Donnerstag, 20. März 2014

Lasst uns über Geschäftliches reden …



Das Literaturkaninchen redet übers Business
Das Literaturkaninchen hat sich für euch in die Höhle des Löwen gewagt, und hat drei Monate lang ein Praktikum in einer Literaturagentur absolviert. Dort hat es einiges gelernt, und will nun seine unendliche Weisheit mit euch teilen, deswegen lasst uns für eine Weile die handwerkliche Seite des Schreibens beiseite lassen und über Geschäftliches reden.
Also über Geld, Verträge und so.
Jaja, ich sehe euch mit den Augen rollen, aber wenn Deiner Einer es mit dem Schreiben tatsächlich ernst meint, dann muss er sich auch über die finanzielle Seite des Geschichtenerzählens Gedanken machen. Dann sollte er anfangen, wie ein Geschäftsmann zu denken und seine Autorenschaft wie eine Selbstständigkeit zu behandeln. Die wirtschaftliche Seite des Schreibens wird von Autoren gerne ignoriert, sie träumen von schnellen Bestsellern oder „wollen doch nur schreiben“. Doch das ist ein Fehler.
Je mehr Deiner Einer über den Literaturbetrieb als Wirtschaftsunternehmen versteht, desto mehr besteht die Chance, dass er auch ein wenig vom Kuchen abbekommt (und sich nicht über den Tisch ziehen lässt.)

Das Business Bunny erklärt euch darum in nächster Zeit, wie das so ist mit den Autorenhonoraren, wie viel ein Autor realistisch verdient, was Tantiemen und Vorschüsse sind, wie Verlagsverträge aussehen und worauf man achten muss, welche Klauseln gefährlich werden können und was man auf keinen Fall tun sollte.

Das ganze erscheint unter einer neuen Rubrik, meinem Alter Ego dem „Business Bunny“ und beginnt gleich nächste Woche mit dem Thema:

Ich schreibe ein Buch und werde reich. 
Und für alle, die jetzt die Ohren zugeklappt haben: Das Kaninchen wird auch wieder über das Schreibhandwerk reden. Versprochen.

Dann werden wir uns einer meiner Lieblingsthemen zuwenden: Dem Schreiben für Serien.

Oder, wer gleich voll ins Thema einsteigen will, dem empfehle ich mein Ebook:
"Verlagsverträge für Autoren - verstehen und verhandeln".




Montag, 10. Februar 2014

Tempus Fugit Teil III:


oder: Mündlicher Sprachgebrauch

Pfote aufs Herz: Wer hat die Hausaufgaben vom letzten Mal gemacht? Keiner? Ts... 
Hättest du sie gemacht, und den Abschnitt aus „Die Tribute von Panem“ in die Vergangenheitsform des epischen Präteritums gesetzt, dann würde das Ergebnis so lauten:

„Vor Prims Knien hockte der hässlichste Kater der Welt und hielt Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hatte ihn Butterblume genannt, sie beharrte darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussah wie die leuchtende Blume. Der Kater hasste mich. Misstraute mir zumindest. Obwohl es Jahre her war, erinnerte er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht hatte, ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause gebracht hatte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals hatte gebrauchen können, war ein weiteres Maul gewesen, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hatte so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach hatten behalten müssen. Es war gut gegangen. Meine Mutter hatte ihn von den Parasiten befreit und er war der geborene Mäusejäger. Fing gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnahm, warf ich Butterblume die Innereien hin. Dafür fauchte er mich nicht mehr an.“

Und?
Klingt ein wenig doof an manchen Stellen, oder?
Deswegen rät das Literaturkaninchen dir, es nicht so stehen zu lassen.
Wie? Das Kaninchen hat doch gesagt, so sei das richtig und wenn man im Präteritum schreibt, dann muss man alles Vorvergangene ins Plusquamperfekt setzen. Und das haddu gemacht.
Ja, schon. Aber Deiner Einer vergisst etwas dabei.
Nämlich, dass wir es bei „Die Tribute von Panem“ mit einem Ich-Erzähler zu tun haben.
Und ein Ich-Erzähler hat eine eigene Stimme, sie ist wie eine Figur, die uns in ihrer eigenen Sprache mit all ihren Eigenarten und Besonderheiten ihre Geschichte erzählt. Und ist daher viel dichter an der gesprochenen Sprache dran, als ein anderer Erzähler.

