hauptfiguren, die ganz und gar nicht nett sind: Um Diebe, Lügner, Betrüger, Fanatiker und Mörder. Wir als Leser mögen es, uns in eine Figur hineinzuversetzen, die ganz anders ist als wir selbst. Wir lesen solche Geschichten, um mehr über die menschliche Psyche zu erfahren, um in die Abgründe menschlichen Verhaltens und Denkens zu blicken. Damit man weiterliest, ist es außerordentlich wichtig, dass der Leser sich in die Hauptfigur hineinversetzen kann. Für manche bedeutet das, dass sie am liebsten Geschichten über Figuren lesen, die ihnen selbst am ähnlichsten sind. Sobald eine Figur anders handelt oder reagiert, als sie es tun würden, werden diese Leser wütend und steigen aus der Geschichte aus. Diesem Leser kann man es nicht recht machen, kein Autor kennt sein Publikum im Vorhinein und kann Geschichten schreiben, die allen gerecht werden.
Dafür werden Geschichten nicht erzählt.
Geschichten sind eine Metapher über das Leben und lehren uns Leid und Freud der menschlichen Existenz. Großartige Charaktere, jene an die wir uns noch Jahre oder Jahrzehnte erinnern werden, sind Helden mit Makeln. Es sind eben jene Frauen oder Männer, die weder perfekt noch heillos chaotisch sind, sondern eine faszinierende Mischung aus Stärken und Schwächen, voller Potential uns und sich zu überraschen. Vielschichtige Charaktere sollten mit sich selbst im Konflikt stehen.
Wie erreicht man also, dass die Leser sich in Figuren hineinversetzen, auch wenn diese nicht sympathisch sind und ganz anders als wir?

Wir haben uns ja schon das Want & Need einer Figur angeschaut (das äußere Ziel und das innere Bedürfnis, die häufig im Gegensatz zueinander stehen), also dem Zwiespalt zwischen das, was sie wirklich sind, und der Fassade, die sie versuchen aufrechtzuerhalten. Zusätzlich können Charaktere eine ganze Reihe anderer Eigenschaften zeigen, die sie in Schwierigkeiten bringen oder ihnen das Leben schwer machen. Sie können gleichzeitig liebende Familienväter aber grausame Schlägertypen sein, ambitionierte Geschäftsleute und schlecht im Umgang mit Finanzen, geniale Wissenschaftler und tief religiös. Je mehr sie mit sich selbst im Konflikt stehen (und mit anderen) desto interessanter sind sie. Je mehr solcher widersprüchlicher Gegensätze wir einer Figur andichten, desto mehr Dimensionen hat diese. Das ist gemeint, wenn wir von mehrdimensionalen Figuren reden. 

Nebenfiguren


Nebenfiguren haben häufig weniger oder sogar gar keine Dimensionen, wenn sie nur dem Zweck dienen, die Handlung voranzutreiben, so werden sie häufig als Archetyp dargestellt, und basieren auf Klischees. Das ist in Ordnung für Nebenfiguren, wie z.B. dem Barkeeper, der auch unter dem Tresen mit Drogen handelt und in der Geschichte nur die Information liefern soll. Für Nebenfiguren, die eine Rolle im Leben der Hauptfigur spielen, die wichtig für die Handlung sind oder gar einen eigenen Erzählstrang bekommen, braucht es natürlich dieselbe Sorgfalt beim Ausarbeiten wie bei der Hauptfigur. Das bedeutet, dass auch die Nebenfiguren ein eigenes Want & Need (Ziel und Bedürfnis) bekommen, und dass ihnen weitere (widersprüchliche) Dimensionen hinzugefügt werden.
Achtung: Jede weitere Dimension führt zu Konflikten in der Welt oder mit den anderen Figuren, was zu eigenen Erzählsträngen führen kann. Um zu verhindern, dass Nebenfiguren interessanter werden, als die Hauptfigur oder sogar den Plot übernehmen, sollte man unbedingt darauf achten, dass ihr want & need mit dem Hauptplot verbunden ist (wenn man sich nicht auf eine Nebengeschichte einlassen will). Grundsätzlich sollten Nebenhandlungen dazu da sein, das Thema von einer anderen Seite zu beleuchten. (siehe: Die B-Story offenbart das Thema)

