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Freitag, 7. Juli 2017

Mystery, Suspense und Dramatic Irony - 3 Spannungstechniken

Mystery, Suspense und Dramatic Irony

 

Mein letzter Post über Prologe und Epiloge hat mich auf etwas gebracht. Wie kann es sein, dass man einen Teil der Handlung (im Prolog) vorweg nimmt und dennoch — oder gerade dadurch — Spannung ensteht?
Ich habe ein wenig nachgeforscht und möchte euch hier meine Erkenntnisse vorstellen:
Es gibt 3 Arten von „Informationstechnik“, die ihr in jeder Art von Geschichte einsetzen könnt. Die Frage in jeder Story ist ja, wieviel erzähle ich dem Leser und wieviel halte ich ihm vor? Der Leser bleibt gemeinhin aus zwei Gründen bei der Handlung:   Neugierde auf den weiteren Verlauf der Handlung  und Identifikation mit der Hauptfigur. 
 
Nun könnt ihr den Leser auf 3 verschiedene Arten bei der Stange halten:

Mystery = Der Leser weiß weniger als die (Haupt-)Figur
Suspense = Der Leser weiß genauso viel wie die (Haupt-)Figur
Dramatic Irony = Der Leser weiß mehr als die (Haupt-)Figur

(*Diese Begriffe sind nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen englischsprachigen Genres, oder mit anderen Techniken aus dem Drehbuchbereich ect. Sie meinen hier ein Stilmittel, wie Informationen dem Leser gegeben (oder vorenthalten) werden und sind angelehnt an Robert McKee Verwendung der Begriffe. Ihr könnt gerne eigene Worte dafür finden.)

Mystery


Der Leser weiß weniger als die Hauptfigur.
Das bedeutet, der Erzähler hält dem Leser mit Absicht Informationen vor, macht nur Andeutungen (vor allem zur Hintergrundgeschichte) und ruft auf diese Weise viele Fragen im Kopf des Lesers hervor. Mit diesem Stilmittel „Mystery“ spricht man vor allem die Neugierde des Lesers an. Dadurch dass die Hauptfigur mehr weiß als der Leser, wird der Leser oft im Unklaren gelassen, was die Hauptfigur plant, wie sie zu einer Erkenntnis oder einem Hinweis gelangt ist, was in der Vergangenheit geschehen ist oder welche Leichen sich sonst noch im Keller verbergen. Durch Auslassungen und absichtliches Verschweigen wird der Leser auf falsche Fährten gesetzt und das Sammeln von Informationen, die wie Puzzleteile zusammengesetzt werden müssen, bereiten dem Leser Vergnügen und spannen ihn auf die Folter. Oft dreht sich die Handlung um ein einziges großes Geheimnis und die Aufdeckung am Ende ist ein großer Twist.
Am deutlichsten wird dies natürlich im Krimi angewandt, wo der Meisterdetektiv längst einen Verdächtigen hat, dem Leser aber nichts von diesem Verdacht mitteilt und er selber anhand der gesammelten Beweise mitraten muss, bis es zur Auflösung am Ende bei der Dingfestmachung des Täters kommt. Erst dann verrät der Meisterdetektiv seinen Lesern, wie er zu seiner brillanten Schlussfolgerung gekommen ist.
Aber auch in anderen Genres kann die „Mystery“-Technik angewendet werden. So steht in Spannungs-Romanen häufig der Satz: „Er hatte einen Plan!“, ohne dem Leser die Details dieses Plans zu erläutern. Man liest weiter, um herauszufinden, was die Hauptfigur geplant hat und wie sie sich aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation hinausmanövriert.
Diese Technik benutzt man häufig bei Ich-Erzählern, die dem Leser aus Scham oder Hinterlist Fakten aus ihrer Vergangenheit vorenthalten, beim Allwissenden Erzähler oder Erzählern, die aus der Rückschau heraus berichten, und ganz besonders natürlich beim "Unzuverlässigen Erzähler".
Die Leser im Dunkeln zu lassen und die Figuren mehr wissen zu lassen als den Leser, ist eine sehr gute Taktik, um zu ködern und neugierig zu machen.