Ein Ich darf also eine Zeit verwenden, die grammatikalisch evtl. falsch ist, die aber besser klingt.
So würde ich den oberen Abschnitt, wenn man ihn ins epische Präteritum, also in die Vergangenheitsform als Standarterzählzeit versetzen will, so schreiben:

„Vor Prims Knien hockte der hässlichste Kater der Welt und hielt Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hatte ihn Butterblume genannt, sie beharrte darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussah wie die leuchtende Blume. Der Kater hasste mich. Misstraute mir zumindest. Obwohl es Jahre her war, erinnerte er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht hatte, ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hatte so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es ging gut. Meine Mutter hatte ihn von den Parasiten befreit und er war der geborene Mäusejäger. Fing gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnahm, warf ich Butterblume die Innereien hin. Dafür fauchte er mich nicht mehr an.“

Was habe ich gemacht? Ich habe es der ursprünglichen Version stellenweise wieder angeglichen, die das Perfekt verwendet. Warum? Weil wir Deutschen im mündlichen Sprachgebrauch oft lieber das Perfekt verwenden, auch wenn das Plusquamperfekt angebracht wäre. Wir Deutschen finden nämlich unsere eigene Sprache ziemlich umständlich. Was dazu führt, dass wir sie im mündlichen Sprachgebrauch nicht mehr grammatikalisch korrekt verwenden.
Und deine Figuren auch nicht.
Das bedeutet, dass deine Figuren in der direkten Rede (in Dialogen) das Perfekt verwenden sollten, selbst wenn die Erzählung im
(epischen) Präteritum geschrieben ist.
Und alle Ich-Erzähler auch. (Einschließlich des Omniscient Overt Narrators!)
Die Verwendung der Zeitformen ist nämlich ein wichtiges Werkzeug um die Stimme eines Erzählers zu modulieren und ihm Persönlichkeit zu verleihen.
Das könnte dann nämlich zum Beispiel so klingen:


„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. Weil heute bin ich die Ruhe in Person. Und müsste schon etwas Besonderes passieren, dass ich mich noch einmal aufrege. Die Zeiten sind vorbei, wo mich alles gleich aus der Fassung gebracht hat. Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich da schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo. […] Für ein Kind kann das auch nicht gut sein, immer Hin und her, und ich glaube, die Tochter vom Kressdorf hat die Autobahn schon für ihr Spielzimmer gehalten. Aber ich muss zugeben, das ist einmal ein nettes Kind gewesen. Nicht wie heute die Kinder allgemein, also kein bitte, kein Danke, kein Grüssgott. […] Jetzt weil ich gerade sage Säuglingsstation. Die Frau vom Kressdorf ist Ärztin gewesen, die hat ihr eigenes Institut gehabt, eine kleine Etagenklinik im 1. Bezirk.“

In diesem kurzen Abschnitt purzeln die Zeiten munter durcheinander, gerade so, wie dem Erzähler die Schnauze gewachsen ist. Und das ist auch gut so.
Noch einmal zusammengefasst:

Das Präteritum ist die natürliche Erzählzeit (Stichwort: Episches Präteritum). Rückblenden werden ins Plusquamperfekt gesetzt, aus dem der Autor sich in einer längeren Rückblende nach ein paar Sätzen ins Präteritum zurückmogelt, um das sperrige "hatte" zu vermeiden. Die Figuren verwenden in der wörtlichen Rede Präsens und Perfekt.


