Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Akt mit den drei Akten – Teil II



Bildquelle: gettyimages.com


Wie versprochen sehen wir uns nun die drei Akte einmal genauer an.
Steigt ein in eine Achterbahnfahrt durch drei Akte.

Akt I

Am Anfang der Geschichte wird die Hauptfigur in ihrem normalen Alltag gezeigt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: entweder (a) die Hauptfigur ist mit ihrem Leben und den äußeren Umständen komplett zufrieden und glücklich und es gibt keinen Grund für sie, etwas zu ändern (dennoch gibt es einen „inner need“/ einen Wunsch/ eine geheime Angst oder Sehnsucht, die die Figur in sich trägt).
Oder (b) die Figur lebt in unschönen Umständen und wünscht sich nichts sehnlicher, als aus ihrem unerträglichen Dasein auszubrechen.
Wendepunkt I:
Bringt dann ein Ereignis, das alles bisherige über den Haufen wirft. Nichts ist von nun an mehr wie es war. Dem Protagonisten tut sich eine einmalige Chance auf, sein Leben zu ändern (b) oder eine Katastrophe nimmt ihm alles was er liebt und wofür er steht (a).
Dieses Ereignis sollte als totale Überraschung kommen und zwingt den Hauptcharakter zum Handeln. Er muss eine Entscheidung treffen, die den ganzen weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen wird.
Am emotional stärksten sind solche Ereignisse, die den Charakter zwingen, sich seinem „inner need“ zu stellen: etwas, dem er unter normalen Umständen auf Teufel komm raus ausweichen würde.

Akt II

Die Hauptfigur hat also eine Entscheidung getroffen und macht sich auf den Weg.
Doch der Weg zum Ziel ist mit Hindernissen gepflastert. Die Mitte einer Geschichte beschäftigt sich mit diesen Hindernissen. Wie viele Hindernisse und welcher Art sie sind, hängt von der Geschichte ab. Wichtig ist dabei, dass die Hauptfigur bei all diesen Zwischenstationen etwas lernt und dass die Messlatte zum Erreichen seines Zieles immer höher gelegt wird. Der Charakter sollte eine emotionale Achterbahnfahrt durchlaufen, es kann überraschende Wendungen geben, unerwartete Gegner und Helfer, sowie neu entdeckte Fähigkeiten oder Waffen – aber bei allem darf das Ziel nicht aus den Augen verloren werden und die Handlung muss unweigerlich auf die große Konfrontation zuführen.
Wendepunkt II:
Der zweite Wendepunkt markiert das Ende des 2. Aktes und bringt den Charakter noch einmal aus dem Gleichgewicht – und gibt der Geschichte eine neue (unerwartete) Richtung.
Wendepunkt II passiert an der Stelle an der der Hauptcharakter an seinem tiefsten Punkt angelangt ist. Er ist besiegt oder geschlagen, alles scheint verloren, er ist verzweifelt, sieht keinen Ausweg und das Ziel scheint unerreichbar. Doch dann passiert etwas, dass die Situation komplett verändert. Das Ziel scheint auf einmal doch wieder erreichbar, Hoffnung keimt auf.
(Je tiefer gesunken und je verzweifelter die Lage war, desto emotional stärker wird der folgende Höhepunkt. Von ganz unten nach ganz oben. In hundert Sekunden. Jippieh, Achterbahn!)
Der Wendepunkt II ruft dem Charakter das Erlernte ins Gedächtnis, nun ist es Zeit seine Erfahrungen aus dem 2. Akt (die Fähigkeiten und „Waffen“, die er errungen hat) einzusetzen und sich nun vorbereitet der Gefahr entgegenzustellen.

