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Donnerstag, 3. März 2016

Discoverability und Branding von Serien

Das Gesetz der Serie Teil 5


(Discoverability meint, die Auffindbarkeit von Büchern unter all den tausenden anderen Büchern und Branding ist ein Begriff aus dem Marketing und meint den Wiedererkennungswert von Marken.)

Kennst du das? 
Du kommst nach Hause mit einem frisch gekauften neuen Buch und machst es dir gemütlich - nur um nach ein paar Seiten festzustellen, dass es sich um Teil 5 einer Serie handelt! Aber nirgendwo auf dem Umschlag wurde darauf hingewiesen.
Oder du gehst in einen Buchladen, um dich inspirieren zu lassen, und stehst vor einem Stapel zusammengehöriger Bücher einer Reihe, wie z.B. „Game of Thrones“. Du hast Lust in die Serie einzusteigen– aber was davon ist Band 1? „Die Herren von Winterfell“ oder „Das Erbe von Winterfell“ oder gar „Sturm der Schwerter“? Der Umschlag hilft nicht weiter. Deiner Einer könnte die Buchhändlerin fragen, aber die ist an der Kasse beschäftigt und sieht nicht so aus, als ob sie bald Zeit für dich hätte. Deine Mittagspause ist bald um, und du willst nicht mit einem falschen Buch zum Feierabend dasitzen – deswegen gehst du auf Nummer sicher, und kaufst lieber einen Einzelband von einem anderen Autor...

Serien sind häufig nicht als solche gekennzeichnet, es gibt keine Information zu Vorgänger– oder Nachfolgetiteln auf dem Umschlag (und manchmal noch nicht einmal im Buch selbst) und Verlage sind häufig schlecht darin, Serien als solche zu vermarkten.

Das mag viele Gründe haben:Vielleicht ist das Buch als Einzelband gestartet und erst als es sehr erfolgreich war, wurde beschlossen, eine Serie daraus zu machen. Doch zu dem Zeitpunkt ist der erste Band ja bereits draußen und enthält daher keine Hinweise auf einen Serienbeginn oder Nachfolger. Oder die Serie wurde zuvor bei einem anderen Verlag herausgegeben, so dass die Bücher in unterschiedlichem Designs erscheinen.
Was auch immer die Gründe sind, für den Leser ist es oft schwer, die Bände einer Serie korrekt zuzuordnen. So sehr, dass Fans langjähriger Serien ihre eigenen Wikipedias und Serienwebseiten erstellen, um Neueinsteigern zu helfen, das richtige Buch zu finden. Dabei wäre dies die Aufgabe des Verlages. Das ganze Problem reicht so weit, das der Thrillerautor J.A. Konrath einen Trend auf Amazon in den USA beobachtet hat: Dort werden „Reading Order“- Bibliographien als kurze Ebooks herausgegeben, die nichts weiter tun, als die Werke eines Autors in der richtigen Reihenfolge aufzulisten. Und Käufer zahlen sogar Geld dafür!

Der Leser sollte dafür aber nicht zahlen müssen, diese Informationen müssen dem Leser und den Buchhändlern kostenlos und einfach erreichbar zur Verfügung stehen. Dies ist Aufgabe des Verlags und des Autors. Ein Versäumnis schadet nur Verkäufen.

Was kann man tun, um die Sichtbarkeit und den Wiedererkennungswert seiner Serie zu erhöhen?

Umschlag, Cover und/ oder Klappentext sollte deutlich machen, dass es sich um einen Band einer Trilogie/Reihe/Mehrteiler handelt.

Dies kann ein direktes Statement im Klappentext sein:(„Dies ist der Auftakt der siebenteiligen Reihe um die Abenteuer des mutigen Kaninchens…“), oder ein deskriptiver Untertitel („Kaninchenmörder – Band 1 der Fusselgesicht-Trilogie“) oder ein Aufdruck mit Nummer am Buchrücken (Band 1).
Bei den Harry Potter Bänden löst der Verlag Carlsen das Problem ganz geschickt im Klappentext: „Das vierte Schuljahr in Hogwarts beginnt für Harry …“ Allerdings kommen diese Hinweise auf das Schuljahr erst ab „Harry Potter und der Feuerkelch“ – also ab Band 4.
Hände hoch, wer von euch kann alle Harry Potter Bände hintereinander aufzählen?
Ohne Mogeln!
Carlsen (und der englische Verlag Bloomsbury) drucken aber zusätzlich im Innenteil auf der ersten Seite alle bereits erschienenen Titel in der Reihenfolge, und in späteren Auflagen dann auch alle Titel der Reihe. Das ist sehr wichtig und hilfreich für  Leser und für Buchhändler.