YA und Thriller werden heutzutage häufig im Präsens geschrieben, was den Effekt hat, dass die Leser sich „live dabei“ fühlen. Rückblenden werden ins Perfekt gesetzt, kein Mogeln notwendig. Ereignisse, die noch länger in der Vergangenheit liegen, können dann grammatikalisch korrekt im Plusquamperfekt wiedergegeben werden, was den Vorteil hat, dass man eine Vor-Vorvergangenheit darstellen kann.
Figuren verwenden in Dialogen ebenfalls Präsens und Perfekt.

Ich-Erzähler verwenden Grammatik, die näher am mündlichen Sprachgebrauch liegt.

Freitag, 31. Januar 2014

Tempus Fugit Teil II


...oder: Was ist das Epische Präteritum?








Beim letzten Mal hat sich Meiner Einer Gedanken über Erzählzeiten gemacht (und über graue Haare.) Der Autor hat nämlich die Wahl zwischen zwei Zeitformen, dem Präteritum oder dem Präsens. (Theoretisch kann ein Autor natürlich machen, was er will und sogar alles im Perfekt schreiben oder im Futur II. Aber lassen wir den Unfug.)
Das Präteritum ist die „natürliche“ Erzählzeit, aber das Präsens inzwischen auf dem Vormarsch. Besonders bei Jugendbuchbestsellern.

Gönnen wir uns doch einmal den Spaß und versetzen den Anfang von
Die Tribute von Panem“ ins Präteritum:

Als ich aufwachte, war die andere Seite des Bettes kalt. Ich streckte die Finger aus und suchte nach Prims Wärme, fand aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim musste schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute war der Tag der Ernte.“

Und schon taucht hier die erste Schwierigkeit auf. 
Heute war der Tag der Ernte ist rein grammatikalisch betrachtet falsch. Auf das Zeitwort Heute kann logisch kein Verb im Präteritum, also war, folgen.
Warum aber ist Heute war der Tag der Ernte hier dennoch richtig?

Weil es sich hierbei um ein Werk der Fiktion handelt, und in der Fiktion verwenden wir nicht das grammatikalische Präteritum, sondern das sogenannte epische Präteritum.


Dadurch dass der gesamte Text ins Präteritum gesetzt wird (weil es einen Erzähler gibt, der über etwas berichtet, dass vor langer Zeit irgendwann passiert ist) verliert das Präteritum seine grammatikalische Funktion. Die Vergangenheitsform bedeutet in einer fiktiven Welt nicht länger, dass es sich um Vergangenes handelt, sondern wird (nach einer Weile des „Hineinlesens“) zur Gegenwart. Das Präteritum verliert "seine grammatische Funktion, das Vergangene zu bezeichnen". (vgl. Käthe Hamburger, Die Logik der Dichtung).
Und dadurch ist ein Satz wie Heute war der Tag der Ernte auf einmal möglich.
Und er stößt dem Leser nicht einmal auf. Im Gegenteil. Das epische Präteritum ist für uns als Leser ein Zeichen dafür, dass wir es mit einer Fiktion, also einer Geschichte, zu tun haben. Es ist ein Zeichen für uns, uns zurückzulehnen und zuzuhören. Es war einmal


Was machen wir aber, wenn wir etwas bezeichnen wollen, das vor den Ereignissen in der Vergangenheit stattgefunden hat? Also in der Vorvergangenheit liegt?
Dann müssen wir uns des Plusquamperfekts bedienen.
Dadurch, dass in einer Geschichte eine (fiktive) Gegenwart im Tempus der Vergangenheit erzählt wird, "verschiebt" sich das gesamte Zeitgefüge in der erzählerischen Fiktion. Wenn eine Geschichte im Präteritum erzählt wird, muss eine vergangene Handlung, also etwas bereits vorher Geschehenes, logischerweise im Plusquamperfekt erscheinen.
Beispiel: 

"Am Nachmittag kam (Präteritum) Besuch. Am Vormittag hatte (Plusquamperfekt)sie deswegen noch ihr Zimmer aufgeräumt. Gestern Abend hatte es dort noch ausgesehen wie Sau." 

