Samstag, 12. Januar 2013

Die B-Story offenbart das Thema


"Know your Theme"
Du hast also eine Idee für eine Geschichte, eine Figur, die sich einer Gefahr oder einem Problem stellen muss, der sie im Wendepunkt I begegnet.
Nun solltest du dir Gedanken machen, wie deine Geschichte endet. Du solltest dir Gedanken machen über den Wendepunkt II.

Wenn du dem Beat Sheet von Blake Snyder gefolgt bist, dann befindet sich deine Figur jetzt an ihrem tiefsten Punkt („Dark Night of the soul“). Sie ist besiegt oder geschlagen worden, hat alles verloren und sieht keinen Ausweg mehr aus ihrer Situation, es scheint keine Lösung in Sicht.
Wie um Himmels Willen soll man denn nu der Figur wieder auf die Beine helfen? Wie soll Autor sie jetzt dazu bringen, sich aufzuraffen und in den Dritten Akt zu marschieren, um sich der Gefahr (dem Antagonisten oder der antagonistischen Kraft) zu stellen?
Die Antwort liegt in der B-Story.

Die B-Story ist eine Nebenhandlung, die kurz nach dem Wendepunkt I eingeführt wird. Hier begegnet der Protagonist einer neuen Figur (manchmal auch mehreren), die einen eigenen Konflikt in sich trägt. Häufig ist die B-Story die Liebesgeschichte, es kann aber auch ein Buddy, ein Mentor, ein Verdächtiger, ein scheinbarer Gegner oder einfach nur eine Figur aus dem Umfeld sein.
Diese Figur wurde im II. Akt eingeführt und kommt nun dem Protagonisten in seiner schwersten Stunde zu Hilfe. Das muss nicht heißen, dass sie tatsächlich anwesend ist, es kann auch sein, dass etwas, das sie gesagt oder getan hat, dem Prota nun zu einer Einsicht verhilft. Diese Einsicht oder Erkenntnis ist es, aus der er neuen Mut schöpft. ( Dies ist häufig so bei Liebesgeschichten.)
Der Einfluß der B-Figur kann aber noch viel stärker sein, als bloße Worte, sie kann sogar den Plan zum Erreichen des Ziels aufbringen.
Dies erschien mir zunächst widersprüchlich, soll doch ein Protagonist aktiv sein und sich bewusst und mit all seiner Kraft in den III. Akt aufmachen.
Also habe ich mal bei meinem Pumphosentragenden Meister nachgesehen, und siehe da:
In Shakespeares „Romeo & Julia“ hat keiner der beiden Protagonisten die entscheidende „rettende“ Idee.
Sie kommt von einer Nebenfigur, Pater Lorenzo. Er ist es, der Julia vorschlägt, ihren eigenen Tod vorzutäuschen.
Und dieser Plan führt bekanntermaßen zu dem tragischen Ende, dem Tod beider Protagonisten.
Das ist auch ein gutes Beispiel, weswegen ich meine, dass der Wendepunkt II das Herzstück einer Geschichte ist: Julia schluckt Gift, um ihren eigenen Tod vorzutäuschen, damit sie mit Romeo zusammen sein kann. Doch Romeo erfährt nichts von dem Plan und nimmt sich das Leben.
Dies ist die Kernidee von Romeo & Julia (zusammen mit dem „Ende“: Auch Julia nimmt sich das Leben.)
Die Ausgangsidee (Zwei Kinder verfeindeter Familien verlieben sich ineinander) ist dagegen eher schwach und untergeordnet. Nur im Zusammenspiel mit einem starken Wendepunkt II entfaltet die Geschichte ihre enorme Kraft, die sie auch noch Jahrhunderte später zu einer der bekanntesten Liebesgeschichte aller Zeiten werden lässt.
Dabei ist der Wendepunkt II unmittelbar mit dem Ende verbunden.
Und somit mit dem Thema.


Juliet
Tell me not, Friar, that thou hearest of this,
Unless thou tell me how I may prevent it.
If in thy wisdom thou can`st give no help,
Do thou but call my resolution wise,
And with this knife I`ll help it presently.”



