Montag, 24. März 2014

Ich schreibe ein Buch und werde reich


Business Bunny Teil 1


Wie läuft das eigentlich mit Autoren? Bekommen sie eine Gage, ein Gehalt, werden sie ausbezahlt oder am Gewinn beteiligt?
Wer sich noch nie damit befasst hat, hat vielleicht keine (oder eine falsche) Vorstellung davon, was Autoren verdienen und wie sie bezahlt werden, deswegen erklärt euch das Business Bunny (das bin ich !) das jetzt mal.
Ein Autor bekommt kein Gehalt (denn er ist kein Angestellter eines Verlages). Die Arbeit eines Schriftstellers wird auf Honorarbasis vergütet.
Sachtexte und Artikel für Zeitschriften werden per Normseite vergütet, journalistische Texte per Wort.
Im Falle einer Kurzgeschichte oder einer Kolumne erhält der Autor dagegen meistens ein einmaliges Festhonorar, z.B. 100,- Euro für eine Kurzgeschichte. Mit diesem Honorar erwirbt der Herausgeber des Magazins (bzw. der Verlag) das Recht zur Veröffentlichung und Vervielfältigung an dem Werk. (Was genau das bedeutet, wird später noch einmal thematisiert.)
Nur 100,- Euro für eine Kurzgeschichte?
Das erscheint nicht sonderlich viel, ist aber ein üblicher Preis für eine Geschichte von ca. 5-10 Normseiten. Je nach Bekanntheit des Autors und Auflagenhöhe des Magazins kann es auch mehr oder weniger sein.
Mit dieser einmaligen Zahlung ist beim Autor bereits alles abgegolten, am Verkauf der Zeitschrift oder des Magazins wird er nicht weiter beteiligt.

Anders sieht es bei Romanen aus, dort wird der Autor am Verkauf jedes einzelnen Exemplares beteiligt und erhält sog. Tantiemen.

Das ist verständlich, denn schließlich ist seine Kurzgeschichte in einem Magazin nur ein kleiner Beitrag von vielen, während ein Roman ausschließlich aus dem von ihm verfassten Text besteht. Dennoch erhält ein Autor nur einen sehr kleinen Prozentsatz vom Verkauf des Buches, nämlich etwas zwischen 5-10 %.
Das erscheint sehr wenig (ist es auch), aber man darf nicht vergessen, dass der Autor vielleicht den ganzen Text zwischen den Buchdeckeln geliefert hat, dass aber auch noch eine Menge anderer Leute an dem Endprodukt „Buch“ beteiligt waren, und dass nicht nur der Autor daran verdienen will, sondern auch noch der Verlag, der Vertrieb und der Buchhändler, ganz abgesehen von der Druckerei, dem Papierhersteller, dem Coverdesigner, den Marketingleuten, der Presseabteilung, den Lektoren, den Großhändlern, Auslieferern, Lageristen und dem Finanzamt.

Beim Autor kommt am Ende dieser sehr langen Verwertungskette also nur sehr wenig an, und er muss viele viele viele Exemplare verkaufen, damit er seine Miete zahlen kann (geschweige denn auf einen Stundenlohn kommt, der nicht im Centbereich liegt.)

Die Höhe der Tantiemen hängt außerdem davon ab, wie viel der Verlag zahlen kann (ob es sich um einen großen Verlag handelt oder um einen kleinen und ob der Autor ein bekannter Bestsellerautor oder ein unbekannter Neuling ist) und ob das Werk als Taschenbuch, Tradepaperback, Ebook oder Hardcover erscheint. Für Hardcover bekommt der Autor mehr Geld, weil Hardcover teurer sind und weil die Verlage sich von einem Hardcover-Titel mehr versprechen.
Sollte sich ein Titel sehr gut verkaufen, wird üblicherweise ein höherer Prozentsatz ab einem bestimmten Abverkauf vereinbart.