Was Du als Autor auch tun solltest, ist immer über das Werk als Serie sprechen (egal ob online oder mündlich) und  den Titel stets nur mit dem Zusatz Trilogie/Serie/Mehrteiler nennen: „Die Kaninchenmörder-Trilogie.“

Auch die Produktbeschreibungen in sämtlichen Shops sollten den Seriencharakter betonen und auf die Folgebände verweisen. Amazon betitelt Harry Potter erst ab dem „Feuerkelch“ als Harry Potter, Band 4: Harry Potter und der Feuerkelch“, vorher heißt es nur „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ – ohne Reihennummer. 
Dies ist nicht Schuld von Amazon: Der Verlag übermittelt die Produktbeschreibung und die Metadaten an die Distributoren und diese geben sie weiter an die Online-Shops und Buchhändler. Fehlt etwas oder ist unvollständig, so liegt das an ungenauen Daten des Verlages. Sprecht mit eurem Lektor oder Ansprechpartner im Verlag, wenn diese Informationen über euer Buch ungenau sind oder besser aufbereitet werden könnten. Als Selfpublisher müsst ihr euch natürlich selber darum kümmern und habt selber Zugriff auf die Metadaten, die an die Shops vermittelt werden. 

Als Serienautor sollte Deiner Einer unbedingt eine eigene Webseite haben (als Autor von Einzeltiteln ist dies ebenfalls zu empfehlen. Solange man nur ein bis zwei Bücher draußen hat, kann man aber noch darauf verzichten.) Auf der Homepage des Autors sollten alle Titel der Serie und die richtige Reihenfolge übersichtlich aufgeführt sein. Dies erfordert vom Käufer zwar einen extra Schritt, aber besser, die Leser erhalten direkt über eure Webseite die Informationen, nach denen sie suchen, als über eine fremde Fanpage. Macht es euren Lesern so einfach wie möglich, euch und eure Titel zu finden. Bei über Jahren laufenden, langfristigen Serien könnte man, wie J.A. Konrathvorschlägt, auf seiner Homepage eine PDF-Liste mit Titeln und der dazugehörigen ISBN zum Herunterladen und Ausdrucken für die Leser zur Verfügung zu stellen. Damit kann der Leser in die Läden gehen und gezielt ein Buch beim Händler bestellen.

Cover und Titelgestaltung einer Serie sollten zueinander passen. Denkt zum Beispiel an die „Scheibenwelt“-Romane von Terry Pratchett: Die Cover sind alle vom Illustrator Josh Kirby gestaltet und auf einen Blick unverwechselbar der Scheibenwelt zuzuordnen. Einen Scheibenweltroman erkennt man sofort wieder. Schöne, zusammengehörige Cover können aber nicht nur den Wiedererkennungswert bei den Lesern erhöhen, sondern sogar zum Sammeln anregen:
Ein schönes Beispiel dafür sind aktuell die Bücher der „Everflame-Trilogie“ von Josephine Angelini: Die Cover von „Feuerprobe“ und „Tränenpfad“ ergeben nebeneinander gelegt ein fortlaufendes Bild.
Band 3 wird dies fortsetzen.

Zusammengehörige Cover der "Everflame"-Reihe

Dies hatte der deutsche Verlag zunächst vermasselt, indem er der Übersetzung ein neues Cover gab. Als dann Band 2 erschien, ruderte er zurück und druckte das Original-Cover mit deutschem Zusatztitel. Bei den Fans gab es heftige Reaktionen, denn viele wollten die Reihe zueinander passend kaufen und überschütteten den Verlag mit Anfragen nach Schutzumschlägen mit dem alten Cover. Da kann man mal sehen, wie wichtig Lesern Buchcover sind.
Zusammengehörige Buchrücken beim "Lustigen Taschenbuch"
Kennt ihr noch die Lustigen Taschenbücher? Dort sind die Buchrücken bedruckt, so dass diese aneinander gelegt ein Bild im Buchregal ergeben. Dies erhöht natürlich den Sammlerwert und eine komplette Sammlung kann auf Ebay hohe Preise erzielen. Klappt nicht nur bei Mickey Mäusen, Meiner Einer hat diese Buchreihe von Klett Cotta im Schrank stehen:

Ich erinnere mich, dass ich nur 2 von den Büchern haben wollte, aber die anderen 3 dazu gekauft habe, damit es im Regal besser aussieht (Ich glaube, ich habe eines der Bücher nie gelesen, ähem.)