Friar Lawrence
Hold, daughter; I do spy a kind of hope,
Which craves as desperate an execution
As that is desperate which we would prevent.
If, rather than to marry Count Paris,
Thou hast the strength of will to slay thyself,
Then it is likely thou wilt undertake
A thing like death to chide away this shame,
That cop`st with death himself to scape from it;
And, if thou darest, I`ll give thee remedy.”

Es ist also Julias Androhung von Selbstmord, die dem Pater Lorenzo die Idee für seinen verwegenen Plan gibt. (If Thou hast the strength of will to slay thyself, then it is likely thou wilt undertake a thing like death to chide away this shame).
Und hier kommt eine weitere wichtige Anweisung: Die B-Figur trägt das Thema offen aus. Sie ist die Figur, die als einzige das Thema direkt aussprechen (und den Protagonisten damit konfrontieren darf.) Und hier kommt ein Trick: Wenn du keine Ahnung hast, wie dein Wendepunkt II aussehen soll, dann lasse deine Nebenfigur den Protagonisten, der sich gerade an seinem tiefsten Punkt in Selbstmitleid wälzt, direkt auf das Thema ansprechen. Die Reaktion und Antwort deines Protagonisten darauf, wird dir zeigen, wie du den Dritten Akt löst. Wenn dir das zu plump und zu direkt ist, kannst du es später wieder löschen, oder den Dialog subtiler gestalten. Für den Moment scheue dich aber nicht, das Thema ungeschminkt auf den Tisch zu bringen.
An dieser Stelle stellen die meißten Autoren fest, dass sie gar nicht wissen, was ihr Thema ist.
Das ist erst einmal nicht schlimm.
Es braucht schon eine Weile, um darüber nachzugrübeln.
Oft lässt sich das Thema auch nicht in einem Satz oder auf einen einzigen Aspekt reduzieren.
Je sicherer du dir aber dessen bist, je genauer du dein Thema benennen kannst, umso besser.
Denn wenn du es erst einmal hast, wirst du feststellen, dass du zurückgehen und viele Szenen neu umschreiben willst. Vor allem die Nebenfigur gewinnt nun an neuer Kraft, denn sie sollte nicht nur das Thema laut ansprechen dürfen, sie sollte eine eigene Motivation, einen eigenen Konflikt und Kampf (und somit eine eigene Sichtweise auf die Dinge) haben.
Sie spiegelt den Protagonisten und den Konflikt von einer anderen Seite wider.

Wenn du dich an diese Ratschläge hälst und deinen Entwurf danach anpasst, wirst du sehen, dass du deine Schreibe auf ein ganz neues Level hievst.
Aber so was von.

Hier noch ein paar Fragen, die du dir stellen kannst, um dein Thema einzukreisen:

Warum schreibst du diese Geschichte?
Was magst du an dieser Geschichte?
Was möchtest du deinen Lesern mitgeben?
Wie sind deine Hauptfigur und dein Thema miteinander verbunden?
Was ist die persönliche Botschaft, die deine Geschichte tragen soll?
Was ist der Titel deiner Geschichte? Überraschenderweise kann man das Thema oft in Arbeitstiteln finden.


Und wenn es dir immer noch schwer fällt, mit einer knackigen Idee für den Wendepunkt II zu kommen, dann spiele auch hier (genau wie am Anfang) das Spiel: „Was wäre wenn?“

Was wäre, wenn du einen anderen Charakter an dieser Stelle auftreten lässt?
Was ist das genaue Gegenteil, das hier passieren könnte?
Was ist das dramatischste, das passieren könnte?
Wie willst du, dass deine Leser reagieren oder was sollen sie an dieser Stelle fühlen?

Mache dir Notizen zu mehreren Möglichkeiten.
Nimm nicht die allererste Idee, aber verwerfe sie auch nicht sofort.
Gib dir mit dem Wendepunkt II sehr viel Mühe; die größte Mühe!
Lass dir also Zeit.

Und höre auf dein Unterbewusstsein, versuche nicht, mit purer Logik alles zu lösen.

 Hier geht es weiter zum Finale.