Suspense


Der Leser weiß genauso viel wie die Hauptfigur.
Dies ist wahrscheinlich die am häufigsten gewählte Spannungstechnik und aus gutem Grund, denn wenn Leser und Hauptfigur auf demselben Wissensstand sind, kann sich der Leser am besten mit der Hauptfigur identifizieren. Die Spannung in der Handlung entsteht aus der Frage „Was wird als nächstes passieren?“ und lässt den Leser mitfühlen und ihn sich fragen, wie er selbst sich in dieser Situation verhalten würde. Der Meisterdetektiv beeindruckt uns durch sein Wissen, aber wir können uns nie ganz mit ihm identifizieren, deswegen distanziert die Mystery- Erzähltechnik, wohingegen „Suspense“ uns ganz und gar in die Schuhe der Hauptfigur versetzt. Diese Form eignet sich besonders für Ich-Erzähler (im Präsens) oder die personale Erzählform (im Präsens). Jedes Ereignis und jede Wendung kommt für die Figur genauso überraschend wie für den Leser. Plötzliche dramatische Ereignisse entfalten hier die größte Wirkung und am meisten Mitgefühl.
Sobald aber eine weiterer Perspektivträger außer der Hauptfigur hinzukommt, z.B. durch zwei sich abwechselnde Figuren (wie häufig in Liebesgeschichten oder Thrillern), begibt der Leser sich bereits in die Haltung der „dramatic Irony“ (im deutschen auch tragische Ironie genannt). Denn durch den zusätzlichen Blickwinkel weiß der Leser stets mehr als die einzelne Figur.

Dramatic Irony


Der Leser weiß mehr als die Hauptfigur.
Das bedeutet, dass Leser in den Ereignissen der Figur voraus sind oder sogar den Ausgang der Handlung kennen. Während in „Suspense“ der Leser sich über den Fortgang der Handlung wundert und sich Sorgen um das Wohlergehen der Hauptfigur macht und sich fragt, wie das alles endet, so bangt der Leser in der Haltung der „dramatic irony“ bei dem Wissen um das drohende Schicksal und hat Mitleid für die Hauptfigur. Der Leser möchte beim Lesen wie im Kasperletheater am liebsten der Figur zurufen: „Tu das nicht!“, während er ohnmächtig zusehen muss, wie die Hauptfigur der Todesgefahr geradewegs in die Arme läuft.
Was zunächst einmal paradox klingt (dem Leser zu sagen, was als nächstes passiert oder wie alles endet) sorgt aber gerade durch dieses Mitwissen zu einem besonders hohen Spannungsgrad, weswegen diese Technik häufig in Thrillern aber auch in Dramen/Tragödien Anwendung findet.
Z.B. kann der Erzähler seine Leser wissen lassen, dass die Figur einen Fehler begeht, er kann beschreiben, was gleichzeitig an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit geschieht und was die Bemühungen des Hauptfigur zunichtemachen wird, er kann die Leser in die Pläne des Antagonisten einweihen oder ihm Blicke in die Gedanken des Love Interests gewähren und so verraten, ob der Angebetete Gefühle für unsere Hauptfigur hegt oder nicht. Er kann die Handlung vorspulen und in einem Flashforward dem Leser Einblicke auf zukünftige Ereignisse gewähren oder dem Leser alles über den Gegenspieler verraten, was die Hauptfigur nicht weiß. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Allwissenden Erzähler oder einen Ich-Erzähler, der im Rückblickberichtet, auch wechselnde Perspektivträger oder nicht-lineares Erzählen versetzt den Leser in „dramatic irony“.
Diese Technik wird schon seit vielen Jahrhunderten benutzt, schon in „Oedipus Rex“ befanden sich die Zuschauer in einer Haltung der tragischen Ironie, denn die Sage, auf der das Stück beruht, war so bekannt, dass alle im Zuschauerraum wussten, dass Oedipus seine Mutter schwängern und seinen Vater ermorden wird. Die Spannung entstand daraus, sich zu fragen, wie es dazu kommen konnte.
Wie?“ und „Warum?“ halten die Neugierde genauso bei der Stange, wie das Grauen um das Wissen, dass etwas Schlimmes geschehen wird.

Alfred Hitchcock erklärt den Unterschied in der Wirkung mit einem berühmten Beispiel — der Bombe unter dem Tisch — in seinem Gespräch mit Francois Truffaut*:

„Wir reden miteinander, vielleicht ist eine Bombe unter dem Tisch, und wir haben eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, nichts Besonderes passiert, und plötzlich, Bumm, eine Explosion. Das Publikum ist überrascht. (..) Die Bombe ist unter dem Tisch und das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie jemand sie dort hingelegt hat. Das Publikum weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird und jetzt ist es 12 Uhr 55 - man sieht eine Uhr. (…) Im ersten Fall hat das Publikum fünfzehn Sekunden Überraschung beim Explodieren der Bombe. Im zweiten Fall bieten wir ihm fünf Minuten Hochspannung.“ -  Francois Truffaut: "Mr Hitchcock, wie haben Sie dasgemacht?“*-Seite 64
(*Alfred Hitchcock nennt den Unterschied hier „Surprise“ und „Suspense“.)

Diese Technik wird aber auch viel im Bereich der Komödie eingesetzt, bei der der Zuschauer sich klüger als die Hauptfigur fühlen darf, und gerade durch seinen Wissensvorsprung — „Tu das nicht, Kasper!“ — zum Lachen bringt. Der Zuschauer oder Leser erhebt sich über die Figur und sieht die Blindheit des Charakters gegenüber seiner eigenen Grenzen und Fehler und darf über die Figur lachen. Gerade weil wir wissen, was kommen wird, lachen wir schon, bevor es eintritt.

Wie also sieht dieselbe Szene aus in Mystery, Suspense und dramatic irony?


Gehen wir einmal eine Beispielszene durch, wenden wir die 3 Spannungstechniken an und schauen wie sie dieselbe Szene anders wirken lassen.
Stellen wir uns vor, wir haben als Hauptfigur einen Polizisten, der zu einem Einsatzort gerufen wird, einem großen Haus bei Nacht, in dem sich ein Axtmörder befinden soll.
Der Polizist ist gewarnt und betritt vorsichtig den Flur, von dem rechts und links viele Türen abzweigen.

Beispiel Mystery
Mit der Spannungstechnik Mystery würden wir zeigen, wie die Kamera dem Polizisten folgt, ganz nah hinter ihm oder über seine Schulter schauend. Wir sehen, wie er vorsichtig den Flur betritt, lauscht, ob er etwas hört, seine Taschenlampe auf eine offenstehende Tür und die Schwärze dahinter richtet.  Auf dem Boden vor der offenen Tür sehen wir eine Blutspur, die in das dahinterliegende Zimmer führt. Wir vermuten, der Axtmörder befindet sich dort, daher schlägt unser Herz schneller, als der Polizist sich der Tür nähert. Er richtet seine Waffe auf die Türöffnung und ruft: “Kommen Sie heraus, ich weiß, dass Sie da drin sind!“ Aber während er das noch tut, schleicht er leise am Türrahmen vorbei, er betritt gar nicht das Zimmer, sondern ein anderes schräg gegenüber. Er duckt sich, legt an und erschießt den Axtmörder, der sich im Wandschrank versteckt hatte.
Als seine Kollegen kommen um die Leiche abzuholen fragen sie ihn: “Woher haben Sie gewusst, wo der Mörder sich versteckt?“ Und unser Held antwortet: „Ich wusste sofort, dass er mir eine Falle stellen wollte, als ich sah, dass das auf dem Boden Ketchup war und kein Blut.“

Beispiel Suspense
Mit der Spannungstechnik Suspense würden wir ebenfalls zeigen, wie die Kamera dem Polizisten folgt, ganz nah hinter ihm oder über seine Schulter schauend, vielleicht sogar mit einer wackeligen Handkamera durch seine Augen. Wir sehen, wie er vorsichtig den Flur betritt, lauscht, hören seinen aufgeregten Atem. Der Schein seiner Taschenlampe huscht hin und her. Es gibt so viele Türen und der Axtmörder könnte überall sein. Nach und nach probiert der Polizist alle Klinken, aber die Türen sind verschlossen. Der Polizist nähert sich einer offenstehenden Tür und der Schwärze dahinter, die der Schein der Taschenlampe kaum durchdringt. Er richtet die Waffe auf das Zimmer und wird beim Eintreten prompt von einer schwarzen Gestalt attackiert, die mit einer Axt nach ihm schlägt. Ein Kampf entbrennt. Der Polizist kann mit Mühe und Not einen Schlag abwehren, seine Schläfe blutet, aber er schafft es, den Angreifer zu überwältigen. Dann ruft er seine Kollegen und lässt den bewusstlos geschlagenen Axtmörder verhaften.