Beides, der Vormittag und Gestern, liegen (aus der Sicht der Figur) in der Vergangenheit; gestern ist sogar noch länger her. Dennoch gibt es keine andere Zeitform, mit der wir das Vor-Vor- Vergangene ausdrücken könnten. Beides muss daher ins Plusquamperfekt versetzt werden.
Das führt dann schnell zu sehr vielen hatte und hatte gemacht gehabt in einem Text. 
Das ist unschön, klingt nicht gut, ist sperrig und sieht doof aus.
Deswegen bedient sich der kluge Autor eines Tricks, und mogelt sich in Rückblenden aus dem Plusquamperfekt nach ein paar Sätzen wieder hinaus. Er rutscht einfach rüber ins Präteritum und wenn er die Rückblende beendet, kennzeichnet er den Übergang durch ein erneutes, kleines hatte und macht dann mit der Standarterzählzeit (Präteritum) weiter. 

Haben wir uns dagegen für eine Erzählung im Präsens entschieden, so setzen wir Rückblenden oder Ereignisse, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, nicht ins Präteritum (wie man meinen könnte), sondern ins Perfekt. 
Siehe Suzanne Collins:Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele: Band 1

Vor Prims Knien hockt(Präsenz)der hässlichste Kater der Welt und hält Wache. Eingedrückte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen Kürbisses. Prim hat (Perfekt) ihn Butterblume genannt, sie beharrt darauf, dass das schlammgelbe Fell exakt so aussieht wie die leuchtende Blume. Der Kater hasst mich. Misstraut mir zumindest. Obwohl es Jahre her ist, erinnert er sich bestimmt immer noch daran, wie ich versucht habe (Perfekt), ihn in einem Kübel zu ertränken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres Kätzchen, den Bauch voller Würmer, das Fell ein Tummelplatz für Flöhe. Das Letzte, was ich damals brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gefüttert werden wollte. Doch Prim hat(Perfekt) so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es ging gut. Meine Mutter hat (Perfekt)ihn von den Parasiten befreit und er ist der geborene Mäusejäger. Fängt gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild ausnehme, werfe ich Butterblume die Innereien hin. Dafür faucht er mich nicht mehr an.“


Und jetzt kommst du:
Wie müsste das Ganze lauten, wenn die Geschichte im Präteritum geschrieben worden wäre?


Hausaufgabe: Kopiere die kurze Passage aus „Die Tribute von Panem“ und setze sie ins Epische Präteritum.

(Die Auflösung, wie es „richtig“ gemacht werden muss, und das es mehr als eine Lösung gibt, erfährst du beim nächsten Mal.)

Dienstag, 7. Januar 2014

Tempus fugit ...


...oder welche Erzählzeit wähle ich?





Wie die Zeit vergeht. Schon haben wir 2014 und mein Spiegelbild behauptet ich hätte ein erstes graues Haar. Als ob. Das liegt nur an der Beleuchtung. Oder der Umweltverschmutzung. Jedenfalls bringt mich das zu einem Thema, das irgendwie auch noch mit Erzählhaltungen zu tun hat (obwohl ich das Thema ja nun wirklich langsam ad acta legen wollte), aber dennoch ein ganz anderes wichtiges und häufig unüberlegt benutztes Werkzeug der Romanschreiberei ist, und zwar: Die Erzählzeit.

Dem Autor von Romanen stellt sich nämlich die Frage: Erzähle ich meine Geschichte im Präsens oder im Präteritum?

Und was ist der Unterschied?