Akt III
Im dritten Akt kommt es dann endlich zur finalen Konfrontation, die Hauptfigur erreicht ihr Ziel, besiegt alle Feinde oder überwindet ihren inneren Konflikt. Sie geht gestärkt oder zumindest verändert aus der Geschichte heraus, hat also eine innere Wandlung vollzogen, die auch äußerlich gezeigt werden sollte.
Am Schluss werden dann nur noch lose Enden aufgesammelt, Nebenhandlungen abgeschlossen und die Hauptfigur in ihrem neuen, besseren Leben mit ihrem neuen besseren Selbst gezeigt- der Leser sollte die innere Wandlung der Hauptfigur (und evtl. der Nebenfiguren) gezeigt bekommen, den Erfolg über den Sieg gemeinsam mit ihm genießen (und sei es nur für einen kurzen Moment).
Der Mönch kommt verändert aus der Achterbahn. Guckt mal, wie er grinst.
Sein Grinsen soll dein Grinsen werden.



Die ist natürlich noch immer nur eine recht allgemeine Formel, die nicht immer ausschließlich auf alle Geschichten zutreffen kann. Aber sie hilft, sich Gedanken über den Aufbau und die Struktur seiner Geschichte zu machen, bevor man sie schreibt, oder – wenn sie schon geschrieben ist – um sich Gedanken für das Überarbeiten zu machen. Was sollen die einzelnen Bauteile einer Geschichte leisten, ist alles drin und an der richtigen Stelle oder fehlt vielleicht gar etwas?
Und wenn dein Entwurf sehr grob von dieser Struktur abweicht, könnte es Zeit sein für den Scriptdoktor.

Hier geht es weiter mit dem Aufbau von Storys: Save the Cat!

 

Mittwoch, 28. November 2012

Der Akt mit den Drei Akten - Teil I

Eines der ersten Dinge, die man übers Geschichtenerzählen lernt, ist, dass eine Story (egal, ob kurz oder lang, Roman oder Witz) aus drei Teilen besteht.

Anfang
Mittelteil
Schluss

Diese Erkenntnis hatten schon die alten Griechen, lange vor der Weltwirtschaftskrise. So sprach schon Aristoteles in seiner “Poetik” : “Ganz aber ist das, was Anfang, Mitte und Ende hat.”
Ja, ja, der war ein schlauer Fuchs, der Aristoteles.

Mir persönlich bereitet ja immer die Mitte besondere Probleme. Deswegen habe ich mir das Ganze noch einmal genauer angesehen und mich intensiver mit Aufbau und Struktur einer Geschichte beschäftigt. Mit dem, was die einzelnen Akte leisten müssen, wie sie aufgebaut sein sollten, wo die Trennung ist und wie sie ineinander übergehen. Und dabei hat Meiner Einer wieder einmal erstaunliches (und hilfreiches) gelernt.
Bevor wir uns aber nun meinen Erkenntnissen über die Graue-Haare-verursachende-Mitte zuwenden, gibt es jetzt vorher noch einen Crashkurs in Sachen:
Grundlagen zum Aufbau einer Story

Der Grundaufbau in 3 Akten sieht aus wie folgt (es gibt auch 5-Akter, aber die lassen wir für den Moment außen vor):
Jede simple Story folgt diesem Basisaufbau. Zwischen den Akten liegen die Wendepunkte (Plotpoints), von denen es also mindestens zwei große geben muss.

 
Der Anfang
Anfang ist, was selbst notwendigerweise nicht nach etwas anderem ist, nach dem aber ein anderes ist oder entsteht.“ - Aristoteles
Äh, ja.
Der Anfang muss eine Menge leisten. Er führt den Leser in Zeit, Ort und Personen ein, soll Atmosphäre schaffen, Spannung erzeugen und setzt Maßstäbe für Tempo und Stil. Die Hauptfigur wird eingeführt, der Hauptkonflikt genannt und das Ziel des Protagonisten gesetzt. Wendepunkt 1 ist der Auslöser. Hier geschieht etwas, dass die Hauptfigur aus ihrem normalen Alltag heraus reißt und zum Handeln zwingt.
Von da an ist die Welt nicht mehr, wie sie war.


Die Mitte
Mitte ist, was selbst nach einem anderen folgt und nach ihm ein anderes.“ - Aristoteles
Achso.
Die Mitte verbindet Anfang und Ende und treibt die Geschichte voran; der Hauptfigur wird bis zur Erreichung ihres Zieles viele kleine und größere Konflikte und Hindernisse in den Weg gelegt. Auch wenn diese Mini-Konflikte alle gelöst werden, die Hindernisse überwunden, führt die Handlung trotzdem unweigerlich auf den Showdown zu, dem Höhepunkt – der Klimax. Die Spannung kann steigen und sinken während der Mitte, der Protagonist kann immer wieder Ruhephasen erleben und kleinere Triumphe, aber der Gesamtspannungsbogen zum Höhepunkt hin darf nicht abfallen – und tut er auch nicht, denn der Hauptkonflikt ist noch immer nicht gelöst.


Das Ende
Ende aber ist im Gegenteil das, was selbst nach einem anderen ist, und zwar durch Notwendigkeit; nach ihm aber folgt nichts anderes.“ - Aristoteles
Genau.
Das Ende wird von der Klimax, dem Höhepunkt, der Hauptkonfrontation oder auch Showdown bestimmt. Hier kommt alles zu einem Ende, der Hauptkonflikt wird gelöst.
Zum Schluss bleibt nur noch, alle Fäden aufzusammeln und schnell die Geschichte abzuschließen – denn nach dem Höhepunkt fällt die Spannung rasch ab und der Leser verliert schnell das Interesse.




Viele schürzen den Knoten vortrefflich und lösen ihn schlecht wieder auf; man muss jedoch beides {Anfang und Ende} miteinander in Übereinstimmung bringen.” - Aristoteles


So viel zum Groben.
Das war ja nu für die meißten von euch nicht viel Neues. Aber es geht ja noch weiter.
Nächste Woche werden wir dann mal die einzelnen Akte noch genauer unter die Lupe nehmen, schauen uns die beiden großen Wendepunkte an und arbeiten einen detaillierten Plan für eine Plotstruktur aus.
Denn dies ist ja bisher nur das grobe Gerüst.

Zum Abschluss möchte ich mich dann nur noch bei meinem Gastredner Aristrotteles bedanken.





Donnerstag, 15. November 2012

Flashbacks und Flashforwards



 

                                                                                                                                             (Bildquelle: http://imgfave.com/)



Das Ding mit dem Leben ist nun einmal dieses: Alles passiert uns in chronologischer Reihenfolge.
Wäre es nicht interessanter, wenn es das nicht täte?
Manchmal lehnen wir uns zurück und malen uns aus, wie die Zukunft sein wird. Und ein andermal schwelgen wir in Erinnerungen an vergangene Zeiten.
Das Feine ist: du als Autor kannst genau das auch in deiner Geschichte tun.
Einen Sprung in die Zukunft nennt der Herr Autor Flashforward.
Einen Rückblick in die Vergangenheit nennt er Flashback.
Aber nur, wenn diese Sprünge richtige ausgearbeitete Szenen sind, die den Leser alles live miterleben lassen, so als würde es gerade vor ihren Augen geschehen.

