Freitag, 14. Dezember 2012

"Save the Cat!"- Story Structure



Noch immer verloren in der Mitte, keine Ahnung wie Du den 2. Akt deines Romanes gestalten sollst? Auf der Suche nach einer Formel und Struktur?
Keine Sorge, Hilfe ist unterwegs: “Save the Cat!“ - Blakes Snyders Beat Sheet.


Auf der Suche nach einem Schreibratgeber, der eine Geschichte etwas feiner unterteilt, als bloß in zwei Wendepunkte und „etwas dazwischen“, wurde mir von drehbuchschreibenden Kollegen das Buch „Save the Cat!“ von Blake Snyder ans Herz gelegt.
Drehbuchschreiber haben eine ganz andere, erfrischende Herangehensweise an Geschichten, als Romanschreiber. Sie reden von Stoffen, Sequenzen, Pitch und Settings … und die Eingeweihten unter ihnen auch von Beats.


Was sind Beats?


Blake Snyder hat eine Formel für das Drehbuchschreiben aufgestellt, indem er die einzelnen Akte in weitere kleine Einheiten zerlegt und diese mit ihrer Aufgabe und Position innerhalb des Textes benennt.
Deiner Einer mag eine solche Formel zu steif und zu einengend vorkommen; mir nicht. Die Beats sind allgemein gehalten, wie man den Inhalt ausführt, wie man die geforderte Aufgabe eines Beats umsetzt, darin liegt ja die Kreativität. Was für Blake Snyder allerdings unveränderlich ist, ist die Position. Er gibt sogar exakte Seitenangaben, wann ein Beat zu erscheinen hat, also zum Beispiel der
1. Wendepunkt auf Seite 25 (wohlgemerkt eines Drehbuches).


Nur da und nirgendwo anders.
Das sind Anforderungen, wie sie das Blockbuster-Kino Hollywoods tatsächlich stellt und ein Schreiber, der an die großen Studios verkaufen will, tut gut, sich daran zu halten.
Wir Romanschreiber aber haben mehr Freiheiten.
Dennoch macht es Sinn, sich mit der Gewichtung der einzelnen Teile seiner Geschichte Mühe zu geben.


So sollte der 1. Akt 25%, der 2.Akt 50% und der 3.Akt wiederum 25% einer Geschichte ausmachen.
Weicht man allzusehr von dieser Daumenregel ab, läuft man Gefahr, dass sein Manuskript offBalance ist, man also Teile hat, die zu lang sind und den Leser mitunter langweilen.
Andere Autoren haben sich die Mühe gemacht, die Seitenangaben von Blake Snyder von Drehbuchangabe auf Normseiten eines Romanmanuskriptes umzurechnen, das geht am besten mit diesem praktischen Beat-Sheet-Rechner.

Aber was genau sind denn nun die einzelnen Beats aus Save the Cat?

Man findet dort im 1. Akt so altbekannte Sachen wie den „Catalyst“ = den auslösenden Moment, der bei Blake Snyder aber nicht mit dem ersten großen Wendepunkt identisch ist.
Das war die erste Erleuchtung für mich:


Es gibt einen auslösenden Moment, ein Ereignis (eine Katastrophe, ein Angebot, einen Call-to-action) doch dieses führt nicht unmittelbar zu einer Reaktion, sondern ist gefolgt von einem Moment des Zögerns und des Nachdenkens („Debate“) bevor der „Break in Act II“ erfolgt, dem großen Wendepunkt I also.
Dieser Wendepunkt sollte aus einer freiwilligen Entscheidung des Protagonisten heraus entstehen, keinesfalls sollte der Protagonist gezwungen werden oder keine andere Wahl haben. Es gibt immer eine andere Wahl (auch wenn diese unangenehm ist.) Ohne diese Entscheidung des Protagonisten gäbe es keine Geschichte. Er entscheidet sich für die Handlung.
Dann kommt der zweite Akt und auch dort wartet eine Überraschung auf mich: Blake Snyder findet in Geschichten einen „Midpoint“: der zweite Akt ist noch einmal sauber in zwei Hälften unterteilt.
Das macht Sinn!
Dieser Midpoint sorgt für einen Umbruch in der Geschichte, der nicht nur in den meißten Filmen visuell sichtbar ist, weil er z.b. von einer hellen Stimmung in eine düstere wechselt, sondern auch emotional spürbar. Von hier an wird für den Protagonisten alles schlimmer.
Man könnte also beinahe von einem dritten Wendepunkt in der Mitte der
Geschichte sprechen.
 Gerne würde ich hier näher auf die einzelnen Beats eingehen und sie euch in einer Kurzzusammenfassung vorstellen, aber das wäre nicht fair.
Diese Beats und die Theorie dahinter machen den Kern von Blake Snyders Werk aus, und wer sich dafür interessiert, sollte seinen Ratgeber kaufen. Der Autor (der inzwischen verstorben ist) hat mit seinen „Beat
Sheets“ Generationen an Hollywoodautoren beeinflußt und sein Ansatz
wird noch immer von den Großen gelehrt. Das Buch „Save the Cat!“ ist ein Klassiker unter den How-to-Drehbuch-Ratgebern und mit seinen günstigen 11,- Euro in der Ebook-Version die Anschaffung allemal wert. Nicht nur wegen der darin detailliert erklärten „Beats“, sondern auch wegen seiner unkonventionellen und genialen Klassifizierung von Genres.
Der launige Ton und Blakes augenzwinkernde Anekdoten über Hollywood haben das Buch insgesamt sofort zu einem meiner Lieblingsratgeber werden lassen.
Aber sowas von!


Die Universelle Story- Struktur

Blake Snyders Beat Sheet (und ähnliche Plotmodelle) bieten eine Plotstruktur, die sich an dem antiken Dramenmodell der 3-Akte orientiert und mit deren Hilfe man die Handlung eines Romans in obligatorische Szenen hinunterbrechen kann. Nachdem man die Grundidee festgehalten hat (Die Hauptfigur und ihr Ziel, das sie erreichen will, sowie die antagonistische kraft, die sich ihr entgegenstellt), fängt man an, die einzelnen Szenen stichwortartig auf Index-Karten festzuhalten.
Index-Karten sind deshalb so gut dafür geeignet, weil sie einen zwingen, bei kurzen Notizen zu bleiben, so dass man nicht zu sehr ins Ausformulieren gerät, und weil sie außerdem problemlos in der Reihenfolge durchgetauscht werden können. Am besten breitet man alle Szenen-Karten vor sich aus (auf einem breiten Tisch oder dem Fußboden) oder hängt sie an die Wand, um einen Überblick zu bekommen. Die Szenen sollten dann der Chronologie der Ereignisse nach ausgebreitet werden — aber nicht vergessen: Eine Erzählung muss nicht chronologisch sein, sie kann vorgreifen oder Rückblenden enthalten!
Wenn man noch nicht für alle Plotpoints eine Idee hat, so lässt man diese erstmal aus, und platziert eine leere Index-Karte. So bekommt man einen guten Überblick, welche Plotpoints (Beats) in der Geschichte noch fehlen, und wo man sich noch Gedanken machen muss.

Blake Snyders Beat- Sheet (ergänzt durch ein paar Scriptdoktor Plotpoints!)