Die Prozentstaffelung sieht in etwa so aus:

Taschenbücher: 6% (bis 25.000 Exemplare)

               7% (bis 50.000 Exemplare)

               8% (bis 100.000 Exemplare)

     9% (danach)* 


Hardcover

               9% (bis 10.000 Exemplare)

              10% (bis 20.000 Exemplare)

              11% (bis 50.000 Exemplare)

              12% danach 

Sehr wichtig: Diese Zahlen sind auf Basis des Nettoladenpreises, das heißt, der Ladenverkaufspreis abzüglich der Mehrwertsteuer von 7% bei Büchern. (bei Ebooks liegt die Mehrwertsteuer sogar bei 19% !)

Hier ein kleines Rechenbeispiel: Ein Buch wird als Taschenbuch zu 10,00 Euro in einer Erstauflage von 1500 Exemplaren veröffentlicht. Bei einer Absatzbeteiligung von 6% vom Nettoladenverkaufspreis ab dem 1. verkauften Exemplar ergibt sich folgende Rechnung: Ladenverkaufspreis 10,00 Euro Vermindert um 7% MwSt. 70 ct. = Nettoladenverkaufspreis 9,30 Davon 6% = 56 ct/verkauftes Exemplar.

Das heißt, der Autor verdient an jedem verkauften Buch 56 Cent.

Sollte die gesamte Erstauflage von 1500 Exemplaren verkauft werden, erhält der Autor 840,- Euro.

Im Hardcover: Ladenpreis 18,90 €, das sind netto 17,50 €. Davon 9% sind 1,57 €. Das ist ja schon mal fast das dreifache als die 56 Cent im Taschenbuch. Pro 1.000 verkaufte Bücher sind das 1570,- €,

Bei 10.000 Exemplaren wären das schon ganze 15.700 €.
Prinzip verstanden?
10.000 Exemplare im Hardcover zu verkaufen, ist aber leider gar nicht so einfach; realistisch ist das leider für die wenigsten Titel.
Eine Auflage von 1500 Exemplaren im Taschenbuch ist da schon reeller. Für einen Kleinverlag ist das schon ein Bestseller, und wenn der Autor es schafft, alle Exemplare zu verkaufen, dann kann er das als Erfolg werten. Und sich über seine 840,- Euro freuen.

Größere Verlage stellen größere Anforderungen und hoffen natürlich, mehr Exemplare an den Mann und die Maus bringen zu können, deswegen starten sie mit einer höheren Auflage von vielleicht 2500 – 5000 Exemplaren. Wenn sie einem Werk nicht zutrauen, nicht mindestens so viel Absatz zu finden, nehmen sie es erst gar nicht unter Vertrag, denn der Aufwand lohnt sich nicht. (Schließlich verdient auch der Verlag nur wenige Cent am Verkauf des Buches, in etwa in Höhe des Autors, doch er muss davon noch viel mehr Ausgaben tilgen als dieser.)
Weil der Verlag also glaubt, er könne locker 5000 Exemplare und mehr verkaufen, zahlt er dem Autor ein Garantiehonorar, den sog. Vorschuß.
Und was es mit dem Vorschuß so auf sich hat, das erklärt euch das Business Bunny beim nächsten Mal, wenn es heißt: Den Vorschuß darfst du behalten. 

(*Disclaimer: Die Prozentangaben der Tantiemen sind ein Beispiel und können von einzelnen Verlagsverträgen abweichen; viele Verlage bieten keine Staffelung der Honorare an oder bieten weniger Prozente. Unter 5% im Taschenbuch sollte aber kein Autor gehen.) 

Mehr zu dem Thema:
  • Wie viel verdienen Autoren?

  • Was bedeuten Tantiemen und Nettoverlagserlös?

  • Was passiert bei Verramschung?

  • Wie kann man die Rechte an seinen Werken zurückbekommen?

  • Welche Rechte sollte man überhaupt an einen Verlag abgeben?