Normalerweise werden Geschichten im Präteritum erzählt. Da Romane aus einer mündlichen Erzähltradition heraus entstanden sind, ist das ganz natürlich, denn wir können nur über etwas berichten, das bereits passiert ist, also in der Vergangenheit liegt. Das bedeutet, dass wir immer aus einem Abstand heraus, also in der Retrospektive, über Ereignisse berichten und dabei automatisch eine Auswahl und eine Bewertung treffen. Wie ein klassischer Erzähler eben, den wir aus den Märchen kennen: „Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte.“ (Schneewittchen)

Immer wenn wir uns in der Haltung eines allwissenden Erzählers befinden (omniscient overt, omniscient non overt oder First Person omniscient) muss also automatisch das Präteritum als Erzählzeit benutzt werden.
Dabei wird eine Distanz zum Erzählten aufgebaut, der Leser nimmt die Handlung als etwas an, das in grauer Vorzeit passiert ist und die Figuren als jemanden, der schon lange tot ist. Doch nach einer Weile hat der Leser sich eingewöhnt, er „vergisst“, dass es sich um ein Ereignis in der Vergangenheit handelt und nimmt die Vergangenheitsform als „Gegenwart“ an. Der Erzähler hat seine Erzählzeit etabliert. „Es geschah im Jahre 1850, da saß eine Königin an einem Fenster …“ Schon bald darauf akzeptiert der Leser 1850 als Gegenwart; er befindet sich sozusagen zusammen mit der Figur in die Zeit zurück versetzt und alles was davor war, ist für ihn erst die Vergangenheit, alles was danach kommt, die Zukunft. „Die Königin wusste nicht, dass ihr zwei Jahre später ein Sohn geboren werden sollte, aber sie erinnerte sich an den schweren Schneesturm in ihrer Kindheit.“ Die Geburt des Sohnes liegt also in der Zukunft und der Schneesturm in der Vergangenheit; unabhängig davon, dass der Leser selber sich im Jahre 2014 befindet (und sein erstes graues Haar betrachtet.)

Was aber passiert, wenn wir den Anfang von Schneewittchen ins Präsens versetzen?

Mitten im Winter sitzt eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hat, und näht, während die Schneeflocken leise wie Federn vom Himmel herab fallen.“

Schön nicht wahr? Die ganze Szene wirkt auf einmal viel lebendiger, die Handlung unmittelbarer, der Leser hat jetzt das Gefühl „live dabei zu sein“. Und das nur durch den einfachen Handgriff, die grammatische Erzählzeit umzuändern. (Und seine Allwissenheit aufzugeben, und die Erzählhaltung eines limited omniscient Narrators einzunehmen. Für das Präsens musste der Satz „Es war einmal“ natürlich gestrichen werden. Ein kleiner aber feiner Unterschied.)

Dieses „live dabei“-Feeling kommt vom Fernsehen. Wir sind es seit beinahe nun hundert Jahren gewohnt, Geschichten unmittelbar vor unseren Augen als Bilder mitzuerleben und nicht mehr, der Stimme eines Erzählers zu lauschen, der von fernen Ereignissen in fremden Ländern und grauer Vorzeit berichtet. Das hat dazu geführt, dass das Präsens als Erzählzeit Einzug in unsere Romane genommen hat, und in manchen Genres, wie z.B. Thriller oder Jugendbuch, mittlerweile sogar überwiegt.
Vor allem im Bereich Jugendbuch ist das Präsens sehr beliebt, da die jüngeren Leser ja umso stärker von visuellen Erzählformen geprägt sind, als die etwas ältere Generation. Es gibt zwar noch immer Romane im Bereich YA, die in der Vergangenheitsform geschrieben sind, aber ein Blick auf die aktuellen Bestsellerlisten zeigt, dass die Gegenwartsform Standard bei erfolgreichen Jugendbüchern ist.