Das bedeutet, dass wenn die Hauptfigur rachsüchtig ist, die Nebenfigur Vergebung predigt, oder die Hauptfigur auf der Suche nach der wahren Liebe, die Nebenfigur eine Vernunftehe eingegangen hat, und glücklich damit ist. Die Nebenhandlung ist essentiell für die Wandlung der Hauptfigur und stößt die Handlung am Ende in den 3. Akt, wie wir am Plotmodell nach Blake Snyder gesehen haben (Wendepunkt II das Herz deiner Geschichte). Deshalb ist es wichtig, den Wandlungsbogen, den die Hauptfigur durchmachen wird im Auge zu behalten. Martha Alderson,  „The Plotwhisperer“ bezeichnet dies als „Character emotional development plot“ und hat ausführliche Anleitungen in ihrem Buch "Secrets of Story Structure any Writer can master"* dazu. Wird die Hauptfigur ihr Ziel am Ende erreichen oder fallen lassen? Werden sich ihre Wünsche erfüllen oder ihre Ängste wahr werden? Wie auch immer es ausgeht, die Hauptfigur ist am Ende nicht mehr dieselbe, die sie am Anfang war, und die Leser gehen mit neuer Erfahrung aus der Geschichte heraus. Erfahrungen, die sie im echten Leben evtl. nicht machen würden, was das Lesen so wertvoll macht. Nicht umsonst wurde wissenschaftlich belegt, dass Romanelesen die Empathie fördert.

Motivation


Wachstum und innere Wandlung sind nicht ohne Reibung möglich, in Fakt sperren wir uns sogar gegen jegliche Änderungen, weil wir unsere Komfort-Zonen nicht verlassen und keine Risiken eingehen wollen. Dies ist sogar ein genetisch von der Evolution verankertes Verhalten, denn um das Überleben zu sichern, wollen wir möglichst den Status Quo aufrechterhalten (wenn dieser bedeutet, dass wir wohl umsorgt sind), Energie sparen (man weiß ja nie, wann es wieder was zu futtern gibt) und uns keiner Gefahr aussetzen (in der sicheren Höhle bleiben, denn draußen lauern Raubtiere.) Es braucht also oft etwas mehr als ein bloßes Ziel, die Hauptfigur braucht einen Anschub (Inciting Incident) und Motivation.

Es ist ja schön, wenn deine Hauptfigur davon träumt, eine berühmte Sängerin zu werden, aber wenn sie dann den Aufruf zu einem Casting sieht und sich nicht traut hinzugehen, wird das Abenteuer im Keim erstickt.

Leser lieben aktive Protagonisten. 

Wir lieben Figuren, die einen Traum haben und ein Ziel verfolgen — egal, was es ist. Vielleicht, weil wir selbst im wahren Leben nur allzu oft einen Wunsch nicht verfolgen und unsere Träume aus den Augen verlieren, lieben wir es, von Figuren zu lesen, die ihr Ziel um jeden Preis verfolgen.
Dabei ist es beinahe egal, was das Ziel ist. 

Sicher, eine Figur, die die gleichen oder ähnliche Träume verfolgt wie wir selbst, mag zu einer höheren Identifikation bei uns führen. Aber eine Figur, die vielleicht ein Ziel hat, dass unmoralisch oder sogar bösartig ist, mag uns genauso faszinieren. Wir fiebern fast automatisch mit, wenn ein Charakter in einem Film oder Buch etwas will und wünschen ihm von Anfang an gutes Gelingen. Erst recht, wenn diese Figur aus einer Außenseiter- oder Verliererposition heraus startet und Fehler und Schwächen zeigt. In der Serie „Breaking Bad“ begegnen wir z. B. einem High-School-Lehrer, der in seinem Chemie-Labor Meth kocht. Können wir das gutheißen und mit dieser Figur mitfiebern? Interessanterweise schon, denn Walter White wird uns am Anfang als Außenseiter präsentiert, der von seinen Schülern und Mitmenschen ausgelacht und nicht ernstgenommen wird, und der die tödliche Diagnose Krebs bekommt. Alles, was er will, ist genügend Geld mit den Drogen zusammenzubekommen, um seiner Frau und seinem behinderten Sohn ein schuldenfreies Leben nach seinem Tod zu ermöglichen. 