  • Kann man Audio- und Ebookrechte behalten und selbst ausüben?

  • uvm.  kann man in meinem Ebook "Verlagsverträge für Autoren - verstehen und verhandeln" nachlesen. Oder hier in meinem Blog.

Donnerstag, 20. März 2014

Lasst uns über Geschäftliches reden …



Das Literaturkaninchen redet übers Business
Das Literaturkaninchen hat sich für euch in die Höhle des Löwen gewagt, und hat drei Monate lang ein Praktikum in einer Literaturagentur absolviert. Dort hat es einiges gelernt, und will nun seine unendliche Weisheit mit euch teilen, deswegen lasst uns für eine Weile die handwerkliche Seite des Schreibens beiseite lassen und über Geschäftliches reden.
Also über Geld, Verträge und so.
Jaja, ich sehe euch mit den Augen rollen, aber wenn Deiner Einer es mit dem Schreiben tatsächlich ernst meint, dann muss er sich auch über die finanzielle Seite des Geschichtenerzählens Gedanken machen. Dann sollte er anfangen, wie ein Geschäftsmann zu denken und seine Autorenschaft wie eine Selbstständigkeit zu behandeln. Die wirtschaftliche Seite des Schreibens wird von Autoren gerne ignoriert, sie träumen von schnellen Bestsellern oder „wollen doch nur schreiben“. Doch das ist ein Fehler.
Je mehr Deiner Einer über den Literaturbetrieb als Wirtschaftsunternehmen versteht, desto mehr besteht die Chance, dass er auch ein wenig vom Kuchen abbekommt (und sich nicht über den Tisch ziehen lässt.)

Das Business Bunny erklärt euch darum in nächster Zeit, wie das so ist mit den Autorenhonoraren, wie viel ein Autor realistisch verdient, was Tantiemen und Vorschüsse sind, wie Verlagsverträge aussehen und worauf man achten muss, welche Klauseln gefährlich werden können und was man auf keinen Fall tun sollte.

Das ganze erscheint unter einer neuen Rubrik, meinem Alter Ego dem „Business Bunny“ und beginnt gleich nächste Woche mit dem Thema:

Ich schreibe ein Buch und werde reich. 
Und für alle, die jetzt die Ohren zugeklappt haben: Das Kaninchen wird auch wieder über das Schreibhandwerk reden. Versprochen.

Dann werden wir uns einer meiner Lieblingsthemen zuwenden: Dem Schreiben für Serien.

Oder, wer gleich voll ins Thema einsteigen will, dem empfehle ich mein Ebook:
"Verlagsverträge für Autoren - verstehen und verhandeln".




Montag, 10. Februar 2014

Tempus Fugit Teil III:


oder: Mündlicher Sprachgebrauch

Pfote aufs Herz: Wer hat die Hausaufgaben vom letzten Mal gemacht? Keiner? Ts... 
Hättest du sie gemacht, und den Abschnitt aus „Die Tribute von Panem“ in die Vergangenheitsform des epischen Präteritums gesetzt, dann würde das Ergebnis so lauten:

„Vor Prims Knien hockte der hässlichste Kater der Welt und hielt Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hatte ihn Butterblume genannt, sie beharrte darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussah wie die leuchtende Blume. Der Kater hasste mich. Misstraute mir zumindest. Obwohl es Jahre her war, erinnerte er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht hatte, ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause gebracht hatte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals hatte gebrauchen können, war ein weiteres Maul gewesen, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hatte so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach hatten behalten müssen. Es war gut gegangen. Meine Mutter hatte ihn von den Parasiten befreit und er war der geborene Mäusejäger. Fing gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnahm, warf ich Butterblume die Innereien hin. Dafür fauchte er mich nicht mehr an.“