Suzanne Collins:"Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele: Band 1"

Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. Ich strecke die Finger aus und suche nach Prims Wärme, finde aber nur das raue Leinen auf der Matratze. Prim muss schlecht geträumt haben und zu Mutter geklettert sein. Natürlich. Heute ist der Tag der Ernte.“
 
Wenn Deiner Einer findet, dass das irgendwie komisch klingt, dann nur, weil es eine Gewöhnungssache ist. Wer jedoch viel im Präsens gelesen hat, dem kommt die Vergangenheitsform komisch vor. So gibt es viele Leser, die ein Buch kategorisch wieder weg legen, wenn es nicht im Präsens geschrieben ist, und umgekehrt. Das ist schade, aber man kann es nicht jedem recht machen. Ich empfehle, nicht selber in diese Falle zu tappen, sondern sich bewusst auf beide Zeitformen beim Lesen einzulassen, denn beide haben ihre Vor-und Nachteile und ihren ganz besonderen Reiz.

Das Präsenz als Erzählzeit :

Vorteile


-  Unmittelbarer, der Leser ist „Live“ dabei.
-  Liest sich eher wie ein Drehbuch (Live dabei Effekt); die Glaubwürdigkeit ist sehr hoch, da das Erzählte im Hier und Jetzt geschieht und nicht von einem (evtl. unzuverlässigen) Erzähler berichtet wird. 
-  Verben haben eine stärkere Wirkung
-  Rückblenden werden ins Perfekt oder ins Präteritum gesetzt, man umgeht daher das sperrige Plusquamperfekt mit „hatte“.
-  Der Erzähler weiß selber nicht, was als nächstes geschehen wird, die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen erhöht sich.


Nachteile

-  liest sich eher wie ein Drehbuch. Das bedeutet, es fordert einen eher reportageartigen Stil der kaum Platz für Metaphern oder schöne Beschreibungen lässt.
-   Erhöhtes Erzähltempo, fordert schnelle Passagen.
-   Zeitraffer und Zeitsprünge sind schwerer zu konstruieren.
-   Vorausgriffe in die Zukunft nicht möglich.
-   Kann unglaubwürdig wirken, wenn die Figur z.B. kämpft und gleichzeitig beschreibt, was um sie herum geschieht.(Gefahr von Logikbrüchen)
- Große Schauplätze und komplizierte Handlungen, bei denen viel gleichzeitig passiert, können nicht dargestellt werden.
-  Fordert chronologisches Erzählen


Das Präteritum als Erzählzeit:
Vorteile
-    ist die „natürliche“ Erzählzeit
-    Allwissender Erzähler ist möglich; d.h. er ist frei in Zeit und Raum, kann beliebig auf zukünftige und vergangene Ereignisse hindeuten
-   Meinungen und Bewertungen eines allwissenden Erzählers haben Platz
-   Zeitraffer und Sprünge über große Zeitabstände (Jahre, Jahrhunderte)sind einfacher
-   Nicht- lineares Erzählen ist möglich
-   Platz für poesievolle Beschreibungen, Metaphern und literarischere Sprache.
-  Rahmenhandlungen möglich

Nachteile
-   Schafft eine Distanz zum Erzählten (die aber irgendwann „vergessen“ wird)
-    Wirkt unglaubwürdiger, da durch den Filter der Erinnerung erzählt
-   Rückblenden müssen ins Plusquamperfekt versetzt werden, was zu umständlichen „hatte“ Konstruktionen führt. (Wie man das umgeht, erkläre ich beim nächsten Mal.)
-   Grammatikalisch kann es zu Verwirrungen führen, wenn man mit mehreren Zeitebenen arbeitet und die Vergangenheit von der Vorvergangenheit von der Vor-Vorvergangenheit trennen muss.

Wenn man sich einmal für eine Erzählzeit entschieden hat, muss 
man sie das ganze Manuskript hindurch beibehalten und kann nicht 
einfach so wechseln. (Eine Ausnahme bilden Rahmen- und 
Schachtelerzählungen, bei denen zwischen mehreren Erzählebenen 
hin und her gesprungen werden kann.)

Beide Erzählzeiten haben grammatikalisch und logisch ihre Tücken 
beim Schreiben. 