Aber auch die Buchtitel können den Seriencharakter betonen, indem sie sich ähneln, wie bei der „Tintenherz/ Tintenblut/ Tintentod“-Trilogie oder bei der Krimireihe von Donna Leon: „Venezianische Scharade/Endstation Venedig/ Venezianisches Finale“. In späteren Bänden wird dieses Muster durchbrochen, aber bis dahin hatte die Serie schon genug Bekanntheitsgrad. Der Verlag Diogenes macht übrigens alles richtig: Jeder Band hat einen Untertitel à la: Kommisssar Brunettis fünfundzwanzigster Fall. (Was, bei 25 sind die schon?!)

Im Titel und dem Coverbild bei Donna Leon wird jedesmal das Setting „Venedig“ betont, denn das ist es, dass diese Serie zu etwas besonderem macht und das die Leser an den Büchern lieben.
Außer mit einem Reihentitel kann man daher eine Serie mit einem Schlagwort oder Serien-„Blurb“ versehen, der dem neuen Leser kurz und knackig schildert, was ihm geboten wird:
Eine Detektivserie voller atemberaubender Spannung und knisternder Erotik.“
Oder
„Eine Welt voller Abenteuer und Magie – und nur einer der jungen Zauberer kann die Prüfungen überstehen.“
Oder
„Die neue Serie des Bestsellerautors der Kaninchenmörder-Trilogie verknüpft geschickt politische Intrigen mit einer herzerwärmenden Familiensaga rund um einen sich kilometerweit unter London erstreckenden Kaninchenbau. Unwiderstehlich.“
Jetzt muss man nur noch sicherstellen, dass das Buch auch einhält, was es verspricht.  Und alle folgenden Bände ebenso ;)

Man kann sogar ein eigenes Logo für seine Serie entwerfen. Das ist sinnvoll, wenn der Autor mehrere Serien im gleichen Genre verfasst, z.B. drei verschiedene Detektivserien. Dann könnte durch ein Konterfei des Ermittlers oder durch das Logo seiner Geheimorganisation o.ä. die Zugehörigkeit zur Reihe gekennzeichnet werden
Wer weiß nicht wofür das hier steht:


Oder das hier?
oder
oder
?

Das letzte kennt Deiner Einer nicht?
Das NR steht für Nora Roberts. Nora Roberts Romane wurden so oft wiederaufgelegt, dass Leser sich beschwerten, dass sie die alten nicht von den neuen Titeln unterscheiden konnten, weswegen der Verlag ein eigenes Logo ( ein NR in einem Kreis) für die Autorin erstellte, dass auf all ihren neuen Titeln neben ihrem Namen erscheint. Nicht schlecht, oder?

Stell dir vor, Deiner Einer wird eines Tages mit seinen Büchern so berühmt, dass er ein eigenes Logo bekommt…. Als Selfpublisher kann man das natürlich auch für sich selbst machen: Warum nicht ein Logo für sich selbst oder seine Hauptcharaktere entwerfen und all seine Bücher damit markieren, um eine treue Leserschaft an sich zu binden?

Alles, was deinen Lesern hilft, die Bücher in deiner Serie wiederzuerkennen, fördert auch den Bekanntheitsgrad und etabliert dich und/oder deine Serie als eine Marke.

Montag, 7. Dezember 2015

Wie entwickle ich einen Seriencharakter?



Das Gesetz der Serie: Teil 4

Serien basieren häufig auf einer wiederkehrenden Hauptfigur, einer Einzelperson, um die sich alles dreht (und nach der die Serie häufig benannt ist). Manchmal bestehen die Serien- Hauptfiguren auch aus einem zusammengehörigen Paar oder einem Team. Damit es nicht langweilig wird, muss eine Serie sich weiterentwickeln, aber es kann schwierig werden, eine wiederkehrende Figur in einer Serie frisch zu erhalten. In Wahrheit lieben die Leser nämlich die Hauptfigur, und kommen nur wegen ihr zum nächsten und übernächsten Band zurück, und sie wollen gar nicht, dass die Figur sich allzu sehr verändert, sie erwarten, dass sie dieselbe Person im nächsten Band wiedertreffen, die sie kennen und lieben gelernt haben. Zu große Entwicklungen werden einem übelgenommen. Andererseits wird es langweilig, wenn die Figur sich nicht weiterentwickelt. Es wäre auch unlogisch, wenn die Figur aus dem zuvor Erlebten keine Änderungen mitnimmt, keine Lehren zieht, oder sich nicht zurückerinnert. Die Ereignisse der vorangegangenen Bände werden zu der Hintergrundgeschichte des Charakters und müssen diesen beeinflussen.

Wie entwickle ich also einen Seriencharakter?

Zunächst einmal genauso wie jeden anderen Romancharakter auch: du brauchst eine Figur mit einem Ziel. Drehbuchautoren sprechen auch von einem want und need des Hauptcharakters. In einer Detektivgeschichte mag das Ziel (want) der Hauptfigur sein, den Mörder zu entlarven, aber sein innerer Antrieb (need) dafür ist sein Wunsch nach Gerechtigkeit.
Zusätzlich braucht ein Seriencharakter noch ein paar mehr Überlegungen. Schließlich soll er der Held über eine ganze Reihe von Bänden werden und wird den Leser über einen langen Zeitraum und durch viele Abenteuer begleiten. In der Figur müssen multiple Konflikte als Möglichkeiten eingebaut sein, so dass die Figur im Laufe des Serienspannungsbogens wachsen kann. Der Schlüssel dazu ist ein zusätzliches Charakterziel, dass nicht einfach zu erreichen ist. (Auch Batman wünscht sich Gerechtigkeit für Gotham City, aber die Korruption, die bis in die höchsten Kreise hineingeht, macht es ihm unmöglich, dieses Ziel durch Ergreifen eines einzelnen Schurken zu erreichen.) Es gibt also häufig ein einfaches Ziel in jedem Band (den Mörder dieser Episode finden), sowie ein langanhaltendes, Serien-überspannendes Ziel der Hauptfigur.
Natürlich gibt es Serienhelden, die nie eine Wandlung durchmachen, wie z.B. James Bond. Dies ist der „statische“ Actionheld, der aus jedem Fall als Sieger hervorgeht und sich nie etwas zu Schulden kommen lässt oder an seinen Entscheidungen verzweifelt. Erst die neueren Verfilmungen haben Bond Wachstum und eine Wandlung zugestanden.
Auch andere Serienhelden, wie z.B. Hercule Poirot oder Miss Marple, sind Vertreter der „statischen“ Helden. Doch diese Art der Serienhelden sind nicht mehr zeitgemäß, moderne Leser/Zuschauer wünschen sich einen Helden, der an seinen Taten wachsen (oder verzweifeln) muss.
In Detektivserien wie CSI durchlaufen die Helden ihre Wandlung oft in Nebenplots: Sie meistern jeden Fall souverän, aber in ihrem Privatleben geht es drunter und drüber, oder sie werden suspendiert oder bekommen die lang ersehnte Beförderung nicht und müssen sich mit einem neuen Kollegen herumschlagen … Viele Krimiautoren setzen auf das Privatleben ihrer Figuren, das eine detaillierte Ausarbeitung erhält, um den Leser an ihre Serie zu binden, wie z.B. das des Kommissars Brunetti aus Donna Leons „Venedig“-Serie, in der Scheidungen, Töchter und italienisches Essen eine große Rolle spielen. Dieser „Seifenopern“-Charakter vieler Figuren ist es, der die Leser immer neue Fälle des kauzigen Kommissars lesen lässt, denn sie wollen nicht nur wissen, wie Brunetti den nächsten Fall löst, sondern auch, wie es in seinem Privatleben weitergeht – und was es leckeres zu Essen gibt.

Kenne das Ziel und das „Need“ deiner Serien-Hauptfigur. So wie jede Hauptfigur braucht auch eine Serien-Hauptfigur ein Ziel pro Roman.
Es lohnt sich, schon früh über den Serienspannungsbogen und die Wandlung, die die Hauptfigur am Ende des Serie und eines jeden Bandes durchmachen soll (oder auch nicht) nachzudenken. Serien leben von dem unterschwelligen Gefühl eines übergeordneten Zwecks und einer Richtung, die die Handlung (und die Hauptfigur) anstrebt.
In einer Detektivgeschichte z.B. weiß man, dass das Ziel der Hauptfigur normalerweise die Aufklärung eines Verbrechens ist. Im Krimi-Genre (und teilweise im Thriller) wird die Hauptfigur zu einem großen Teil durch ihren Beruf oder ihre Ehre angetrieben. Aber häufig braucht es einen zusätzlichen Anreiz, wie eine persönliche Rache, eine Dame in Not, Geldsorgen oder winkende Beförderungen, um die Hauptfigur glaubhaft bei der Stange zu halten, wenn die Schwierigkeiten sich auftürmen.