Ein Beispiel: „Die Kabine sah der Flugzeugkabine eines gewöhnlichen kommerziellen Passagierflugzeuges verblüffend ähnlich – mit der einzigen Ausnahme, dass es keine Fenster gab, sehr zu Langdons Beunruhigung. Er hatte sein Leben lang unter einer schwach ausgeprägten Klaustrophobie gelitten – die Folge eines Kindheitserlebnisses, das er niemals ganz überwunden hatte.“ – aus Dan Brown „Illuminati“
Dies ist kein Flashback. Denn der Autor zeigt uns dieses Kindheitserlebnis nicht, er erwähnt es nur. Der Autor Dan Brown hätte an dieser Stelle einen Flashback einfügen können, indem er den Leser detailliert und genau an jenem Kindheitserlebnis teilnehmen lässt, und dann zu der Szene in dem Flugzeug zurück schneidet.
Tut er aber nicht.
Warum?
Hätte es nicht eine stärkere Wirkung auf den Leser gehabt? Würde er an dieser Stelle, wenn er die Angst und die Bedrohung in der Kindheit Langdons mitdurchlebt hätte, nicht viel besser nachvollziehen können, wie die Figur Langdon sich jetzt in dieser engen Flugzeugkabine fühlt?
Ja, würde er.
Und damit haben wir schon einen der Hauptfunktionen eines Flashbacks entdeckt: Er deckt Motivationen und Hintergründe auf und bindet damit den Leser emotional stärker an die Figuren.
Aber Dan Brown hat sich an dieser Stelle dagegen entschieden, denn Flashbacks haben auch einen Nachteil: sie unterbrechen den Haupterzählstrang und verlangsamen somit die Vorwärtsbewegung einer Geschichte.
Deswegen will gut überlegt sein, ob man mit dem Flashforward - oder Flashbackwardbutton spielt.

Beispiel 2: „Nicht viele Kinder konnten von sich sagen, dass sie sich an den Tag erinnerten, an dem sie ihren Vater kennengelernt hatten.
Anders Vittoria Vetra.
Sie war acht Jahre alt gewesen und hatte gewohnt, wo sie immer gewohnt hatte: im Orfanotrofio die Siena, einem katholischen Waisenhaus in der Nähe von Florenz, ausgesetzt von Eltern, die sie niemals gekannt hatte. Es hatte geregnet an dem Tag. Die Nonnen hatten sie zweimal zum Abendessen gerufen, doch wie stets hatte sie getan, als höre sie nichts. Sie lag draußen im Hof und starrte die Regentropfen an … spürte, wie sie von ihnen getroffen wurde … versuchte zu raten, wo der nächste treffen würde. Die Nonnen riefen erneut und drohten, dass eine Lungenentzündung einem halsstarrigen Kind wie ihr die Neugier auf die Natur schon austreiben würde. Ich kann nichts hören, hatte Vittoria gedacht. Sie war durchnässt bis auf die Haut, als ein junger Priester kam, um sie zu holen. Sie kannte ihn nicht, er mußte neu sein. […] Der Priester heißt Leonardo und die beiden kommen ins Gespräch. Nach einer Weile fragt er:[…] „Möchtest du, das ich dich adoptiere?“, fragte Leonardo.
„Was bedeutet adoptieren?“
Vater Leonardo erklärte es ihr.
Vittoria drückte sich volle fünf Minuten vor Freude weinend an ihn. „Ja! Oh ja!“
Leonardo sagte ihr, dass er für eine Weile fort sein würde, um in der Schweiz ein neues Heim für sie beide einzurichten, doch er versprach, sie in spätesten sechs Monaten zu holen. Es war die längste Zeit in Vittorias Leben, doch Leonardo hielt Wort. Fünf Tage vor ihrem neunten Geburtstag zog sie nach Genf.“-  aus Dan Brown „Illuminati“
Habt ihr es gemerkt?
Die Szene, wie sie ihren Adoptivvater das erste Mal getroffen hat, ist ausführlich beschrieben, mit fallenden Regentropfen und allem, so als erlebe man sie direkt mit. Inklusive ausgearbeitetem Dialog. (Auch wenn ich ihn nicht in seiner ganzen Länge wiedergegeben habe).
Das ist ein Flashback.