Und diese Tücken schauen wir uns beim nächsten Mal an, wenn es 
wieder heißt: 

Montag, 9. Dezember 2013

Sonderformen der Erzählhaltung Teil 3: Der Watson Charakter



…oder: Wer ist hier die Hauptfigur?


Wenn ein Autor sich für die Erzählhaltung des Ich-Erzählers entscheidet, dann wohl hauptsächlich, weil er eine faszinierende und starke Hauptfigur hat, die ihre Geschichte dem Leser aus ihrem eigenen Munde erzählen soll.

In den meisten Fällen wählt man also seinen Protagonisten zum Ich-Erzähler. 
Doch es gibt Ausnahmen. 
In der Erzählhaltung des „First Person Periphal Narrators“ ist der Erzähler ein Charakter in der Geschichte, der nur Zeuge der Handlung ist und die Aktivitäten der Hauptfigur dem Leser berichtet. Dabei kann dieser „Periphal Narrator“ entscheidenden Anteil an dem Verlauf der Handlung haben und bei jeder Action mit dabei sein, ja sogar den Antagonisten im Kampf besiegen, aber er ist dennoch nicht die Hauptfigur.
Ein berühmtes Beispiel für diesen Erzählertyp ist F. Scott Fitzgerald’s Der große Gatsby.Die Geschichte von Gatsby wird nämlich durch die Augen von Nick Carraway erzählt.

Als ich letzten Herbst aus dem Osten zurückkam, wünschte ich mir jedenfalls, die ganze Welt wäre noch in Uniform und würde moralisch weiterhin strammstehen; ich wollte keine zügellosen Exkurse und allzu vertraulichen Einblicke in das menschliche Herz mehr. Nur Gatsby, der Mann, der diesem Buch den Namen gibt, war davon ausgenommen – ausgerechnet Gatsby, der alles repräsentierte, was ich ehrlich verachte.“


Als “Periphal Narrator” beobachtet Nick die Vorkommnisse, nimmt Teil an den Partys und reagiert auf die Handlung von welcher er ein Teil ist, aber das Hauptaugenmerk ist und bleibt die ganze Zeit bei Gatsby.
Es sind Gatsbys Lieben und Leidenschaften, denen wir folgen. Von Nick erfahren wir nur wenig.
Links: Toby Mcguire als Nick Carraway; Rechts: Leonardo DiCaprio als der Große Gatsby.


Während der Periphal Narrator also nicht selbst der Fokus der Handlung ist, ist er dennoch der Fokus der Erzählung, denn seine Beobachtungen und die Interpretation dieser spielen eine bedeutende Rolle in der Entfaltung der Geschichte. Dabei muss er aber mehr tun, als nur objektiv (oder subjektiv) zu berichten. Sonst wäre er ja ein objektive Narrator und man könnte die Figur weglassen. Die Figur des peripheren Ich-Erzählers sollte durch die Ereignisse, die sie beobachtet, eine Wandlung durchmachen und am Ende ein Fazit (moralischer Art) ziehen. Seine Beschreibungen und Gedanken während der Geschichte müssen diese Wandlung widerspiegeln.
Es sind die Leidenschaften Gatsbys, aber auf Nick üben sie eine große Wirkung aus.