Zusätzliche Motivation einer Serien-Hauptfigur kann entspringen aus:
-          Zeitdruck: Tickende Bomben, entführte Opfer oder Wettrennen können die Hauptfigur unter Druck setzen und zwingen, am Ball zu bleiben. Alles, was ein Zeitlimit implementiert, ist gut, um Spannung aufzubauen
-          Hintergrundgeschichten: Motivation kann aus dem persönlichen Hintergrund der Hauptfigur entspringen, dem oft ein Trauma oder eine Verletzung zugrunde liegt.
-          Druck aus dem Umfeld: Das soziale Umfeld der Hauptfigur, wie Freunde, Familie, Kollegen und Liebhaber können zusätzliche Probleme und Motivation schaffen. Damit man auch in späteren Bänden noch aus dem Vollen schöpfen kann, sollte von Anfang an ein reichliches soziales Umfeld entworfen werden. 

Der Hauptfigur ein persönliches Problem zu geben, ein Ziel, das er neben dem Hauptkonflikt verfolgt, kann ihn für den Leser sympathisch und dreidimensional erscheinen lassen. Aber das besondere Ziel oder Dilemma des Protagonisten muss sorgfältig ausgewählt werden, denn jeder Konflikt, der im ersten Roman eingeführt wurde, muss in den folgenden Bänden weitergeführt werden. Daher sollte das persönliche Ziel zum Thema der Serie passen, eigentlich bestimmt es sogar den Ton und die Atmosphäre. So kann der Wunsch nach Rache der ganzen Serie einen düsteren Ton verleihen, während die Suche nach der wahren Liebe eher zu einer hoffnungsvolleren Atmosphäre passt. Auch wenn die Leser das Thema nicht genau benennen können: Mit dem ersten Band wird eine Frage gestellt, die erst im letzten Band beantwortet werden wird. Wird er seine wahre Liebe finden oder nicht? Wird er Rache üben und Gerechtigkeit erfahren? Diese Frage ist es, neben der tollen Handlung der einzelnen Bände und der sympathischen Hauptfigur, die die Leser zurückkommen lässt. Sie können nicht aufhören zu lesen, bis diese Frage nicht beantwortet wurde — und das Schicksal der Hauptfigur besiegelt.
Ein neues, temporales Problem in jedem Band, wie z.B. eine bevorstehende Scheidung, kann dem Charakter Tiefe verleihen, aber nach dem dritten Buch könnte es ausgelutscht wirken und den Leser langweilen, wenn der Konflikt nicht integraler Bestandteil der Handlung ist und sich ganz natürlich aus der Persönlichkeit des Charakters ergibt (z.B.: die Scheidung droht, weil der Held Alkoholiker ist. Er muss seine Alkoholsucht überwinden, um seine Ehe zu retten.) Ein Serienheld braucht also eine Ehepartnerin, Alkoholprobleme, einen rostigen Impala, eine Kriegsverletzung, Narben aus den Ereignissen des letzten Bandes, ein Haus mit Geheimkeller, einen Bruder bei den Freimaurern, ein Faible fürs Stricken und einen Hund.
Oder?
Zu viele Macken und Charakter-Ticks und der Held wirkt unnatürlich und überladen — zu wenige und er kann die Handlung nicht über mehrere Bände hinweg tragen. Eine geliebte Rostlaube könnte von einem Running Gag zum Hauptgegenstand eines Falls werden, der Hund zu einem Partner und die Kriegsverletzung zu einem Problem. Doch aufgepasst: Einmal eingeführt müssen die Macken und Charaktereigenschaften weitergeführt werden und allzu heftige Probleme wie Alkoholsucht können nicht einfach so verschwinden, nur weil der Autor mit einem Mal keine Lust mehr darauf hat. Ist der Held Alkoholiker, so muss er es bleiben, und trotz Reha sein Leben lang damit kämpfen, auch wenn die Serie lieber einen geläuterten Helden bräuchte.
Das Gleiche gilt für Nebenfiguren: Man kann sie nicht einfach verschwinden lassen, nur weil es einem besser in den Kram passt, wie die Ehefrau und den Bruder bei den Freimaurern. Man ist als Autor festgenagelt auf die Elemente, die man bereits eingeführt hat.
Aber: Wohlausgewählt bieten all diese Hintergrunddetails Stoff für viele, viele Geschichten. Als Serienautor hat man die Gelegenheit, die Hintergrundgeschichten und Nebenfiguren auszuführen, man kann ganze Abenteuer um Details um das Leben der Figur ranken lassen, wie z.B. seinem Haus mit Geheimkeller und wer diesen erbaut hat. Die Phantasie eines Serienautors trägt ihn dorthin, wo Autoren von Einzelromanen vielleicht Andeutungen gemacht haben, aber nie den Platz hatten, zu Ende zu erzählen. Beim Entwickeln und einführen von Nebencharakteren sollte schon einmal bedacht werden, auf welche Art und Weise diese Nebenfigur in zukünftigen Bänden eine Rolle spielen können.  Leser lieben Geheimnisse rund um Figuren und erst recht rund um die Hauptfigur. Eine Serie eignet sich wunderbar dafür, den Leser neugierig auf die Hintergrundgeschichte der Hauptfigur werden zu lassen und erst nach und nach Einzelheiten ans Licht kommen zu lassen. Ehemalige Arbeitgeber, Ex-Geliebte, Schulden, Feinde: Plötzlich auftauchende Figuren aus der Vergangenheit können für Überraschungen sorgen!