Dramatic Irony
Mit der Spannungstechnik Dramatic Irony würden wir die Kamera dagegen vielleicht in dem Haus positionieren. Wir stehen hinter dem Axtmörder, sehen, wie er hinter der Tür lauert. Von seinem Blickwinkel aus verfolgen wir, wie der Polizist vorsichtig den Flur betritt. Vielleicht schneiden wir um auf den Blickwinkel der Polizisten, sehen, wie er die offenstehende Tür und die Blutspur entdeckt. Er zögert. Wir schneiden zurück auf den Axtmörder und sehen, wie er hinter der Tür seine Waffe zum Schlag bereit erhebt. Wir möchten dem Polizisten am liebsten zurufen, er solle nicht das Zimmer betreten. Aber natürlich tut er es. Es kommt zum Kampf, bei dem der Polizist schwer verletzt wird, aber am Ende kann er den Mörder überwältigen.

Dreimal dieselbe Szene, aber sie wirkt dreimal vollkommen unterschiedlich auf uns.
Welche gefällt dir am besten?

Zwar ist es theoretisch möglich, für jede Szene eine andere Spannungstechnik zu verwenden, aber besser ist es, sich auf eine als Stilmittel festzulegen und diese dann durch das gesamte Manuskript durchzubehalten. Letztendlich hängt es auch von der Erzählhaltung ab, welche Spannungstechnik überhaupt möglich ist und welche sich anbietet.

In jedem Fall beeinflusst es die Atmosphäre und den Erzählstil. Deswegen macht euch doch bei eurer nächsten Geschichte einmal Gedanken: Sollen eure Leser weniger wissen als die Hauptfigur, genauso viel oder gar mehr?

Oder achtet doch einfach mal darauf, womit eure Lieblingsautoren arbeiten und ob eure Lieblingsgeschichten in Mystery, Suspense oder Dramatic Irony geschrieben sind.


Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der Cliffhanger als wichtiges Spannungselement





Das Gesetz der Serie Teil 6: Cliffhanger

Ein großartiges Stilmittel, um Spannung zu erzeugen, ist der sog. Cliffhanger.

Der Begriff wurde in amerikanischen Filmen geprägt und meint wortwörtlich, einen Protagonisten, der von einer Klippe hängt und sich nur noch mit letzter Mühe festhalten kann und droht, in der nächsten Sekunde abzustürzen. In dieser (scheinbar) ausweglosen Lage wird der Zuschauer hängen gelassen, denn die Handlung schneidet zu einer anderen Figur über, so dass man zunächst im Unklaren gelassen wird, ob und wie die Hauptfigur diese lebensbedrohliche Lage überlebt.

Der allererste Cliffhanger der Geschichte war aber kein Filmheld, sondern die Romanfigur Henry Knight aus Thomas Hardys „Blaue Augen“: Über weite Teile des Buches lässt Hardy seinen Helden in Lebensgefahr über dem Abgrund schweben und die Leser mit Spannung verfolgen, wie seine Retter auf dem Weg zu ihm sind, ohne zu wissen, ob diese es rechtzeitig schaffen oder nicht.

Diese Art von Cliffhanger wurde wieder und wieder kopiert und funktioniert nicht nur mit Abstürzen über meterhohen Klippen, sondern mit jeder Art von Lebensgefahr: Auf den Protagonisten gerichtete Schusswaffen, sich nahende Züge, abstürzende Flugzeuge, zu entschärfende Bomben, sich herabsenkende Fallbeile … der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie man seinen Protagonisten in eine lebensbedrohliche Lage versetzen kann. Auf dem Höhepunkt einer Szene mitten in der größten Gefahr lässt man den Leser im Unklaren über den Ausgang und widmet sich - oft über mehrere Kapitel - einem anderen Handlungsstrang oder einer anderen Figur. Dies hat den nervenaufreibenden Effekt, dass der Leser vor Spannung auf seiner Sesselkante hibbelt und auch während der neue Handlungsstrang einem eigenen Höhepunkt zustrebt und eventuell auch diese Figur in eine lebensbedrohliche Lage führt, wird der Leser immer im Hinterkopf das Schicksal der Hauptfigur behalten, und ungeduldig darauf warten, dass der Haupthandlungsstrang weiterläuft und man ihn von der Ungewissheit um das Leben des Helden erlöst.

Auf diese Art und Weise kreiert man das, was als Pageturner bezeichnet wird: Eine Handlung, die vor Spannung den Leser in Atem hält.

Cliffhanger am Ende - Spannung garantiert

Cliffhanger können auch am Ende eines Romans oder Films gesetzt werden, um sicherzustellen, dass die Leser/Zuschauer wiederkommen. Dies ist ein häufiges Stilmittel von Serien. Unzählige US-amerikanische Kinoserien (Serials) der 1930er Jahre (z.B. Flash Gordon, Buck Rogers) setzten diese Form plakativer Zuspitzung ein. Diese Filme waren üblicherweise etwa 30 Minuten lang und wurden wöchentlich wechselnd vor dem eigentlichen Hauptfilm gezeigt. Wollte der Zuschauer die Handlung der Serie mitbekommen, musste er jede Woche ins Kino gehen, egal welcher Hauptfilm folgte.

Es gab sogar eine ganze Serie, die nur auf diesem Prinzip basierte: In „The Perils of Pauline“ geriet die Heldin Pauline jedesmal in eine lebensbedrohliche Lage, z.B. lag sie gefesselt auf den Schienen und ein Zug kam. Die Endcredits liefen vor der Auflösung, und man musste nächste Woche wiederkommen, um Pauline gerettet zu sehen.

Pearl White als Pauline in "The Perils of Pauline"



Nicht umsonst nahm der Cliffhanger seinen Anfang bei Thomas Hardy, einem Autor von Fortsetzungsromanen (Serials), die in Magazinen oder Zeitschriften erschienen, vor allem im Bereich der Trivialliteratur wie z.B. bei Charles Dickens, Sir Arthur Conan Doyle und Mark Twain. Die Cliffhanger-Szene am Ende einer Folge garantierte, dass die Leser die Fortsetzung in der nächsten Ausgabe von "Tinsels Magazine" kauften, und übernächsten und über-übernächsten ...

Noch heute ist dies ein beliebter Trick, um Zuschauer und Leser bei der Stange zu halten. 

Aber Vorsicht: Schon so manche Serie wurden abgesetzt, bevor es zur Auflösung des Cliffhangers kam, so dass Fans nie erfahren haben, was aus ihrem Held geworden ist, wie z.B. bei dem Film Charlie staubt Millionen ab (The Italian Job, 1969), weil sein Ende ein „Cliffhanger“ im wörtlichen Sinne ist, eine zunächst geplante Fortsetzung aber nie gedreht wurde.
Oft arbeiten die Autoren mit extremen Überraschungen in der Handlung und mit brenzligen Situationen, in denen das Leben eines oder mehrerer der Hauptcharaktere in Gefahr ist. (So ist es für die Produzenten auch möglich, Darsteller wegen überhöhter Honorarforderungen in der Staffelpause ausscheiden zu lassen.)
Auch moderne Fernsehserien wie „Walking Dead“, „Breaking Bad“ oder „Lost“ arbeiten sehr viel mit Cliffhangern.

Natürlich weiß man, dass die Hauptfigur (höchstwahrscheinlich) überleben wird. Was wäre die Serie ohne ihren Hauptdarsteller? Pauline in The Perils of Pauline wird in jedem Fall überleben, ist doch klar. Die Spannung kann aber auch daraus generiert werden, dass man wissen will, wie sich der Held dieses Mal wieder rettet.

Cliffhanger von Kapitel zu Kapitel und von Szene zu Szene

Es muss aber nicht immer gleich das Leben auf dem Spiel stehen.
Cliffhanger funktionieren nicht nur als ganz großes Spannungselement am Ende eines Romans/ einer Folge, sondern auch am Ende eines Kapitels oder einer Szene. Der Held muss nicht jedes Mal in Lebensgefahr schweben, um einen Cliffhanger-Moment zu erschaffen, es reicht eine Verzögerung, die den Leser im Unklaren lässt. So kann eine Szene oder ein Kapitel mit einer unbeantworteten Frage enden oder mit einer mysteriösen Dialogzeile, die im Raum stehen gelassen wird. Man lässt einfach eine Handlung unbeantwortet, indem man die Reaktion der Hauptfigur dem Leser vorenthält. Wie wird er darauf antworten? Was wird er tun? Die Reaktion darauf kann in der nächsten Zeile/ im nächsten Kapitel erfolgen (sie kann  aber auch ganz weggelassen werden und erst viele Kapitel später dem Leser enthüllt werden, während man sich bis dahin einem anderen Handlungsstrang widmet).


Kapitel 1


(…)Wie betäubt sank er in einen Sessel, wo er für ein paar Augenblicke in völliger Bestürzung verharrte. Nach und nach wurde sein Blick vom blinkenden roten Licht des Faxgeräts angezogen. Wer auch immer dieses Fax geschickt hatte, er war noch in der Leitung … wartete darauf, mit ihm zu sprechen. Lange Zeit starrte Langdon reglos auf das blinkende Licht. Dann, mit zitternden Fingern, nahm er den Hörer ab.


Kapitel 2

„Schenken Sie mir jetzt Ihre Aufmerksamkeit?“, fragte die Stimme des Anrufers.(..)


Eine Szene wird normalerweise anhand der Einheit von Figur, Zeit und Ort definiert. Hier wurde aber innerhalb einer Szene einfach ein Kapitelumbruch gesetzt. Der Leser will unbedingt wissen, wer der Anrufer am anderen Ende der Leitung ist, also liest er weiter.

Billiger Trick?

Kann sein, aber einer der funktioniert. Nicht umsonst fanden Millionen von Lesern, dass sie dieses Buch nicht aus der Hand legen konnten, obwohl sie vielleicht nicht genau sagen konnten warum. (Weil sie keinen Kapitelabschluss fanden, der ihnen Ruhe lies, jedes Kapitel, jede Szene, endet mit einer offen gebliebenen Handlung oder Frage; und sei es nur die Frage: Wer ist hinter der Tür oder Wer ist am Telefon?). Auf diese Weise erschafft man einen Pageturner.

Anstatt mit einer offenen Frage kann ein Kapitel/ eine Szene aber auch einen Cliffhanger schaffen, der mit der Lüftung eines Geheimnisses oder mit der Verkündung einer großen Entscheidung des Protagonisten/ mit einem Schwur oder einer überraschenden Wende der Ereignisse endet. Bei dieser Art des Cliffhangers wird die Spannung dadurch erzeugt, dass der Leser wissen will, wie die Reaktion des Helden auf diese neue Wendung ausfällt.


Kapitel 1
(…) Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Effie Trinket sagt, was sie immer sagt: “Ladies first!“, und geht hinüber zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. Sie greift hinein, taucht ihre Hand tief in die Kugel und zieht einen Zettel heraus. Die Menge hält den Atem an, man könnte eine Stecknadel fallen hören, und ich fühle mich elend und hoffe inbrünstig, dass es nicht mein Name ist, nicht mein Name, nicht mein Name.
Effie Trinket geht zurück zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest mit klarer Stimme den Namen. Es ist nicht mein Name.
Es ist Primose Everdeen.

Kapitel 2

Einmal, als ich reglos in einem Baumversteck darauf wartete, dass das Wild vorbeikam, bin ich eingenickt. Ich fiel drei Meter tief und landete auf dem Rücken. Es war, als hätte der Aufprall das letzte bisschen Luft aus meiner Lunge gepresst, und ich lag dort und kämpfte verzweifelt darum, einzuatmen, auszuatmen, irgendwas zu tun.
Genauso ergeht es mir jetzt. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie man atmet, bin unfähig zu sprechen, vollkommen fassungslos, während der Name in meinem Schädel herumspringt. 


Hier endet Kapitel 1 mit der Verkündung des Namens derjenigen, die an den gefährlichen Hungerspielen teilnehmen muss - und es ist nicht der Name der Hauptfigur, der gezogen wird, sondern der ihrer Schwester. Das kommt einem Todesurteil gleich. Der Leser brennt darauf, zu erfahren, wie die Hauptfigur (emotional) auf diese Verkündung reagiert. Doch die Reaktion wird dem Leser vorenthalten, zunächst einmal mit einem Kapitelumbruch und dann mit einer Mini-Rückblende. Erst dann erleben wir, wie die Hauptfigur sich fühlt. Diese Szene ist deshalb ein Cliffhanger, weil hier zwar nicht die Hauptfigur über dem Abgrund schwebt, aber dafür eine ihr nahestehende Figur und weil es die Hauptfigur zum Handeln zwingt (sie wird sich selbst freiwillig zu der Teilnahme an den Hungerspielen melden, anstelle ihrer Schwester.)

Solche Mini-Clifhanger können, wenn sie geschickt eingesetzt werden, enorme Spannung erzeugen und garantieren den Leser bei der Stange zu halten, während er emotional von einer Szene in die nächste rutscht.

Ein Trick aus der Spannungsliteratur - der funktioniert.

Möglichkeiten für einen Cliffhanger:

Bedrohung/Lebensgefahr
Drohende Katastrophe
Gefährliche Emotionen/ Gefühlsausbruch
Omen/Vorzeichen
Mysteriöse Dialogzeile
Geheimnis enthüllt
Große Entscheidung / Gelübde
Ankündigung eines erschütternden Ereignisses
Wendung/ Überraschung
Offene Frage/ ungelöstes Rätsel

Vielleicht willst Du in einer Deiner nächsten Geschichten einmal etwas davon ausprobieren?