Und?
Klingt ein wenig doof an manchen Stellen, oder?
Deswegen rät das Literaturkaninchen dir, es nicht so stehen zu lassen.
Wie? Das Kaninchen hat doch gesagt, so sei das richtig und wenn man im Präteritum schreibt, dann muss man alles Vorvergangene ins Plusquamperfekt setzen. Und das haddu gemacht.
Ja, schon. Aber Deiner Einer vergisst etwas dabei.
Nämlich, dass wir es bei „Die Tribute von Panem“ mit einem Ich-Erzähler zu tun haben.
Und ein Ich-Erzähler hat eine eigene Stimme, sie ist wie eine Figur, die uns in ihrer eigenen Sprache mit all ihren Eigenarten und Besonderheiten ihre Geschichte erzählt. Und ist daher viel dichter an der gesprochenen Sprache dran, als ein anderer Erzähler.

Ein Ich darf also eine Zeit verwenden, die grammatikalisch evtl. falsch ist, die aber besser klingt.
So würde ich den oberen Abschnitt, wenn man ihn ins epische Präteritum, also in die Vergangenheitsform als Standarterzählzeit versetzen will, so schreiben:

„Vor Prims Knien hockte der hässlichste Kater der Welt und hielt Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hatte ihn Butterblume genannt, sie beharrte darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussah wie die leuchtende Blume. Der Kater hasste mich. Misstraute mir zumindest. Obwohl es Jahre her war, erinnerte er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht hatte, ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hatte so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es ging gut. Meine Mutter hatte ihn von den Parasiten befreit und er war der geborene Mäusejäger. Fing gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnahm, warf ich Butterblume die Innereien hin. Dafür fauchte er mich nicht mehr an.“

Was habe ich gemacht? Ich habe es der ursprünglichen Version stellenweise wieder angeglichen, die das Perfekt verwendet. Warum? Weil wir Deutschen im mündlichen Sprachgebrauch oft lieber das Perfekt verwenden, auch wenn das Plusquamperfekt angebracht wäre. Wir Deutschen finden nämlich unsere eigene Sprache ziemlich umständlich. Was dazu führt, dass wir sie im mündlichen Sprachgebrauch nicht mehr grammatikalisch korrekt verwenden.
Und deine Figuren auch nicht.
Das bedeutet, dass deine Figuren in der direkten Rede (in Dialogen) das Perfekt verwenden sollten, selbst wenn die Erzählung im
(epischen) Präteritum geschrieben ist.
Und alle Ich-Erzähler auch. (Einschließlich des Omniscient Overt Narrators!)
Die Verwendung der Zeitformen ist nämlich ein wichtiges Werkzeug um die Stimme eines Erzählers zu modulieren und ihm Persönlichkeit zu verleihen.
Das könnte dann nämlich zum Beispiel so klingen:


„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. Weil heute bin ich die Ruhe in Person. Und müsste schon etwas Besonderes passieren, dass ich mich noch einmal aufrege. Die Zeiten sind vorbei, wo mich alles gleich aus der Fassung gebracht hat. Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich da schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo. […] Für ein Kind kann das auch nicht gut sein, immer Hin und her, und ich glaube, die Tochter vom Kressdorf hat die Autobahn schon für ihr Spielzimmer gehalten. Aber ich muss zugeben, das ist einmal ein nettes Kind gewesen. Nicht wie heute die Kinder allgemein, also kein bitte, kein Danke, kein Grüssgott. […] Jetzt weil ich gerade sage Säuglingsstation. Die Frau vom Kressdorf ist Ärztin gewesen, die hat ihr eigenes Institut gehabt, eine kleine Etagenklinik im 1. Bezirk.“

In diesem kurzen Abschnitt purzeln die Zeiten munter durcheinander, gerade so, wie dem Erzähler die Schnauze gewachsen ist. Und das ist auch gut so.
Noch einmal zusammengefasst:

Das Präteritum ist die natürliche Erzählzeit (Stichwort: Episches Präteritum). Rückblenden werden ins Plusquamperfekt gesetzt, aus dem der Autor sich in einer längeren Rückblende nach ein paar Sätzen ins Präteritum zurückmogelt, um das sperrige "hatte" zu vermeiden. Die Figuren verwenden in der wörtlichen Rede Präsens und Perfekt.