1)      Opening image (Einführung der Hauptfigur): Ein charakterisierender Schnappschuss aus dem Alltag der Hauptfigur, knapp bevor sich ihr Leben auf den Kopf stellt und sich alles ändert. 
2)      Set up: Einführung aller weiteren wichtigen Figuren, Elemente und des Gefühls, dass etwas nicht stimmt und eine Änderung geschehen wird.
3)      Theme stated (Nennung des Themas): Die Wahrheit, Aussage oder Erfahrung, die die Hauptfigur durchlaufen muss, auch wenn sie sie an dieser Stelle noch nicht versteht oder gar verneint. Das Thema stellt eine moralische Frage/ Dilemma, die am Ende beantwortet werden muss.
4)      Catalyst / Inciting Incident (Auslöser):  etwas geschieht, dass das normale Leben der Hauptfigur auf den Kopf stellt; das Ereignis, dass den Hauptkonflikt auslöst; der Ruf ins Abenteuer. Der Antagonist tritt hier häufig in Erscheinung.
5)      Debate (Zögern): Die Hauptfigur zögert, das Abenteuer anzunehmen; Was steht auf dem Spiel? wird formuliert
6)      Break in Act II (Aufbruch in den II. Akt): Die Hauptfigur trifft die Entscheidung, den Ruf des Abenteuers anzunehmen, sich dem Problem zu stellen und ihr Ziel aktiv zu verfolgen.
7)      B-Story (Nebenhandlung): Der Konflikt einer Nebenfigur (die vielleicht bereits in 2)Set up vorgestellt wurde) wird eingeführt oder vertieft. Normalerweise  ergänzt die B-Story das  Hauptthema  oder  beleuchtet es von einer anderen Seite. Sidekicks, Buddys und Loveinterests, aber auch Mentoren und Feinde können hier auftreten.
8)      Promise of the premise (Fun  and  Games):  Die Hauptfigur  in ihrer  neuen  Welt;  hier  wird  die  Prämisse erfüllt. Handelt es sich um einen Actionthriller, gibt es hier eine Verfolgungsjagd, bei einer Liebesgeschichte eine Liebesszene, in einer Komödie etwas zu lachen und in einem Krimi die Verfolgung von Spuren.
9)      Temporary Triumph (vorübergehender Triumpf): Bei der Verfolgung ihres Ziels erlebt die Hauptfigur entweder kurzzeitigen Erfolg oder einen Misserfolg. In jedem Fall verkompliziert sich das Problem und das Tempo und die Spannung steigt.
10)   Midpoint (Reversal): Der Midpoint stellt die exakte Mitte des Buches dar. Hier muss etwas geschehen, dass alles, was die Hauptfigur bisher erreicht oder verstanden hat, wieder in Frage stellt. Neue Informationen, falsche Fährten, Verrat, Geheimnisse und Lügen sorgen dafür, dass die Hauptfigur ihr Ziel nicht auf dem Weg erreichen kann, den sie bisher eingeschlagen hatte.
11)   Bad guys close in (Bösewichter schlagen zu): Der Antagonist oder seine Helfer treten auf den Plan und stellen dem Helden weitere Hürden in den Weg. Kommt es zum Kampf, verliert der Held.
12)   All is lost (Alles ist verloren): Für den Helden sieht es schlecht aus: Seine Pläne sind gescheitert, sein Ziel in unerreichbare Ferne gerückt, der Antagonist hat (scheinbar) gewonnen. An dieser Stelle tritt häufig der Tod auf (ein Mentor, Freund oder Verbündeter stirbt.)
13)   Dark night of the soul (Düsterster Moment): Der Held ist am Ende und an dieser Stelle tritt seine innere Wunde zutage (sein want/ need kämpfen gegeneinander), alle Hoffnung scheint verloren.
14)   Break in Act III (Aufbruch in den III. Akt): Eine neue Information, Eingebung oder die Hilfe eines Verbündeten (häufig durch die B-Story) schüren wieder Hoffnung. An dieser Stelle erkennt die Hauptfigur manchmal ihren inneren Konflikt (Need) und was sie braucht, um ihr Ziel zu erreichen. Sie trifft die Entscheidung, es ein letztes Mal zu versuchen und sich dem Antagonisten zu stellen.  Ab hier gibt es kein Zurück!
15)   Final obstacle (Final Obstacle): Manchmal gibt es noch eine letzte Hürde (einen Handlanger, eine Falle, oder ein Problem aus der B-Story) zu überwinden, bevor der Held auf den Antagonisten trifft.
16)   Showdown (Finale): Die Hauptfigur tritt in ihrer neuen, stärkeren, erleuchteten Version dem Antagonisten gegenüber und es kommt zur finalen Konfrontation. Der Held hat seine Lektion aus dem Thema gelernt und wendet all seine neuen Erkenntnisse, Fähigkeiten oder Waffen gegen den Antagonisten an und erreicht sein Ziel.
17)   Pay off theme (Die Moral von der Geschichte): Die Lehre, die die Hauptfigur gezogen hat, wird ausgesprochen.
18)   Resolution (Auflösung): Alle noch offenen Handlungsstränge werden gelöst und auch die B-Story zu einem Abschluss geführt.
19)   Final Image: Der Held kehrt häufig zurück in seine alte Welt, aber er ist verändert. Spiegelung zum 1) opening image.              


Und nachdem wir uns das nun sorgfältig durchgelesen haben, kommen wir zu einer neuen, etwas feineren Grafik, was den Aufbau einer Geschichte in drei Akte angeht:
*Klicken um zu vergrößern*



Wenn man dieser Struktur folgt und die einzelnen Punkte stichwortartig für sich festhält, kommt man schon auf ein ziemlich gutes Skelett. Wie du siehst. Man kann dieses jetzt nutzen, um ein Exposé oder eine ausführliche Synopsis zu schreiben, um sich bei Verlagen zu bewerben. Oder man hangelt sich an diesem Gerüst lang, und schreibt seine Geschichte. Man hat ja jetzt schon alle wichtigen Szenen und muss diese nur noch ausformulieren.
Natürlich passiert es, dass man beim Schreiben feststellt, dass etwas nicht funktioniert, oder dass man neue, bessere Ideen bekommt. Das ist in Ordnung, dann passt man sein Gerüst (seine Index-Karten) einfach an.
Viele nutzen diese Methode um Projekte vor dem Schreiben zu durchdenken; dabei experimentieren sie mit den Positionen der einzelnen Szenen, fügen welche hinzu, oder verschieben sie. Das kann bei manchen Projekten einige Zeit in Anspruch nehmen; vor allem die wichtigen Wendepunkte (Break in Act I, Break in Act II und der Midpoint) sowie das Finale bereiten einem manchmal Probleme. Es kann viel Zeit und viel Brainstorming in Anspruch nehmen, die Lösung für ein Plotproblem zu finden. Aber mit Hilfe der Indexkarten kann man ein Projekt gut in der Schublade haben und immer mal wieder daran feilen.
Wem echte Index-Karten zu aufwändig sind, weil er keinen Platz hat, diese an die Wand zu hängen oder auszubreiten, der kann auf Schreibprogramme wie Scrivener oder Papyrus zurückgreifen, die Index-Karten symulieren.

Wenn man dieser Struktur folgt und die einzelnen Punkte stichwortartig für sich festhält, kommt man schon auf ein ziemlich gutes Skelett. Oder man stellt fest, dass man instinktiv sich in seinem ersten Entwurf bereits daran gehalten hat.
Auch zum Überprüfen und Redigieren eines fertigen Textes ist die Blake Snyder Methode sehr hilfreich.


Aristoteles hätte es gefallen.
Oder, Ari?

Denn es ist ebenso wie bei der Malerei. Denn wenn einer die schönsten Farben ohne Plan auftrüge, so würde er weniger angenehmen Effekt machen, als wenn er ein Bild mit der Kreide zeichnete.“ - Aristoteles

Genau.

Kommentare:

  1. Lässt sich denn jede Geschichte so fein strukturieren? (Denke da an Biografien) Oder gilt dieser Aufbau vornehmlich für Romane und Drehbücher?

    Vielen Dank übrigens für die tollen Tipps hier!

    Liebe Grüße und ein kreatives Wochenende!

    N.

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  2. Hallo Njala,
    diese Aufteilung gilt explizit für Drehbücher. Man kann sie auf Unterhaltungsromane übertragen, doch je literarischer ein Roman desto weniger passt diese Struktur.
    Mit Biografien kenne ich mich nicht aus, ich würde aber sagen, dass diese Struktur GAR NICHT auf biografische Werke passt, denn in diesen sollte man sich ja weitestgehend an die "Wahrheit" also die historischen Fakten halten.
    Man könnte in dem Fall aber mit Hilfe des Beat Sheet überprüfen, wie sehr ein biografischer Stoff sich überhaupt eignet.

    LG
    Sedamens

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