Ein Trick also ist es, die Hauptfigur sowohl als guten Menschen zu präsentieren oder zumindest als eine Person, die Gutes will (die Familie versorgen). Blake Snyder nennt dies „Save the Cat“ und meint, dass man seine Figur ganz am Anfang eine Katze aus einem Baum retten lassen soll, damit die Zuschauer ihn mögen (also bei einer guten Tat zeigen soll.)
Oder man kann stattdessen seine Hauptfigur in einer Situation zeigen, die Mitleid beim Zuschauer erzeugt (ausgelacht, gedemütigt oder vom Pech verfolgt z. B.). Hat man die Leser ersteinmal emotional am Haken, wird er mitfiebern, auch wenn die Figur unmoralisch, egoistisch, kriminell oder verwerflich handelt. Wir wollen, dass die Figur Erfolg hat.  Wir gönnen Walter White die Millionen, die er mit seinem Drogengeschäft scheffelt.

Allzu oft lese ich in Manuskripten von passiven Protagonisten, die in ihrer Haltung verharren, innere Monologe führen, aber die Handlung nicht vorantreiben. Z. B. bei der (von Verlagen abgelehnten) Liebesgeschichte, bei der die Hauptfigur in einer missbräuchlichen Beziehung mit ihrer Mutter feststeckte, bei der es auch um körperliche Gewalt ging, die ihrer Mutter im Alltag aber hauptsächlich auswich und nichts unternahm, bis ein Fremder sie rettete.
Eigentlich waren alle Zutaten für eine gute Geschichte da: der Hauptkonflikt um einen Missbrauch, eine starke Antagonistin, viel Platz für Charakterwachstum und Ziel & Bedürfnis der Hauptfigur (der Mutter zu entkommen und das zerstörte Selbstwertgefühl zu heilen). Woran es der Figur aber mangelte, war der Wille, auch zu handeln.

Wie also baut man funktionierende, handelnde Hauptfiguren?


Handlung braucht einen Charakter, der willentlich und aktiv ein Ziel gegen alle Hürden und Hindernisse verfolgt. Das gilt für alle Genres.
Das Wort Protagonist stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet nicht umsonst "Der Erste" und "ich handle, bewege, führe". Der Protagonist ist also jene Figur in einer Geschichte, die am meisten handelt und die Ereignisse vorantreibt. 
Vielleicht ist es realistisch, dass ein von der Mutter misshandeltes, minderjähriges Mädchen nicht einfach wegläuft oder die Behörden einschaltet. Vielleicht braucht es, wie in meinem oben genannten Beispiel, den Beistand eines Fremden, um das Mädchen zu retten. In dem Fall aber würde ich sagen, dass ihr Zusammentreffen mit dem Fremden der Inciting Incident ist, der das Mädchen zum Handeln bewegt und die Handlung ins Rollen bringt. Wie genau sie dann den Klauen ihrer Mutter entkommt und wie sie es schafft, sich emotional von dem Missbrauch zu lösen, das ist die wahre Geschichte. Die ersten hundert Seiten könnten also weggekürzt werden und die Handlung da beginnen, wo das Manuskript aufgehört hat.
Oft scheuen Autoren davor zurück, ihre Figuren leiden zu lassen oder in schwierige Situationen zu bringen. Dabei braucht es aber Herausforderungen und Widerstände, um dramatische Handlung zu erschaffen. Nur unter Druck und in schwierigen Situationen zeigt sich der Charakter der Figur.

Scheut euch nicht, sie diesen auszusetzen!