YA und Thriller werden heutzutage häufig im Präsens geschrieben, was den Effekt hat, dass die Leser sich „live dabei“ fühlen. Rückblenden werden ins Perfekt gesetzt, kein Mogeln notwendig. Ereignisse, die noch länger in der Vergangenheit liegen, können dann grammatikalisch korrekt im Plusquamperfekt wiedergegeben werden, was den Vorteil hat, dass man eine Vor-Vorvergangenheit darstellen kann.
Figuren verwenden in Dialogen ebenfalls Präsens und Perfekt.

Ich-Erzähler verwenden Grammatik, die näher am mündlichen Sprachgebrauch liegt.

Freitag, 31. Januar 2014

Tempus Fugit Teil II


...oder: Was ist das Epische Präteritum?








Beim letzten Mal hat sich Meiner Einer Gedanken über Erzählzeiten gemacht (und über graue Haare.) Der Autor hat nämlich die Wahl zwischen zwei Zeitformen, dem Präteritum oder dem Präsens. (Theoretisch kann ein Autor natürlich machen, was er will und sogar alles im Perfekt schreiben oder im Futur II. Aber lassen wir den Unfug.)
Das Präteritum ist die „natürliche“ Erzählzeit, aber das Präsens inzwischen auf dem Vormarsch. Besonders bei Jugendbuchbestsellern.

Gönnen wir uns doch einmal den Spaß und versetzen den Anfang von
Die Tribute von Panem“ ins Präteritum:

Als ich aufwachte, war die andere Seite des Bettes kalt. Ich streckte die Finger aus und suchte nach Prims Wärme, fand aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim musste schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute war der Tag der Ernte.“

Und schon taucht hier die erste Schwierigkeit auf. 
Heute war der Tag der Ernte ist rein grammatikalisch betrachtet falsch. Auf das Zeitwort Heute kann logisch kein Verb im Präteritum, also war, folgen.
Warum aber ist Heute war der Tag der Ernte hier dennoch richtig?

Weil es sich hierbei um ein Werk der Fiktion handelt, und in der Fiktion verwenden wir nicht das grammatikalische Präteritum, sondern das sogenannte epische Präteritum.


Dadurch dass der gesamte Text ins Präteritum gesetzt wird (weil es einen Erzähler gibt, der über etwas berichtet, dass vor langer Zeit irgendwann passiert ist) verliert das Präteritum seine grammatikalische Funktion. Die Vergangenheitsform bedeutet in einer fiktiven Welt nicht länger, dass es sich um Vergangenes handelt, sondern wird (nach einer Weile des „Hineinlesens“) zur Gegenwart. Das Präteritum verliert "seine grammatische Funktion, das Vergangene zu bezeichnen". (vgl. Käthe Hamburger, Die Logik der Dichtung).
Und dadurch ist ein Satz wie Heute war der Tag der Ernte auf einmal möglich.
Und er stößt dem Leser nicht einmal auf. Im Gegenteil. Das epische Präteritum ist für uns als Leser ein Zeichen dafür, dass wir es mit einer Fiktion, also einer Geschichte, zu tun haben. Es ist ein Zeichen für uns, uns zurückzulehnen und zuzuhören. Es war einmal


Was machen wir aber, wenn wir etwas bezeichnen wollen, das vor den Ereignissen in der Vergangenheit stattgefunden hat? Also in der Vorvergangenheit liegt?
Dann müssen wir uns des Plusquamperfekts bedienen.
Dadurch, dass in einer Geschichte eine (fiktive) Gegenwart im Tempus der Vergangenheit erzählt wird, "verschiebt" sich das gesamte Zeitgefüge in der erzählerischen Fiktion. Wenn eine Geschichte im Präteritum erzählt wird, muss eine vergangene Handlung, also etwas bereits vorher Geschehenes, logischerweise im Plusquamperfekt erscheinen.
Beispiel: 

"Am Nachmittag kam (Präteritum) Besuch. Am Vormittag hatte (Plusquamperfekt)sie deswegen noch ihr Zimmer aufgeräumt. Gestern Abend hatte es dort noch ausgesehen wie Sau." 