Der Periphere Erzähler wird auch “Watson-Charakter” genannt.
Benannt nach niemand anderem als Dr Watson, dem Gefährten des berühmten Detektivs Sherlock Holmes.
Sir Arthur Conan Doyle hat sich nämlich als einer der ersten dieses Tricks bedient und seine Detektivgeschichten nicht durch die Augen seiner Meisterdetektivfigur, sondern durch dessen Sidekick und Freund Dr Watson beschrieben.
Und Deiner Einer könnte sich zu Recht fragen, warum Doyle nicht einfach Sherlock selbst hat seine Fälle berichten lassen. Das könnte doch wohl niemand besser als er, oder?
Nun, Sherlock - wenn auch unbestreitbar die Hauptfigur - eignet sich aus vielen Gründen leider nicht zum Erzähler: er ist hochintelligent aber arrogant; er ist von sich selbst eingenommen, emotional kalt und weigert sich oft, sein Wissen mit Außenstehenden zu teilen, da diese ihm zu langsam denken. Für den Leser könnte es schwierig sein – und ermüdend - den komplizierten Hirnwindungen des Sherlock Holmes zu folgen, während dieser gleichzeitig ein Dutzend verschiedener Theorien in seinem Kopfe wälzt und wieder verwirft … Kurz: Sherlock wäre ein mieser Erzähler.
Sein Freund Watson dagegen berichtet amüsant und emotional, befindet sich auf Augenhöhe mit dem Leser und hält auch nicht mit Kommentaren über Sherlocks Eigenarten hinter dem Berg:


„Ich werde Ihnen nicht viel mehr über den Fall erzählen; Doktor (Watson). Sie wissen schon: Ein Zauberer bekommt keinen Applaus mehr, wenn er erst seinen Trick verraten hat; und wenn ich Ihnen zu viel von meiner Arbeitsmethode zeige, werden Sie zu dem Schluß kommen, dass ich schließlich doch ein ganz gewöhnliches Individuum bin.“
„Zu diesem Schluß werde ich niemals kommen“, sagte ich. „Sie haben die Detektion einer exakten Wissenschaft so weit angenähert, dass man Sie in dieser Welt nicht mehr übertreffen wird.“
Mein Gefährte errötete vor Freude ob meiner Worte und der ernsthaften Art, in der ich sie vorbrachte. Ich hatte bereits festgestellt, dass er für Schmeicheleien über seine Kunst so empfänglich war, wie nur je ein Mädchen, wenn es um ihre Schönheit geht.

Nicht immer ist es also angebracht, in die Gedankenwelten der Hauptfigur einzutauchen, und sei sie noch so faszinierend.
Außer den oben genannten Gründen kann es dafür noch folgende geben:

  1. Die Hauptfigur soll am Ende der Geschichte sterben.
  2. Der Autor möchte, dass der Leser sich wundert, was die Hauptfigur eigentlich denkt/ vorhat, oder die Hauptfigur hat ein Geheimnis, dass dem Leser noch nicht bekannt sein darf.
  3. Die Hauptfigur versteht selber nicht, was um sie herum geschieht, aber der Autor will, dass der Leser eine klare Vorstellung davon hat.
  4. Die Hauptfigur macht keine bedeutende Wandlung durch. Tatsächlich hat die Handlung einen größeren Einfluss auf den Beobachter.
  5. Die Hauptfigur hat (Superhelden-)Fähigkeiten, die nicht von seiner eigenen Perspektive aus dargestellt werden können, ohne angeberisch zu wirken (anstatt cool).
  6. Der Autor stellt fest, dass die Leser sich nur schwer mit der Hauptfigur würden identifizieren können, mit einer der Nebenfiguren aber schon.
Und im Falle von Sherlock hat diese Konstellation mit Watson als Erzähler auch noch den schönen Vorteil, dass der Meisterdetektiv (wie es sich für einen klassischen Krimi gehört) am Ende alle Verdächtigen sowie die Detectives von Scotland Yard  in einem Raum um sich versammeln kann, um genüsslich Schritt für Schritt preisgeben zu können, wie schlau er eigentlich diesen Fall gelöst hat.
Dr Watson inklusive, der genau wie der Leser noch immer auf dem Schlauch steht.


Und nun, Gentleman“, fuhr er mit einem munteren Lächeln fort, “sind wir am Ende unseres kleinen Rätsels. Sie dürfen mir jetzt gern alle Fragen stellen, die mir zu stellen Sie wünschen, und es besteht keine Gefahr mehr, dass ich mich etwa weigern könnte, sie zu beantworten.“

- Sherlock Holmes in „Eine Studie in Scharlachrot“