Flashbacks können unterschiedliche Längen haben, von einer einzigen Szene in nur vier oder fünf Zeilen, bis hin zu ganzen Kapiteln.
 Markiert werden sie durch einen Wechsel in der Erzählzeit.
Wer also seine Geschichte im Präsens schreibt, muss in die Vergangenheitsform wechseln, und wer in der Vergangenheitsform schreibt, muss in die Vorvergangenheit (Plusquamperfekt) wechseln. Da sich das Plusquamperfekt über längere Zeilen sehr sperrig liest (all die „hatte gesagt“ und „hätte gemacht gehabt gewollt“ will ja keiner) mogelt sich Herr Autor nach wenigen Sätzen in die einfache Vergangenheitsform zurück und nur zum Ausstieg wieder in das Plusquamperfekt.
Guckt euch das ruhig mal an, wie der Dan Brown das macht. Der Schummler.

So, und was hat er nun davon, dass er uns das Mädchen im Regen und ihre erste Begegnung mit ihrem Adoptivvater zeigt? Hätte er das nicht auch zusammenfassen können, anstatt fünf Seiten dafür zu opfern?
Ja, hätte er.
Aber er hat sich bewusst dafür entschieden, uns - dem Leser - das ausführlich und live zu zeigen.
Denn jetzt ist der Leser mit einem guten Stück Informationen über die Figur der Vittoria ausgestattet und kann sich viel besser in sie hineinversetzen und somit Empathie für sie empfinden. Denn rate mal, was gleich in der Haupthandlung geschehen wird, wen der Leser treffen wird und wem als nächstes etwas ganz übles (oder gar tödliches) geschieht?
Genau.
Dem Leser musste diese Szene gezeigt werden, damit er emotional genug mit der Handlung verstrickt ist, um Anteilnahme an dieser neu eingeführten Figur zu empfinden.

Wenn du Schwierigkeiten hast, dich zu entscheiden, ob ein Flashback überflüssig oder angebracht ist, dann hilft es dir vielleicht, dir deine Geschichte als Film vorzustellen.
Denn da kommt die Technik schließlich ursprünglich auch her.
Im Film wurden Szenen, die in die Erinnerung oder Vergangenheit einer Figur führen früher oft mit einem hellen Aufblitzen eingeleitet (Daher das Wort „Flash“-back). Später bediente man sich anderer visueller Hinweise. (Wechsel zu schwarz-weiß, blurred/ verschwommen, in Sepia-Tönen, mit wackeliger Handkamera gedreht ect.)
Heutzutage verzichtet man häufig auf solche visuellen Zeichen und erwartet, dass der Zuschauer aus dem Zusammenhang versteht, wo die Szene zeitlich einzuordnen ist.
Ja, Deiner Einer hört richtig.
In modernen Filmen werden Szenen häufig ohne einleitende Erklärung oder Überleitung aneinander geschnitten, die zeitlich nicht zusammengehören, und der Zuschauer darf dann raten, wo im Erzählstrang er sich befindet.
Das ist ein beliebtes Mittel zur Spannungserzeugung.
Gerade gesehen: Die Folgen der Zombie-Shocker-Apokalypsen-Serie „Walking Dead“ beginnen oft mit einem Flashback oder einem Flashforward.
Auch „How I met your mother“ springt fröhlich in den Zeiten.
Die Autoren von „How I met your mother“ spielen sogar sehr viel mit ihren „Stop“ und „Forward“ und „Fastbackward“-Buttons.
Genau genommen ist alles in How I met you mother Erzählte ein Flashback, denn die Handlung beginnt jedes Mal damit, dass ein Mann seinen Kindern erzählen will, wie er ihrer Mutter das erste Mal begegnet ist. Sämtliche darauf gezeigte Handlung spielt also in der Vergangenheit, wobei es innerhalb dieses Flashbacks weitere Flashbacks innerhalb von Flashbacks geben kann, sowie Flashforwards mit Blicken in die Zukunft.
Cool?
Ein Allwissender Erzähler kann sowas.

Wenn du das auch können willst, dann leg die Pfoten auf den Button, schneide deine Geschichte in viele kleine Häppchen und frage dich, welche Szenen du in deinem Roman drin haben willst, welche unbedingt ausführlich gezeigt werden müssen, und welche als Nacherzählung kurz zusammengefasst werden können.
Welche gar nicht gezeigt werden brauchen.
Welche man vorverlegen kann und welche mitten in der Action einschieben.
Das nennt man dann „Nicht-Lineares Erzählen“.

Nicht-Lineares Erzählen ist wie das Zusammenstellen eines Mixtapes.
Vorspulen bis zum Lieblingslied.
Auf Seite B wechseln, zu dem anderen Lied, das so schön dazu passt und Erinnerungen an einen heißen Sommer wachruft.
Zurückspulen zum Anfang.

Stories can be perfect, when you know how to play them well.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Hintergrundgeschichten, die dir das Leben schwer machen



So, deine Hauptfigur hat also eine lange und reiche Hintergrundgeschichte, Tragödien und schwere Schicksalsschläge, verlorene Lieben und Leichen im Keller?
Fein.
Und diese Hintergrundgeschichte ist unbedingt wichtig für das Verständnis deiner Geschichte, außerdem hast du als Autor auch noch die Aufgabe, dem Leser das besondere Setting, die Völker und Kreaturen, Gesellschaftsschichten und Aufbau deiner Welt zu beschreiben, denn du schreibst SF/ Fantasy?
Achtung, hier lauern Gefahren.
Gefahren eines Infodumps.

Was ist ein Infodump, wie kann ich ihn erkennen und wie wieder auflösen?

Infodump bedeutet, dass der Leser mit zu viel Hintergrundinformationen überschüttet wird. Die meißten (modernen) Geschichten werden aus der Perspektive eines personalen Erzählers oder eines Ich-Erzählers geschrieben, d.h. der Leser befindet sich dicht an der Hauptfigur und kann ihre Gedanken und Gefühle nah miterleben.
Wenn nun aber aus der Sicht der Hauptfigur herausgesprungen wird und der Erzähler sich einmischt, um dem Leser etwas zu erklären oder mitzugeben, dann handelt es sich häufig um einen Infodump, vor allem, wenn die Erklärungen länger als drei Zeilen in Anspruch nehmen.
Was tun?

Man nehme einen Textmarker und gehe sein Manuskript nach solchen Stellen durch. Streiche jede Stelle an, an der der Erzähler sich einmischt oder an der die Figur in einem Flashback etwas über sich selbst erzählt. Überlege, wie du die Information, die in diesen Abschnitten gegeben wurde, anders transportieren kannst.
Wenn man sehr viele solcher Stellen in seinem Text findet, und ganz viel markiert hat, dann kann es sein, dass man die falsche Erzählperspektive gewählt hat oder die falsche Figur als Hauptperson. Ehrlich. Überlege genau, wer es ist, der deine Geschichte dem Leser am besten erzählen könnte. Das muß nicht immer der Held der Geschichte sein.

Wenn man aber die richtige Perspektive und den richtigen Perspektivträger für seine Geschichte gewählt hat, dann muß man sich dran machen und diese Blöcke an reiner Hintergrundinformation auflösen, indem man sich überlegt, ob diese Informationen wirklich wichtig sind, für das Verständnis und das Vorantreiben der Geschichte.
Infos verlangsamen den Erzählfluss.
Indodumps sind wie Hubbel auf einer Schnellstrasse, wie diese ärgerlichen Beulen zur Verkehrsberuhigung in einer Seitenstraße, durch die man doch mal eben schnell durchhuschen wollte.
Stelle dich dem Hubbel in dem du analysierst: Welche Frage sollte mit diesem Infodump beantwortet werden? Ist sie wirklich wichtig? Habe ich diese Frage vielleicht schon einmal an anderer Stelle beantwortet?
Und vor allem: Ist es nicht besser, den Leser über diese Sache im Dunkeln zu lassen?
Denn bedenke: Spannung kommt auf, weil der Leser unbeantwortete Fragen hat.