Beides, der Vormittag und Gestern, liegen (aus der Sicht der Figur) in der Vergangenheit; gestern ist sogar noch länger her. Dennoch gibt es keine andere Zeitform, mit der wir das Vor-Vor- Vergangene ausdrücken könnten. Beides muss daher ins Plusquamperfekt versetzt werden.
Das führt dann schnell zu sehr vielen hatte und hatte gemacht gehabt in einem Text. 
Das ist unschön, klingt nicht gut, ist sperrig und sieht doof aus.
Deswegen bedient sich der kluge Autor eines Tricks, und mogelt sich in Rückblenden aus dem Plusquamperfekt nach ein paar Sätzen wieder hinaus. Er rutscht einfach rüber ins Präteritum und wenn er die Rückblende beendet, kennzeichnet er den Übergang durch ein erneutes, kleines hatte und macht dann mit der Standarterzählzeit (Präteritum) weiter. 

Haben wir uns dagegen für eine Erzählung im Präsens entschieden, so setzen wir Rückblenden oder Ereignisse, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, nicht ins Präteritum (wie man meinen könnte), sondern ins Perfekt. 
Siehe Suzanne Collins:Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele: Band 1

Vor Prims Knien hockt(Präsenz)der hässlichste Kater der Welt und hält Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hat (Perfekt) ihn Butterblume genannt, sie beharrt darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussieht wie die leuchtende Blume. Der Kater hasst mich. Misstraut mir zumindest. Obwohl es Jahre her ist, erinnert er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht habe (Perfekt), ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hat(Perfekt) so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es ging gut. Meine Mutter hat (Perfekt)ihn von den Parasiten befreit und er ist der geborene Mäusejäger. Fängt gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnehme, werfe ich Butterblume die Innereien hin. Dafür faucht er mich nicht mehr an.“


Und jetzt kommst du:
Wie müsste das Ganze lauten, wenn die Geschichte im Präteritum geschrieben worden wäre?


Hausaufgabe: Kopiere die kurze Passage aus „Die Tribute von Panem“ und setze sie ins Epische Präteritum.

(Die Auflösung, wie es „richtig“ gemacht werden muss, und das es mehr als eine Lösung gibt, erfährst du beim nächsten Mal.)

Dienstag, 7. Januar 2014

Tempus fugit ...


...oder welche Erzählzeit wähle ich?





Wie die Zeit vergeht. Schon haben wir 2014 und mein Spiegelbild behauptet ich hätte ein erstes graues Haar. Als ob. Das liegt nur an der Beleuchtung. Oder der Umweltverschmutzung. Jedenfalls bringt mich das zu einem Thema, das irgendwie auch noch mit Erzählhaltungen zu tun hat (obwohl ich das Thema ja nun wirklich langsam ad acta legen wollte), aber dennoch ein ganz anderes wichtiges und häufig unüberlegt benutztes Werkzeug der Romanschreiberei ist, und zwar: Die Erzählzeit.

Dem Autor von Romanen stellt sich nämlich die Frage: Erzähle ich meine Geschichte im Präsens oder im Präteritum?

Und was ist der Unterschied?