Spannung ist in jedem Genre wichtig, nicht nur im Krimi-und Thriller. Sogar im Liebesroman fiebert der Leser mit bei der Frage „Kriege sie sich oder kriegen sie sich nicht?“. Die Hauptfigur sollte vor große Schwierigkeiten bei der Verfolgung ihres Zieles gestellt werden, denn je mehr die Hauptfigur herausgefordert wird, desto mehr fiebern wir ihr beim Erreichen ihres Zieles mit. Herausforderungen lassen die Handlung steigen und fallen, z.B. wenn die Liebenden durch Umstände räumlich voneinander getrennt werden, lesen wir fieberhaft weiter, weil wir wissen wollen, wie die Liebenden diese Schwierigkeit überwinden und ob sie wieder zueinander finden. Schwierige Herausforderungen zeigen, aus welchem Holz die Hauptfigur geschnitzt ist. Wie sie unter Druck reagiert, zeigt ihr wahres Gesicht und gibt ihr Gelegenheit, als Held zu agieren. Die zentrale Serien-Idee sollte daher zu deiner Hauptfigur passen und ihr multiple Möglichkeiten bieten, sich zu beweisen.

Auch der Antagonist sollte der Hauptfigur gewachsen sein. Ob jeder Band der Serie einen neuen Fiesling einführt, oder die Hauptfigur über eine Reihe von Bänden gegen denselben Bösewicht antritt: Stets sollte der Antagonist eine echte Herausforderung sein und das bedrohen, was der Hauptfigur am wichtigsten ist. Je größer die Gefahr, umso mehr auf dem Spiel steht, desto motivierter wird die Hauptfigur am Ball bleiben.
Auch über unzählige Serien-Bände hinweg.

Natürlich kann sich das Ziel einer Hauptfigur im Laufe einer Serie auch ändern. Große Wendepunkte in einer laufenden Serie halten die Handlung in Schwung, so können Hauptfiguren sich verlieben, heiraten, Kinder kriegen, sich scheiden lassen und wieder neu verlieben. Große Wendungen können neue Charakter-Motivationen erwirken, wie z.B. : Neue Beziehungen zu anderen Figuren, ein plötzlicher Verlust oder ein Gewinn, einen Umschwung oder Aufstieg in der Karriere, mysteriöse Entdeckungen oder Auflösung eines Geheimnisses …

Mehr noch als der Einzelroman- Held lebt die Serien-Figur von stets neuen Wendungen.
Das alles gilt natürlich auch, wenn die Serie mehr als eine Hauptfigur hat, oder die Handlung sich um multiple Figuren dreht, die alle ihren eigenen Spannungsbogen und eigene Entwicklungen durchmachen, wofür sie natürlich eigene Konflikte, Ziele, Träume und Hintergrundgeschichten benötigen. Mehr noch als im Einzelroman muss der Serienautor sich Gedanken über alle seine Figuren machen. Um den Überblick nicht zu verlieren, ist es ratsam, sich eine Serienbibel anzulegen, in der man alle Details, Hintergrundwissen und geplante Wendungen notiert, aber auch, was man bereits in welchem Band enthüllt hat, was feststeht und wo man eventuelle noch Freiheit hat, Änderungen vorzunehmen. Denn die besten Ideen kommen beim Schreiben.


Hier geht es weiter mit das Gesetz der Serie Teil 5: Wie handhabt man Hintergrundgeschichten in Serien?