Sonntag, 6. Januar 2013

Wendepunkt II - Das Herz deiner Geschichte




Wir haben also gelernt: Eine Geschichte besteht aus „Zwei Wendepunkten und etwas dazwischen."
Meiner Einer behauptet nun: Der Wendepunkt II ist der wichtigste Baustein deiner Geschichte.

Wendepunkt I ist vergleichsweise einfach. Er ist meißtens das, was Autoren als Allererstes einfällt. Er ist die Ausgangssituation, das Problem oder die Gefahr, der eine Figur sich zu stellen hat, er ist das Spiel mit der Frage„Was wäre wenn?“.
Was wäre, wenn jemand Schiffbruch mit einem Tiger begeht?
Was wäre, wenn die Kinder zweier verfeindeter Familien sich ineinander verlieben?
Was wäre, wenn ein Komet auf die Erde zurast und droht, die gesamte Menschheit zu vernichten?
Mit diesem hübschen Spiel beginnt jede Geschichte.
Der unerfahrene Schreiber glaubt an dieser Stelle, bereits eine Geschichte zu haben und will loslegen. Aber das ist ein Irrtum.
Der Wendepunkt II ist es, der eine Geschichte ausmacht.
Dort wird entschieden, wie die Geschichte ausgehen wird, die Antwort auf die Frage „Was wäre wenn?“.
Wird der Schiffbrüchige überleben oder sterben?
Werden die Liebenden einander kriegen oder nicht?
Wird die Katastrophe abgewendet und die Menschheit gerettet?
Doch am Wendepunkt II wird noch mehr entschieden, als nur Happy End oder Non Happy End.


Der Wendepunkt II einer Geschichte beinhaltet das Thema.


Und steckt hierin nicht die wahre Aufgabe eines Autoren?
Nicht im Finden von neuen, spektakulären Ausgangssituationen im Wendepunkt I, diese lassen sich vergleichsweise schnell und einfach finden.
Wie oft höre ich sowohl von Schreibenden als auch Nicht-Schreibenden, sie hätten da eine Idee für eine Geschichte? Und sie erzählen mir ihre Idee mit Euphorie und Begeisterung und fassen ihre Geschichte bis zum Wendepunkt I zusammen.
Und dann können sie mir nicht sagen, wie es weitergeht.
Wenn ich nachfrage, antworten sie oft „das werde sich schon finden“ und die „Ideen kommen beim Schreiben“.
Aber Sorry, Fakt ist, wenn du nicht weißt, wie es weitergeht, was der Wendepunkt II ist, dann hast du keine Story.
Denn eine Story handelt nicht vom Aufwerfen eines Problems (Konfliktes); sie handelt von ihrer Lösung.
Und die Art und Weise, wie du dieses Problem in deiner Geschichte löst, ist die Weisheit, die du mit deinen Lesern teilen willst. Es ist das, was du zu sagen hast.
Das Herz deiner Geschichte.
Es gibt kein Falsch oder Richtig beim Wendepunkt II. Der Held kann versagen oder gewinnen. Die Liebenden sich kriegen oder erst durch den Tod miteinander vereint werden. Alles ist möglich.
Das ist deine Entscheidung als Autor.
Doch hier offenbart sich deine Sicht auf die Welt.

Anderer Autor, anderes Ende. Anderes Ende andere Aussage.
Die Liebenden werden nur im Tod miteinander vereint; doch durch ihren Tod beenden sie einen blutigen Bürgerkrieg. (Shakespeares Romeo & Julia)
Der Komet kann aufgehalten werden: dadurch dass die Menschheit sich zusammen tut und eine internationale Crew ins All schickt. Die Crew verliert ihr Leben, aber die Menschheit wird gerettet. Im Überlebenskampf ist die Menschheit vereint. (Armageddon R.:Michael Bay)


Mit dem Wendepunkt II erschafft der Autor also seine Welt, sein Thema, seine Kernaussage, seine Geschichte.

Was der Autor aus einer Ausgangssituation im Wendepunkt I macht, ist die wahre Kraft des Geschichtenerzählens: Das Erschaffen und zu Ende führen eines Konfliktes, das im Kern nichts Geringeres als die Lebensphilosophie und Moral des Autoren in sich trägt. (Obwohl es selbstverständlich möglich ist, sich zu verstellen und eine Moral zu vertreten, die nicht die eigene ist. Oder sogar der eigenen entgegengesetzt, um Missstände und soziale Ungerechtigkeiten aufzudecken. Das ist die Waffe eines Autoren.)


Der Wendepunkt II ist also der wichtigste Baustein in der Arbeit eines Schriftstellers.
Hier schlägt das Herz einer jeden Geschichte und hier zeigt sich, aus welchem Holz du geschnitzt ist.


Wie nähern wir uns nun also diesem Monstrum?
Hier gebe ich ein paar Tipps, wie man sich den Wendepunkt II erarbeiten kann, welche Möglichkeiten man hat, diesen zu gestalten und was für Auswirkungen die Einführung einer B-Story (Nebenhandlung)hat.
Bis dahin wünscht Meiner Einer Euch ein aber noch ein Fröhliches Neues Jahr 2013.

Freitag, 14. Dezember 2012

"Save the Cat!"- Story Structure



Noch immer verloren in der Mitte, keine Ahnung wie Du den 2. Akt deines Romanes gestalten sollst? Auf der Suche nach einer Formel und Struktur?
Keine Sorge, Hilfe ist unterwegs: “Save the Cat!“ - Blakes Snyders Beat Sheet.


Auf der Suche nach einem Schreibratgeber, der eine Geschichte etwas feiner unterteilt, als bloß in zwei Wendepunkte und „etwas dazwischen“, wurde mir von drehbuchschreibenden Kollegen das Buch „Save the Cat!“ von Blake Snyder ans Herz gelegt.
Drehbuchschreiber haben eine ganz andere, erfrischende Herangehensweise an Geschichten, als Romanschreiber. Sie reden von Stoffen, Sequenzen, Pitch und Settings … und die Eingeweihten unter ihnen auch von Beats.


Was sind Beats?


Blake Snyder hat eine Formel für das Drehbuchschreiben aufgestellt, indem er die einzelnen Akte in weitere kleine Einheiten zerlegt und diese mit ihrer Aufgabe und Position innerhalb des Textes benennt.
Deiner Einer mag eine solche Formel zu steif und zu einengend vorkommen; mir nicht. Die Beats sind allgemein gehalten, wie man den Inhalt ausführt, wie man die geforderte Aufgabe eines Beats umsetzt, darin liegt ja die Kreativität. Was für Blake Snyder allerdings unveränderlich ist, ist die Position. Er gibt sogar exakte Seitenangaben, wann ein Beat zu erscheinen hat, also zum Beispiel der
1. Wendepunkt auf Seite 25 (wohlgemerkt eines Drehbuches).


Nur da und nirgendwo anders.
Das sind Anforderungen, wie sie das Blockbuster-Kino Hollywoods tatsächlich stellt und ein Schreiber, der an die großen Studios verkaufen will, tut gut, sich daran zu halten.
Wir Romanschreiber aber haben mehr Freiheiten.
Dennoch macht es Sinn, sich mit der Gewichtung der einzelnen Teile seiner Geschichte Mühe zu geben.


So sollte der 1. Akt 25%, der 2.Akt 50% und der 3.Akt wiederum 25% einer Geschichte ausmachen.
Weicht man allzusehr von dieser Daumenregel ab, läuft man Gefahr, dass sein Manuskript offBalance ist, man also Teile hat, die zu lang sind und den Leser mitunter langweilen.
Andere Autoren haben sich die Mühe gemacht, die Seitenangaben von Blake Snyder von Drehbuchangabe auf Normseiten eines Romanmanuskriptes umzurechnen, das geht am besten mit diesem praktischen Beat-Sheet-Rechner.

Aber was genau sind denn nun die einzelnen Beats aus Save the Cat?

Man findet dort im 1. Akt so altbekannte Sachen wie den „Catalyst“ = den auslösenden Moment, der bei Blake Snyder aber nicht mit dem ersten großen Wendepunkt identisch ist.
Das war die erste Erleuchtung für mich:


Es gibt einen auslösenden Moment, ein Ereignis (eine Katastrophe, ein Angebot, einen Call-to-action) doch dieses führt nicht unmittelbar zu einer Reaktion, sondern ist gefolgt von einem Moment des Zögerns und des Nachdenkens („Debate“) bevor der „Break in Act II“ erfolgt, dem großen Wendepunkt I also.
Dieser Wendepunkt sollte aus einer freiwilligen Entscheidung des Protagonisten heraus entstehen, keinesfalls sollte der Protagonist gezwungen werden oder keine andere Wahl haben. Es gibt immer eine andere Wahl (auch wenn diese unangenehm ist.) Ohne diese Entscheidung des Protagonisten gäbe es keine Geschichte. Er entscheidet sich für die Handlung.
Dann kommt der zweite Akt und auch dort wartet eine Überraschung auf mich: Blake Snyder findet in Geschichten einen „Midpoint“: der zweite Akt ist noch einmal sauber in zwei Hälften unterteilt.
Das macht Sinn!
Dieser Midpoint sorgt für einen Umbruch in der Geschichte, der nicht nur in den meißten Filmen visuell sichtbar ist, weil er z.b. von einer hellen Stimmung in eine düstere wechselt, sondern auch emotional spürbar. Von hier an wird für den Protagonisten alles schlimmer.
Man könnte also beinahe von einem dritten Wendepunkt in der Mitte der
Geschichte sprechen.
 Gerne würde ich hier näher auf die einzelnen Beats eingehen und sie euch in einer Kurzzusammenfassung vorstellen, aber das wäre nicht fair.
Diese Beats und die Theorie dahinter machen den Kern von Blake Snyders Werk aus, und wer sich dafür interessiert, sollte seinen Ratgeber kaufen. Der Autor (der inzwischen verstorben ist) hat mit seinen „Beat
Sheets“ Generationen an Hollywoodautoren beeinflußt und sein Ansatz
wird noch immer von den Großen gelehrt. Das Buch „Save the Cat!“ ist ein Klassiker unter den How-to-Drehbuch-Ratgebern und mit seinen günstigen 11,- Euro in der Ebook-Version die Anschaffung allemal wert. Nicht nur wegen der darin detailliert erklärten „Beats“, sondern auch wegen seiner unkonventionellen und genialen Klassifizierung von Genres.
Der launige Ton und Blakes augenzwinkernde Anekdoten über Hollywood haben das Buch insgesamt sofort zu einem meiner Lieblingsratgeber werden lassen.
Aber sowas von!


Die Universelle Story- Struktur

Blake Snyders Beat Sheet (und ähnliche Plotmodelle) bieten eine Plotstruktur, die sich an dem antiken Dramenmodell der 3-Akte orientiert und mit deren Hilfe man die Handlung eines Romans in obligatorische Szenen hinunterbrechen kann. Nachdem man die Grundidee festgehalten hat (Die Hauptfigur und ihr Ziel, das sie erreichen will, sowie die antagonistische kraft, die sich ihr entgegenstellt), fängt man an, die einzelnen Szenen stichwortartig auf Index-Karten festzuhalten.
Index-Karten sind deshalb so gut dafür geeignet, weil sie einen zwingen, bei kurzen Notizen zu bleiben, so dass man nicht zu sehr ins Ausformulieren gerät, und weil sie außerdem problemlos in der Reihenfolge durchgetauscht werden können. Am besten breitet man alle Szenen-Karten vor sich aus (auf einem breiten Tisch oder dem Fußboden) oder hängt sie an die Wand, um einen Überblick zu bekommen. Die Szenen sollten dann der Chronologie der Ereignisse nach ausgebreitet werden — aber nicht vergessen: Eine Erzählung muss nicht chronologisch sein, sie kann vorgreifen oder Rückblenden enthalten!
Wenn man noch nicht für alle Plotpoints eine Idee hat, so lässt man diese erstmal aus, und platziert eine leere Index-Karte. So bekommt man einen guten Überblick, welche Plotpoints (Beats) in der Geschichte noch fehlen, und wo man sich noch Gedanken machen muss.

Blake Snyders Beat- Sheet (ergänzt durch ein paar Scriptdoktor Plotpoints!)


1)      Opening image (Einführung der Hauptfigur): Ein charakterisierender Schnappschuss aus dem Alltag der Hauptfigur, knapp bevor sich ihr Leben auf den Kopf stellt und sich alles ändert. 
2)      Set up: Einführung aller weiteren wichtigen Figuren, Elemente und des Gefühls, dass etwas nicht stimmt und eine Änderung geschehen wird.
3)      Theme stated (Nennung des Themas): Die Wahrheit, Aussage oder Erfahrung, die die Hauptfigur durchlaufen muss, auch wenn sie sie an dieser Stelle noch nicht versteht oder gar verneint. Das Thema stellt eine moralische Frage/ Dilemma, die am Ende beantwortet werden muss.
4)      Catalyst / Inciting Incident (Auslöser):  etwas geschieht, dass das normale Leben der Hauptfigur auf den Kopf stellt; das Ereignis, dass den Hauptkonflikt auslöst; der Ruf ins Abenteuer. Der Antagonist tritt hier häufig in Erscheinung.
5)      Debate (Zögern): Die Hauptfigur zögert, das Abenteuer anzunehmen; Was steht auf dem Spiel? wird formuliert
6)      Break in Act II (Aufbruch in den II. Akt): Die Hauptfigur trifft die Entscheidung, den Ruf des Abenteuers anzunehmen, sich dem Problem zu stellen und ihr Ziel aktiv zu verfolgen.
7)      B-Story (Nebenhandlung): Der Konflikt einer Nebenfigur (die vielleicht bereits in 2)Set up vorgestellt wurde) wird eingeführt oder vertieft. Normalerweise  ergänzt die B-Story das  Hauptthema  oder  beleuchtet es von einer anderen Seite. Sidekicks, Buddys und Loveinterests, aber auch Mentoren und Feinde können hier auftreten.
8)      Promise of the premise (Fun  and  Games):  Die Hauptfigur  in ihrer  neuen  Welt;  hier  wird  die  Prämisse erfüllt. Handelt es sich um einen Actionthriller, gibt es hier eine Verfolgungsjagd, bei einer Liebesgeschichte eine Liebesszene, in einer Komödie etwas zu lachen und in einem Krimi die Verfolgung von Spuren.
9)      Temporary Triumph (vorübergehender Triumpf): Bei der Verfolgung ihres Ziels erlebt die Hauptfigur entweder kurzzeitigen Erfolg oder einen Misserfolg. In jedem Fall verkompliziert sich das Problem und das Tempo und die Spannung steigt.
10)   Midpoint (Reversal): Der Midpoint stellt die exakte Mitte des Buches dar. Hier muss etwas geschehen, dass alles, was die Hauptfigur bisher erreicht oder verstanden hat, wieder in Frage stellt. Neue Informationen, falsche Fährten, Verrat, Geheimnisse und Lügen sorgen dafür, dass die Hauptfigur ihr Ziel nicht auf dem Weg erreichen kann, den sie bisher eingeschlagen hatte.
11)   Bad guys close in (Bösewichter schlagen zu): Der Antagonist oder seine Helfer treten auf den Plan und stellen dem Helden weitere Hürden in den Weg. Kommt es zum Kampf, verliert der Held.
12)   All is lost (Alles ist verloren): Für den Helden sieht es schlecht aus: Seine Pläne sind gescheitert, sein Ziel in unerreichbare Ferne gerückt, der Antagonist hat (scheinbar) gewonnen. An dieser Stelle tritt häufig der Tod auf (ein Mentor, Freund oder Verbündeter stirbt.)
13)   Dark night of the soul (Düsterster Moment): Der Held ist am Ende und an dieser Stelle tritt seine innere Wunde zutage (sein want/ need kämpfen gegeneinander), alle Hoffnung scheint verloren.
14)   Break in Act III (Aufbruch in den III. Akt): Eine neue Information, Eingebung oder die Hilfe eines Verbündeten (häufig durch die B-Story) schüren wieder Hoffnung. An dieser Stelle erkennt die Hauptfigur manchmal ihren inneren Konflikt (Need) und was sie braucht, um ihr Ziel zu erreichen. Sie trifft die Entscheidung, es ein letztes Mal zu versuchen und sich dem Antagonisten zu stellen.  Ab hier gibt es kein Zurück!
15)   Final obstacle (Final Obstacle): Manchmal gibt es noch eine letzte Hürde (einen Handlanger, eine Falle, oder ein Problem aus der B-Story) zu überwinden, bevor der Held auf den Antagonisten trifft.
16)   Showdown (Finale): Die Hauptfigur tritt in ihrer neuen, stärkeren, erleuchteten Version dem Antagonisten gegenüber und es kommt zur finalen Konfrontation. Der Held hat seine Lektion aus dem Thema gelernt und wendet all seine neuen Erkenntnisse, Fähigkeiten oder Waffen gegen den Antagonisten an und erreicht sein Ziel.
17)   Pay off theme (Die Moral von der Geschichte): Die Lehre, die die Hauptfigur gezogen hat, wird ausgesprochen.
18)   Resolution (Auflösung): Alle noch offenen Handlungsstränge werden gelöst und auch die B-Story zu einem Abschluss geführt.
19)   Final Image: Der Held kehrt häufig zurück in seine alte Welt, aber er ist verändert. Spiegelung zum 1) opening image.              


Und nachdem wir uns das nun sorgfältig durchgelesen haben, kommen wir zu einer neuen, etwas feineren Grafik, was den Aufbau einer Geschichte in drei Akte angeht:
*Klicken um zu vergrößern*



Wenn man dieser Struktur folgt und die einzelnen Punkte stichwortartig für sich festhält, kommt man schon auf ein ziemlich gutes Skelett. Wie du siehst. Man kann dieses jetzt nutzen, um ein Exposé oder eine ausführliche Synopsis zu schreiben, um sich bei Verlagen zu bewerben. Oder man hangelt sich an diesem Gerüst lang, und schreibt seine Geschichte. Man hat ja jetzt schon alle wichtigen Szenen und muss diese nur noch ausformulieren.
Natürlich passiert es, dass man beim Schreiben feststellt, dass etwas nicht funktioniert, oder dass man neue, bessere Ideen bekommt. Das ist in Ordnung, dann passt man sein Gerüst (seine Index-Karten) einfach an.
Viele nutzen diese Methode um Projekte vor dem Schreiben zu durchdenken; dabei experimentieren sie mit den Positionen der einzelnen Szenen, fügen welche hinzu, oder verschieben sie. Das kann bei manchen Projekten einige Zeit in Anspruch nehmen; vor allem die wichtigen Wendepunkte (Break in Act I, Break in Act II und der Midpoint) sowie das Finale bereiten einem manchmal Probleme. Es kann viel Zeit und viel Brainstorming in Anspruch nehmen, die Lösung für ein Plotproblem zu finden. Aber mit Hilfe der Indexkarten kann man ein Projekt gut in der Schublade haben und immer mal wieder daran feilen.
Wem echte Index-Karten zu aufwändig sind, weil er keinen Platz hat, diese an die Wand zu hängen oder auszubreiten, der kann auf Schreibprogramme wie Scrivener oder Papyrus zurückgreifen, die Index-Karten symulieren.

Wenn man dieser Struktur folgt und die einzelnen Punkte stichwortartig für sich festhält, kommt man schon auf ein ziemlich gutes Skelett. Oder man stellt fest, dass man instinktiv sich in seinem ersten Entwurf bereits daran gehalten hat.
Auch zum Überprüfen und Redigieren eines fertigen Textes ist die Blake Snyder Methode sehr hilfreich.


Aristoteles hätte es gefallen.
Oder, Ari?

Denn es ist ebenso wie bei der Malerei. Denn wenn einer die schönsten Farben ohne Plan auftrüge, so würde er weniger angenehmen Effekt machen, als wenn er ein Bild mit der Kreide zeichnete.“ - Aristoteles

Genau.