Normalerweise werden Geschichten im Präteritum erzählt. Da Romane aus einer mündlichen Erzähltradition heraus entstanden sind, ist das ganz natürlich, denn wir können nur über etwas berichten, das bereits passiert ist, also in der Vergangenheit liegt. Das bedeutet, dass wir immer aus einem Abstand heraus, also in der Retrospektive, über Ereignisse berichten und dabei automatisch eine Auswahl und eine Bewertung treffen. Wie ein klassischer Erzähler eben, den wir aus den Märchen kennen: „Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte.“ (Schneewittchen)

Immer wenn wir uns in der Haltung eines allwissenden Erzählers befinden (omniscient overt, omniscient non overt oder First Person omniscient) muss also automatisch das Präteritum als Erzählzeit benutzt werden.
Dabei wird eine Distanz zum Erzählten aufgebaut, der Leser nimmt die Handlung als etwas an, das in grauer Vorzeit passiert ist und die Figuren als jemanden, der schon lange tot ist. Doch nach einer Weile hat der Leser sich eingewöhnt, er „vergisst“, dass es sich um ein Ereignis in der Vergangenheit handelt und nimmt die Vergangenheitsform als „Gegenwart“ an. Der Erzähler hat seine Erzählzeit etabliert. „Es geschah im Jahre 1850, da saß eine Königin an einem Fenster …“ Schon bald darauf akzeptiert der Leser 1850 als Gegenwart; er befindet sich sozusagen zusammen mit der Figur in die Zeit zurück versetzt und alles was davor war, ist für ihn erst die Vergangenheit, alles was danach kommt, die Zukunft. „Die Königin wusste nicht, dass ihr zwei Jahre später ein Sohn geboren werden sollte, aber sie erinnerte sich an den schweren Schneesturm in ihrer Kindheit.“ Die Geburt des Sohnes liegt also in der Zukunft und der Schneesturm in der Vergangenheit; unabhängig davon, dass der Leser selber sich im Jahre 2014 befindet (und sein erstes graues Haar betrachtet.)

Was aber passiert, wenn wir den Anfang von Schneewittchen ins Präsens versetzen?

Mitten im Winter sitzt eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hat, und näht, während die Schneeflocken leise wie Federn vom Himmel herab fallen.“

Schön nicht wahr? Die ganze Szene wirkt auf einmal viel lebendiger, die Handlung unmittelbarer, der Leser hat jetzt das Gefühl „live dabei zu sein“. Und das nur durch den einfachen Handgriff, die grammatische Erzählzeit umzuändern. (Und seine Allwissenheit aufzugeben, und die Erzählhaltung eines limited omniscient Narrators einzunehmen. Für das Präsens musste der Satz „Es war einmal“ natürlich gestrichen werden. Ein kleiner aber feiner Unterschied.)

Dieses „live dabei“-Feeling kommt vom Fernsehen. Wir sind es seit beinahe nun hundert Jahren gewohnt, Geschichten unmittelbar vor unseren Augen als Bilder mitzuerleben und nicht mehr, der Stimme eines Erzählers zu lauschen, der von fernen Ereignissen in fremden Ländern und grauer Vorzeit berichtet. Das hat dazu geführt, dass das Präsens als Erzählzeit Einzug in unsere Romane genommen hat, und in manchen Genres, wie z.B. Thriller oder Jugendbuch, mittlerweile sogar überwiegt.
Vor allem im Bereich Jugendbuch ist das Präsens sehr beliebt, da die jüngeren Leser ja umso stärker von visuellen Erzählformen geprägt sind, als die etwas ältere Generation. Es gibt zwar noch immer Romane im Bereich YA, die in der Vergangenheitsform geschrieben sind, aber ein Blick auf die aktuellen Bestsellerlisten zeigt, dass die Gegenwartsform Standard bei erfolgreichen Jugendbüchern ist.