Viele Anfänger - Autoren (vor allem von Fantasy und SF, aber auch andere Genres sind davor nicht sicher) begehen den Fehler ihre Geschichte mit einer reinen Exposition zu beginnen und das ist NIE gut. Werfe dem Leser kleine Häppchen hin, mache Andeutungen. Aber erkläre nicht.
Show, don`t tell.

Wenn deine Welt fortgeschrittene Technik, andere physikalische Gesetze oder Magie enthält, dann erkläre uns nicht, wie sie funktioniert, zeige es uns.
Das gleiche gilt für die seelischen Narben und bereits erlebten Abenteuer deines Helden. Vermeide Flashbacks und absätzelanges Sinnieren über die Vergangenheit. Ein einziger Satz, oder eine Geste reicht oft. Indiana Jones bekommt in der ersten Szene bei der ersten Begegnung mit der weiblichen Nebenfigur von ihr eine Ohrfeige. Das reicht, um dem Leser alles zu sagen. Die beiden kennen sich. Sie ist eine Frau. Sie ohrfeigt ihn. Sie hatten was miteinander.
Weitere Erklärungen unnötig.
Indis lässiges Lächeln als Antwort ist uns ebenfalls Charakterisierung genug.

Und wenn du alle überflüssigen Informationen rausgestrichen hast, und nur noch das drin ist, was für die Story wirklich wichtig ist, dann bleibt dir noch eines: Gebe es einem Testleser und frage, ob er die Geschichte versteht.
Ob alle wichtigen Informationen drin sind und an der richtigen Stelle kommen.
Beim Kürzen kommt der Herr Autor dann immer wieder unweigerlich auf die Frage: “Was will Meiner Einer eigentlich erzählen?“
Was ist der Kern meiner Geschichte?

Und wenn du dich wirklich, wirklich nicht von den Heldentaten in der Vergangenheit deines Charakters lösen kannst, weil die so cool und aufregend und spannend sind, das sie unbedingt gezeigt werden müssen, dann hast du dort vielleicht die wahre Geschichte.
Die Hintergrundgeschichte, die deinem Charakter und dir das Leben schwer macht, und deinen Anfang unnötig aufbläst, und dich zu einer Exposition zwingt, wo du doch den Leser in die Handlung hineinziehen solltest, kann der Grund sein, weswegen du überhaupt zum Stift greifst.
Dein wahres Herzblut.
Wenn das so ist, beginne neu: Beginne die Geschichte diesesmal früher und höre früher auf. 

Mache die Vergangenheit deines Charakters nicht zu einem Prequel.
Mache sie zu deiner Geschichte. 

(Aber bitte verschone mich in der Version ebenfalls mit der Vorgeschichte des Lebens der Schwiegermutter, den Liebesverwirrungen der ersten Thronfolger des Königreiches von Kazoo, der Geschichte der Magie und ihrer Entstehung, sowie den langen Kindheitserinnerungen des Helden in der Pfalz.)

Und was ein Flashback ist, wie man ihn nutzt und wo man ihn lieber meidet, darüber macht sich Meiner Einer dann Gedanken beim nächsten Mal.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Schuster, bleib bei deinen Leisten nicht

Schreib über das, was du kennst“, hat Meiner Einer nun schon in vielen Schreibratgebern gelesen.
Und sich darüber gewundert.
Zunächst einmal erscheint das wie ein guter Tipp. Denn nur über das, was ich wirklich kenne und erlebt habe, die Orte, an denen ich gewesen bin, die Personen, die ich kennengelernt habe und die Tragödien, die ich durchlebt habe, kann ich aufrichtig, detailliert und emotional schreiben.
Autor wird hier also aufgefordert, über sich selbst, seine eigenen Erlebnisse, Gedanken und Umgebung zu schreiben und dabei sich selbst zu erforschen und seine Beobachtungsgabe zu schulen (Innen wie Außen, sagt mein Freund Buddah.)

Nun fragt sich Meiner Einer aber, was es denn ist, das er kennt.
Möhrchen kenne ich, die kann ich gut beschreiben, die sind lecker, meinen gemütlichen Kaninchenbau mit der Bibliothek und Weiber.
Außerdem kenne ich mich in der Fellpflege aus, da könnte ich einige Tipps geben.
Wie wäre es also mit einem Ratgeber für Pelzträger: „Fussel, Plüsch & Filzknoten - 1000 Tipps für mehr Flauschigkeit„ ?
Zugegeben, das hat Potential. Ich seh` schon den Megaseller vor mir, das Buch wird alle Rekorde auf dem Sachbuchmarkt brechen. Aber sowas von.
Ich werde reich werden, und das nur, weil ich mich auf das besonnen habe, was ich kann und womit ich mich auskenne.
Danke also, an diesen unbekannten Ratgeber-Verfasser.

Aber was ist, wenn ich kein Sachbuchautor werden will?
Wenn ich (trotz der Millionen, die da winken) keine Lust habe, ein Pelzbuch zu schreiben?
Wenn ich doch eigentlich lieber einen Agenten-Spionage-Action-Thriller mit Zombie-Grusel-Schocker-Elementen verfassen will, der die Weiber zum Kreischen bringt?
Leider sind das aber alles Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Meine Bewerbung für das Ausbildungstraining beim CIA wurde abgelehnt und in meinem Freundeskreis ist nicht ein einziger Zombie, keiner einer nicht.
Heißt das dann, ich darf meinen Roman nicht schreiben, weil ich all das nicht persönlich kenne?
Pah!
Ich habe genug Action-Agenten-Spionage-Thriller geguckt, um mir was zusammenzureimen, und obendrauf werde ich jetzt noch ein paar mehr lesen und mir Notizen machen und Details klauen. So!
Außerdem lade ich demnächst mal einen Zombie auf ein Bierchen ein, und befrag` ihn so zu seinen Befindlichkeiten, was er heute gegessen hat und wie sein Leben als Zombie ganz allgemein so ist.
Mit anderen Worten: Das, was ich nicht kenne, lerne ich kennen.
(Manche Leute nennen das auch „Recherche“.)

Und jetzt kommt`s: Während ich mich also in die Materie, über die ich schreiben will, einarbeite und an meiner Romanhandlung meines Demnächst- Bestsellers puzzele, lasse ich hier und da etwas aus meinem eigenen Leben einfließen. Eine Begegnung, eine Person, ein Ereignis.
Ich mache meinen Protagonisten zum Pelzhändler.
Ich lasse ihn in vielen Szenen sich der Fellpflege widmen und streue auch gleich ein paar Tips für den geneigten Leser ein. (Schwefel und Talkum im Sandbad läßt Chinchillafell schön glänzen.)
Der Antagonist knabbert Möhrchen und eine Liebesgeschichte kommt auch dazu, denn schließlich kenne ich mich ja aus mit den Weibern.
Mit anderen Worten: Das Genie, das ich bin, schreibt über das, was er kennt (über sich) und über das, was er schreiben möchte. Er recherchiert, wo er Wissenslücken hat und füllt den Rest mit Phantasie.
Jawohl.
Phantasie hat der Herr Autor nämlich auch.
Und bei meiner Sauftour mit dem Zombie ist der Herr Autor nebenbei an ganz viele interessante neue Orte gekommen und hat Dinge gesehen und erlebt, die seine Phantasie beflügelt haben. Aber sowas von.

Daher sage ich euch:
Schreibt ruhig über das, was ihr kennt, aber bitte lernt auch was Neues kennen. Kommt mal raus aus eurem Kaninchenbau und stürzt euch ins Abenteuer.
Schlagt eine Wunde und empfangt eine.

Denn: „Man muß verwundet und verstört sein, damit einem die wirklich guten, röntgenstrahlengleich durchdringenden Worte einfallen.
Aldous Huxley – Schöne neue Welt

In diesem Sinne eine schöne neue Woche wünscht euch der Sedamens.