Suzanne Collins:"Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele: Band 1"

Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. Ich strecke die Finger aus und suche nach Prims Wärme, finde aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim muss schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute ist der Tag der Ernte.“
 
Wenn Deiner Einer findet, dass das irgendwie komisch klingt, dann nur, weil es eine Gewöhnungssache ist. Wer jedoch viel im Präsens gelesen hat, dem kommt die Vergangenheitsform komisch vor. So gibt es viele Leser, die ein Buch kategorisch wieder weg legen, wenn es nicht im Präsens geschrieben ist, und umgekehrt. Das ist schade, aber man kann es nicht jedem recht machen. Ich empfehle, nicht selber in diese Falle zu tappen, sondern sich bewusst auf beide Zeitformen beim Lesen einzulassen, denn beide haben ihre Vor-und Nachteile und ihren ganz besonderen Reiz.

Das Präsenz als Erzählzeit :

Vorteile


-  Unmittelbarer, der Leser ist „Live“ dabei.
-  Liest sich eher wie ein Drehbuch (Live dabei Effekt); die Glaubwürdigkeit ist sehr hoch, da das Erzählte im Hier und Jetzt geschieht und nicht von einem (evtl. unzuverlässigen) Erzähler berichtet wird. 
-  Verben haben eine stärkere Wirkung
-  Rückblenden werden ins Perfekt oder ins Präteritum gesetzt, man umgeht daher das sperrige Plusquamperfekt mit „hatte“.
-  Der Erzähler weiß selber nicht, was als nächstes geschehen wird, die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen erhöht sich.


Nachteile

-  liest sich eher wie ein Drehbuch. Das bedeutet, es fordert einen eher reportageartigen Stil der kaum Platz für Metaphern oder schöne Beschreibungen lässt.
-   Erhöhtes Erzähltempo, fordert schnelle Passagen.
-   Zeitraffer und Zeitsprünge sind schwerer zu konstruieren.
-   Vorausgriffe in die Zukunft nicht möglich.
-   Kann unglaubwürdig wirken, wenn die Figur z.B. kämpft und gleichzeitig beschreibt, was um sie herum geschieht.(Gefahr von Logikbrüchen)
- Große Schauplätze und komplizierte Handlungen, bei denen viel gleichzeitig passiert, können nicht dargestellt werden.
-  Fordert chronologisches Erzählen


Das Präteritum als Erzählzeit:
Vorteile
-    ist die „natürliche“ Erzählzeit
-    Allwissender Erzähler ist möglich; d.h. er ist frei in Zeit und Raum, kann beliebig auf zukünftige und vergangene Ereignisse hindeuten
-   Meinungen und Bewertungen eines allwissenden Erzählers haben Platz
-   Zeitraffer und Sprünge über große Zeitabstände (Jahre, Jahrhunderte)sind einfacher
-   Nicht- lineares Erzählen ist möglich
-   Platz für poesievolle Beschreibungen, Metaphern und literarischere Sprache.
-  Rahmenhandlungen möglich

Nachteile
-   Schafft eine Distanz zum Erzählten (die aber irgendwann „vergessen“ wird)
-    Wirkt unglaubwürdiger, da durch den Filter der Erinnerung erzählt
-   Rückblenden müssen ins Plusquamperfekt versetzt werden, was zu umständlichen „hatte“ Konstruktionen führt. (Wie man das umgeht, erkläre ich beim nächsten Mal.)
-   Grammatikalisch kann es zu Verwirrungen führen, wenn man mit mehreren Zeitebenen arbeitet und die Vergangenheit von der Vorvergangenheit von der Vor-Vorvergangenheit trennen muss.

Wenn man sich einmal für eine Erzählzeit entschieden hat, muss 
man sie das ganze Manuskript hindurch beibehalten und kann nicht 
einfach so wechseln. (Eine Ausnahme bilden Rahmen- und 
Schachtelerzählungen, bei denen zwischen mehreren Erzählebenen 
hin und her gesprungen werden kann.)

Beide Erzählzeiten haben grammatikalisch und logisch ihre Tücken 
beim Schreiben. 

Und diese Tücken schauen wir uns beim nächsten Mal an, wenn es 
wieder heißt: